Impulse aus der Umkleide

Bei YB sitzt auch der zweite Anzug perfekt: Nach diversen Rotationen gewinnen die Berner bei GC mit 4:0 und warten optimistisch aufs Rückspiel gegen Kiew.

Zum Feiern aufgelegt: Marco Wölfli blieb in seiner 348. Super-League-Partie ohne Gegentor.

Zum Feiern aufgelegt: Marco Wölfli blieb in seiner 348. Super-League-Partie ohne Gegentor. Bild: Valeriano Di Domenico/Keystone

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Die Konturen zeigen sich erstaunlich früh. Man kann Leonardo Bertone zuhören, dem Mittelfeldspieler von YB, der letzte Saison 30 von 36 Meisterschaftspartien absolviert hat, sich zum Auftakt gegen Basel und beim Kampf um die Champions League gegen Kiew auf der Bank wiederfand und nun, am Samstagabend im Letzigrund, trotzdem strahlt wie ein Maikäfer.

Oder man kann sich mit Christian Fassnacht unterhalten, der eben zwei Tore und ein Assist zum 4:0 über GC beigesteuert hat und sich kurz mal sprichwörtlich kneifen muss, weil er vor drei Jahren noch auf dem Sportplatz Etzliberg in Thalwil auflief, gegen Wettswil und Höngg, gegen Mendrisio und Balzers.

Die neue Saison ist erst neun Tage alt, die Young Boys haben gerade mal drei Partien absolviert, und doch kann man als Betrachter gut nachvollziehen, was die Verantwortlichen gemeint haben, als sie noch während der Vorbereitung sagten, was Verantwortliche eines Sportclubs während der Vorbereitung eben so zu sagen pflegen. «Wir haben Spieler geholt, die zu uns passen», sagte Sportchef Spycher. «Die Mischung stimmt, wir sind stärker besetzt als letztes Jahr», urteilte Trainer Hütter.

Nun, nach dem umjubelten 2:0 gegen Meister Basel, dem durchzogenen 1:3 bei Dynamo Kiew und dem souveränen 4:0 gegen die Grasshoppers, nehmen diese Aussagen Konturen an, erhalten diese Andeutungen Gesichter. 18 Fussballer sind bei den Young Boys bislang zum Zug gekommen, alleine zwischen den beiden Auftritten in der Meisterschaft gab es fünf Wechsel, und doch hinterliess das Team sowohl beim Startsieg gegen Basel als auch beim Erfolg gegen GC einen sehr gefestigten Eindruck und ist mit sechs Punkten und 6:0-Toren Leader.

Damit es erwähnt ist: GC war am Samstagabend ein erschreckend schwacher Gegner, der spielerisch-aktive Betrieb beschränkte sich auf etwa zehn Minuten zu Beginn jeder Halbzeit. Die Young Boys aber wirkten, als würden sie schon monatelang in dieser Besetzung zusammenspielen.

Vorne kreuzten Debütant Nsamé und Wirbelwind Assalé die Laufwege mit traumwandlerischer Sicherheit, auf links bildeten Lotomba bei seiner Startelf-Premiere und Fassnacht ein starkes Duo, und in der Mitte bedienten Sow und Bertone zum ersten Mal gemeinsam von Beginn weg die YB-Zentrale und liessen sich genau das in keiner Weise anmerken.

Fassnacht, der gefragte Mann

Nach dem frühen Tor von Fassnacht nach Flanke Lotombas (15.) hing die Partie lange zumindest resultatmässig etwas in der Schwebe. Doch in Durchgang zwei wurde der schwache GC-Widerstand bereits im Ansatz gebrochen: Ein Eigentor von Vilotic, das erste Super-League-Tor von Nsamé und der zweite Streich von Fassnacht – der deutliche Auswärtssieg war eingefahren, mit dem klaren Matchwinner Christian Fassnacht.

Es wird nun klar, was Sportchef Spycher gemeint hat, als er über den Zürcher vor der Saison sagte, das sei einer, der auch ohne Ball am Fuss ein «herausragender Typ» sei. Von einem Luftduell mit Vilotic trug Fassnacht am Samstag eine Platzwunde davon, spielte die Partie mit Kopfverband weiter. Dem Fernsehen musste Fassnacht nach seiner überzeugenden Vorstellung lange Red und Antwort stehen, das Blut sickerte aus der notdürftig versorgten Wunde immer mehr wieder hervor, und trotzdem stellte sich der 23-Jährige fast eine halbe Stunde nach Spielschluss noch minutenlang der restlichen Presse.

Fassnacht kriegte sein Grinsen kaum mehr aus dem Gesicht, er ist ein authentischer, gewinnender Typ, der nach drei Toren in drei Spielen mit den Schultern zuckt und sagt: «Tja, in Thun war ich noch ein Chancentod.» Der spielfreudige, schussstarke Rechtsfuss wurde einst in der U-16 des FC Zürich aussortiert und lancierte seine Karriere über den Amateurfussball neu – ein Weg, den man etwa vom heutigen Basel-Flügel Renato Steffen (einst in Aarau für zu leicht befunden) kennt.

Hütter war es eine Freude

Fassnacht, Nsamé, Lotomba – die Protagonisten des YB-Siegs am Wochenende stehen für die umsichtige, vermehrt auch lokal verankerte Transferpolitik der Young Boys vor dieser Saison. Der makellose Einsatz von Wölfli (für den verletzten von Ballmoos) und Bertone passten vorzüglich zu diesem zweiten Anzug, in dem die Young Boys am Samstag so stilsicher auftraten, dass sich sogar YB-Schneider, pardon, Trainer Adi Hütter unsicher ist, wer überhaupt zur ersten und wer zur zweiten Garnitur gehört. «Es war mir eine Freude anzusehen, wie frisch wir trotz des Auftritts unter der Woche waren», sagte Hütter, «das spricht für unseren Kader.»

Am Mittwoch empfangen die Berner im Rückspiel um den Einzug ins Champions-League-Playoff Dynamo Kiew. Auch die Ukrainer siegten in der Meisterschaft hoch, mit 5:0 zu Hause gegen Karpati Lwiw. Es wird interessant zu beobachten sein, wer aus dem Erfolgserlebnis vom Wochenende mehr Schwung mitnehmen kann. Und in welchem Anzug YB erscheint. (Der Bund)

Erstellt: 30.07.2017, 21:46 Uhr

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36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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