«In der YB-Kabine ist es lauter»

Yuya Kubo fühlt sich in Bern wohl, isst gerne Raclette und verständigt sich mit den Mitspielern inzwischen auf Deutsch. Von der Schweizer Mentalität weiss der Japaner trotzdem nicht viel.

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Ruedi Kunz

Sie sind bald drei Jahre in der Schweiz. Was fehlt Ihnen am ­meisten?
Jetzt eigentlich nichts mehr. Am Anfang das Essen, die Sprache, die Freunde.

Haben Sie nie Heimweh?
Nicht wirklich. Ich kann zweimal im Jahr für ein paar Wochen nach Japan, das reicht mir.

Wie oft hat Sie Ihre Familie schon in der Schweiz besucht?
Einmal. Wir kommunizieren über Line, das wie Whatsapp funktioniert.

Sie sprechen mittlerweile ganz passabel Deutsch. Sind Sie fleissig am Üben zu Hause?
Zu Hause weniger. Aber ich gehe weiterhin zweimal in der Woche in einen Deutschkurs. Und ich unterhalte mich mit den Teamkollegen auf Deutsch.

Wie kommen Sie mit der Schweizer Küche klar?
Grundsätzlich mag ich sie. Ich habe mir sogar einen Raclette-Ofen gekauft, weil ich gerne geschmolzenen Käse esse. Meistens aber koche ich zuhause Japanisch, weil ich Verdauungsprobleme kriege, wenn ich nur hiesige Gerichte esse.

Haben Sie ein paar gute japanische Restaurants gefunden in Bern?
Das Taishi-Restaurant im Hotel Ambassador, die Sushi-Bar und das Japigo machen ihre Sache für hiesige Verhältnisse ganz gut, auch wenn der Fisch nicht so frisch ist wie in Japan (lacht).

Wie sieht es mit dem Sushi aus, welches in den hiesigen Supermärkten angeboten wird?
(Kubo verzieht das Gesicht) Die Qualität und der Preis stimmen nicht überein. Ohnehin ist mir aufgefallen, wie teuer in der Schweiz alles ist. Für ein Mittagessen beispielsweise bezahlst du hier das Doppelte wie in Japan, wo das Leben auch nicht günstig ist.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen Japan und der Schweiz sind gross: Was bereitet Ihnen am meisten Mühe in der Schweiz?
Ehrlich gesagt bekomme ich von der hiesigen Mentalität gar nicht so viel mit, da in unserem Team viele Nationalitäten vertreten sind und ich im Privatleben eher wenig mit Schweizern zu tun habe.

Also haben Sie in der Schweiz Landsleute gefunden?
Ja, ich habe im Raum Bern und in Zürich ältere Japaner kennen gelernt, die nicht aus dem Fussball kommen. Was mir ein bisschen fehlt, sind Gleichaltrige. Solche habe ich in Düsseldorf erstaunlich viele angetroffen, als ich meinen Bruder besuchte. Dort ist es mir atmosphärisch fast wie in Japan vorgekommen.

Welches sind die grössten Unterschiede zwischen YB und Kyoto Sanga, wo Sie zuvor gespielt haben?
Es gibt einige. In der YB-Kabine ist es lauter, und es wird generell mehr geredet miteinander. Ein geführtes Krafttraining, wie wir es hier haben, gab es bei Kyoto nicht. Ausserdem ist der Fussball in Japan ­technischer, die Spieler sind kleiner.

Heisst das, Sie haben gar nie Krafttraining gemacht, bevor Sie nach Bern kamen?
Doch, ich habe selber etwas Krafttraining betrieben. Richtig angefangen habe ich erst in Bern – wobei ich es dann im ersten Halbjahr übertrieben habe.

Inwiefern?
Ich habe fast 10 Kilogramm zugenommen, weil ich täglich im Kraftraum war und viel Schweinefleisch und Reis gegessen habe. Dadurch bin ich langsamer geworden, also musste ich wieder abnehmen. Jetzt bin ich wieder fast gleich schwer wie bei meiner Ankunft in Bern.

Sie kamen lange nicht über den Status des Ergänzungsspielers hinaus. In dieser Saison ist vieles anders: Sie gehören zu den Stammkräften und sind momentan der beste Skorer. Was ist passiert?
Nichts Ungewöhnliches. Weil ich regelmässig zum Spielen komme, fühle ich mich besser und traue mir mehr zu. Das hilft mir, wenn es mal nicht so gut läuft.

Ein junger Fussballer hat immer noch Verbesserungspotenzial. ­Woran müssen Sie arbeiten?
Ich muss vor dem Tor noch ruhiger und kaltblütiger werden. Im Kraftbereich will ich auch zulegen, ohne diesmal an Speed zu verlieren.

Welches sind Ihre wichtigsten ­Bezugspersonen im Team?
Dario Marzino, Alex González und ­Taulant Seferi.

Sind Sie mit ihnen auch privat zusammen?
Über Mittag gehen wir zusammen essen. Ansonsten eigentlich nicht.

Haben Sie viel Kontakt mit Sportchef Fredy Bickel?
Er ist viel bei der Mannschaft. Mein Berater regelt die wichtigen Dinge mit ihm.

Die guten Leistungen wurden auch in Japan registriert. Der Trainer des U-23-Nationalteams ist eigens nach Bern gereist, um Sie zu beobachten und mit YB über die Freigabe für die U-23-Asien-Meisterschaft im Januar in Katar zu verhandeln.
Das hat mich ausserordentlich gefreut, und ich bin glücklich, lässt mich YB an dieses Turnier reisen, obwohl es in die Vorbereitungszeit für die Rückrunde fällt.

Wie wichtig ist die Asien-Meisterschaft 2016 für Japan?
Weil es gleichzeitig das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro ist, hat diese Meisterschaft einen sehr hohen Stellenwert, vergleichbar mit der EM für europäische Länder.

Wie gross ist die Chance, dass Sie nächsten Sommer mit der U-23-­Nationalmannschaft nach Brasilien reisen können?
Das ist sehr schwierig zu sagen, weil sich nur die drei Turnierbesten für Olympia qualifizieren. In den Gruppenspielen, wo wir auf Nordkorea, Thailand und Saudiarabien treffen, gelten wir als Favorit. In den Viertel- und Halbfinals können wir auf starke Nationen wie Südkorea, Iran und Australien treffen. Da ist jeder Ausgang möglich.

Sind noch andere Spieler im Kader, die ihr Geld in Europa verdienen?
Einer – Takumi Minamino von Red Bull Salzburg. Die anderen sind alle in der obersten oder zweitobersten japanischen Liga tätig.

Olympia 2016 wäre für Sie eine grössere Bühne als die Super League, um sich zu präsentieren.
So weit mag ich noch gar nicht denken. Mein vordergründiges Ziel ist es, mich mit dem Team für das Turnier zu qualifizieren. Sollten wir es wirklich schaffen, ist es eine gute Plattform.

Im Sommer 2017 läuft Ihr Vertrag bei YB aus. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie danach nach Japan zurückkehren?
Sehr klein. Ich will in Europa bleiben.

In welcher der grossen europäischen Ligen würden Sie am liebsten tätig sein?
Meine Lieblingsliga ist die Serie A, die ich als Kind am TV verfolgt habe. Sie war meine Inspiration.

War es auch, weil Hidetoshi Nakata, der während seiner Aktivzeit äusserst populär war in Japan, bei mehreren Serie-A-Vereinen tätig war?
Nicht unbedingt. Ich habe mich mehr für die grossen Teams wie Juve, Milan und Inter interessiert als für einzelne Spieler. Wobei es tatsächlich eine indirekte Verbindung zwischen Nakata und mir gibt.

Und die ist?
Mein Berater Maurizio Morana war ­Nakatas Dolmetscher, als er in Italien spielte.

In der Bundesliga spielen etliche starke Japaner. Haben Sie Kontakt mit einem der Akteure?
Nein. Am meisten mit Minamino von Red Bull Salzburg.

Aber Sie fahren öfters nach Deutschland?
Seit mein Bruder dort spielt, ja.

Wo spielt Ihr Bruder Fussball?
Den Klubnamen habe ich vergessen. Es ist ein Verein der 5. Liga in der Nähe von Düsseldorf. (Anm. der Redaktion: Yuya Kubos drei Jahre älterer Bruder Takehiro steht seit dieser Saison beim KFC Uerdingen 05 unter Vertrag).

Auf welcher Position spielt Ihr Bruder?
Er ist auch Stürmer.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Fussball spielen?
Kaffee trinken mit Kollegen, japanische Filme schauen, Musik hören. Bei mir ­zu Hause läuft immer Musik.

Was für welche?
Japanische oder westliche Musik – je nach Stimmung und Tageszeit.

Stichwort Tattoos, die bei jungen Profifussballern weitverbreitet sind. Haben Sie auch eines?
Tattoos interessieren mich nicht. In Thermalbäder kannst du nicht, wenn du ein ­Tattoo hast – oder du musst es ab­decken. Tattoos sind in Japan noch immer ein Symbol für die Yakuza, die Mafia.

Der Bund

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