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«Sie haben soeben den Verein getötet»

Beim korsischen Club SC Bastia ist nie klar, wo der Sport aufhört und die Politik beginnt. Nun rasten die Fans gegen Lyon derart aus, dass dem Verein eine heftige Strafe droht.

Tumulte auf Korsika: Gäste-Spieler aus Lyon werden vom Mob angegriffen. (16. April 2017)
Tumulte auf Korsika: Gäste-Spieler aus Lyon werden vom Mob angegriffen. (16. April 2017)
Pascal Pochard, AFP
Vor und während der Partie der Ligue 1 stürmen Anhänger von Bastia den Rasen.
Vor und während der Partie der Ligue 1 stürmen Anhänger von Bastia den Rasen.
Pascal Pochard, AFP
Nur ganz selten wird Fussball gespielt. Bastias Verteidiger Alexander Djiku (r.) übernimmt technisch perfekt den Ball. Die Folgen des Spielabbruchs dürften für Bastia schwerwiegend sein.
Nur ganz selten wird Fussball gespielt. Bastias Verteidiger Alexander Djiku (r.) übernimmt technisch perfekt den Ball. Die Folgen des Spielabbruchs dürften für Bastia schwerwiegend sein.
Pascal Pochard, AFP
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Wahrscheinlich wäre jeder Vorwand gut gewesen, auch eine Bagatelle, um es den Gästen zu zeigen. Und eine Bagatelle war es dann auch, die das Osterfest im Stadion Furiani in Bastia zum «Dimanche de la honte» verwandelte, wie es die französische Sportzeitung L'Equipe nun nennt, in einen «Sonntag der Schande» eben. Sporting Bastia, der Tabellenletzte der Ligue 1, empfing Olympique Lyon. In der Hinrunde in Lyon, so fanden wenigstens die Korsen, waren sie vom Schiedsrichter unfair behandelt worden. Der Trainer von Bastia, François Ciccolini, sagte damals in der Pressekonferenz: «Es gibt ja ein Wiedersehen, Lyon muss noch zu uns kommen. Dann regeln wir das wie immer – unter Männern, wie Korsen.» Ein kleiner Funke sollte reichen, und den gab es zum Schluss der Aufwärmphase.

«Das muss aufhören, aufhören muss das. Wir gehen nicht in den Krieg.»

Bruno Génésio, Lyon-Trainer

Die Lyonnais übten noch ein bisschen Direktabnahmen. Zugewiesen wurde ihnen die Seite vor der Osttribüne des Stadions, der Kurve der berüchtigten Ultras von Bastia 1905, die nach fünf Spielsperren wieder offen war. Der Ball kam also mal um mal vor das Tor, Memphis Depay und Rachid Ghezzal droschen drauf. Doch wie das halt so ist bei dieser recht akrobatischen Übung, flog der Ball oft über den Kasten – in die Kurve. Als Depay zum wiederholten Male das Tor verfehlt hatte, musste er sich eine Provokation anhören, die er prompt konterte. Dann ging alles ganz schnell. Ultras stürmten den Platz, bedrängten Depay und Lyons zweiten Torwart, Mathieu Gorgelin, schlugen und traten nach den beiden Spielern. Das Gemenge war eine Weile gefährlich unübersichtlich. Dann zogen sich die Spieler zurück in die Kabine.

Alles liess vermuten, dass das Spiel gar nicht erst angepfiffen würde. In den Katakomben des Stadions, so sah man es später auf einem Bezahlsender, sträubte sich der Trainer von Lyon, Bruno Génésio, mit aller Macht: «Das muss aufhören, aufhören muss das. Wir gehen nicht in den Krieg.»

Sogar die Stewards prügeln mit

Nur Tage davor, in der Europa-League-Begegnung gegen Besiktas Istanbul, hatten in Lyon türkische Fans den Platz gestürmt. Und schon da war lange unklar gewesen, ob das Spiel stattfinden würde. Es begann dann mit Verspätung. Auch das Spiel in Bastia wurde angepfiffen, 50 Minuten später als geplant. Begründet wurde dies damit, dass die Gefahr grösser sei, wenn es annulliert würde. Lyons Präsident Jean-Michel Aulas soll besonders stark für diese These plädiert haben. Und so spielte man eine Halbzeit lang ohne jedes Engagement, zur Pause stand es 0:0.

Was dann genau passierte, will der Ligaverband kommenden Donnerstag klären. Beim Verlassen des Spielfeldes echauffierte Lyons erster Keeper Anthony Lopes, ein Mann mit notorischem Hang zur kleinen Provokation, die mittlerweile abgekühlten Fans von Bastia erneut. Und die liessen sich nicht zwei Mal bitten, liefen wieder auf den Platz, diesmal sekundiert von einigen Stadionstewards, die ebendies hätten verhindern sollen und stattdessen mitprügelten. Das Spiel wurde abgebrochen. Auf dem Weg zum Flughafen flogen Steine auf den Teambus von Lyon. Die Medien sprachen von einem «Steinregen».

13 Rote Karten in einer Saison

Bastia droht eine exemplarische Sanktion, die es für eine ganze Serie von Vorfällen bestrafen soll und wohl seinen Abstieg in die zweite Liga besiegeln wird. Im vergangenen Januar, als die Korsen gegen Nizza spielten, wurde der Star der Gäste, Mario Balotelli, bei jeder Ballberührung mit rassistischen Lauten bedacht. Nach dem Spiel fragte Balotelli polemisch: «Ist Rassismus auf Korsika legal?» Der Verband bestrafte Bastia mit dem Abzug eines Punktes, jedoch auf Bewährung. Die Milde dürfte nun aufgehoben werden.

Jeder unliebsame Pfiff des Referees steht schnell im Ruch, ein arrogantes Zeichen des Imperiums zu sein.

Problematisch ist der Fall von Sporting Bastia, dem populärsten Verein auf der «Insel der Schönheit», nicht nur wegen einiger Dutzend dumpfer Ultras auf der Tribune Est. Er ist es auch deshalb, weil in Bastia nie klar ist, wo der Sport aufhört und die Politik beginnt. Da vermischt sich oft alles in einem grossen, aus vielen historischen Ressentiments genährten Gefühlsgemenge. Man sieht sich auf Korsika gern als Rebellen gegen das Festland, selbst jetzt noch, da das Unabhängigkeitsstreben der korsischen Nationalisten etwas eingeschlafen ist. Man gefällt sich deshalb auch in der Opferrolle, wie die Zeitung «Le Monde» schreibt. Jeder unliebsame Pfiff des Referees steht schnell im Ruch, ein arrogantes Zeichen des Imperiums zu sein. In dieser Rolle finden sich alle wieder: Fans, Stewards, Mannschaft, Vereinsobere.

In der laufenden Saison gab es schon dreizehn rote Karten gegen Spieler von Bastia. Ihren korsischen Stolz manifestieren sie mit rüden Manieren. Der Captain des Clubs, der gebürtige Korse Yannick Cahuzac, wurde bereits vier Mal vom Platz geschickt und gilt deshalb als Held. Man erinnert sich nun wieder an frühere Episoden der Gewalt im Stadion Furiani, eine liegt schon 23 Jahre zurück, ist aber in den Köpfen haften geblieben. In einem Spiel gegen die AS Monaco trugen einige Monegassen Brüche und Schrammen davon. Jean-Luc Ettori, Frankreichs früherer Nationaltorwart und selber Korse, war damals Trainer von Monaco. Nun, nach dem Osterchaos, sagte Ettori: «Ich bin Korse und stolz darauf, aber das geht nicht.» Diese Leute behaupteten, sie liebten Bastia, doch sie würden besser zu Hause bleiben. «Sie haben soeben den Verein getötet.»

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