Sie ist eines der grössten Trainertalente - geschlechterübergreifend

Nora Häuptle führt die Schweizer U-19-Fussballerinnen in die Heim-EM. Und bald könnte ihr nächster Aufstieg folgen.

Nora Häuptle: «Ich brauche nicht Männer zu trainieren, nur um die Erste zu sein.» Foto: Reto Oeschger

Nora Häuptle: «Ich brauche nicht Männer zu trainieren, nur um die Erste zu sein.» Foto: Reto Oeschger

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Energisch treibt sie an. «Go, go, go, go», ruft Nora Häuptle, und ihre Spielerinnen gehorchen wie befohlen. Angriff um Angriff ­lösen sie aus, über links, über rechts, es ist im Trainingslager in Weggis eine der letzten ­Einheiten der Schweizerinnen vor dem Start zur EM der U-19-Juniorinnen in der Schweiz.

Ein paar Schritte weiter steht Martina Voss-Tecklenburg, die Trainerin des A-Nationalteams, sie gibt dann und wann den Verteidigerinnen einen Tipp mit. Oder ermuntert die Stürmerin nach missglücktem Abschluss. Aber die Chefin hier ist nicht sie. Die Chefin ist Nora Häuptle, sie gilt im Schweizerischen Fussballverband als eins der grössten Trainertalente des Landes – geschlechter­übergreifend.

Auf die U-19-EM, in Wohlen, Zug, Yverdon und Biel ausgetragen, hat sich Häuptle drei Jahre intensiv vorbereitet. Sie ist der Höhepunkt ihrer Zeit als Auswahltrainerin. 16, 17, 18 Stunden dauerten derzeit ihre Arbeitstage, sagt die 34-jährige Ostschweizerin aus Horn am Bodensee, doch sie ist weit davon entfernt, zu klagen. «Es geht um Fussball. Deshalb ist das kein Problem.»

Ihre Spielerinnen hat sie in den letzten Tagen stark gefordert, «an die Kante gebracht», wie sie das nennt. Doch bereit sein, das müssen die Schweizerinnen ab heute: Mit den Gruppengegnern Frankreich und Spanien ist das Ziel Halbfinal eine besondere Herausforderung. 2016 und 2017 spielten diese beiden Nationen jeweils den Titel untereinander aus.

Ein Ausflug in die Tenniswelt

Häuptle ist eine einstige ­Nationalspielerin, doch für grosse Erfolge mit der Schweiz war sie zu früh aktiv. So kommt sie auf je einen Meistertitel und einen Cupsieg in der Schweiz mit Zuchwil und Rot-Schwarz Thun. Nach einem Engagement bei Twente Enschede in Holland trat sie 2009 bei den Berner Oberländern als Spielerin zurück. Und stiess bei den Junioren des FC Thun ihre Karriere als Trainerin an. Daneben studierte sie an der Uni Bern Sportwissenschaften – und im Nebenfach Theater. Aus rhetorischer und dramaturgischer Sicht hilft ihr das heute bei Teamansprachen.

Dass sich Häuptle nicht auf eine lineare Karriereplanung ­versteift, zeigte sie ein erstes Mal 2012. Weil sich ihr in der Thuner Nachwuchsabteilung keine Möglichkeit des Aufstiegs bot, sattelte sie um, wurde Konditionstrainerin der Berner Tennisspielerin Romina Oprandi und reiste fortan an deren Seite um die Welt.

Nie allerdings brach in dieser Zeit der Kontakt zum Schweizerischen Fussballverband (SFV) ab. Peter Knäbel, damals der Technische Direktor, rief immer wieder an, um sie als Trainerin für eine Frauen-Auswahl zu ­gewinnen.

Zu Gast bei Christian Streich

2015 gab sie dem Werben nach. «Ich sah mich zwar eher bei den Männern, aber die Aussicht, das U-19-Nationalteam zu übernehmen, war reizvoll», berichtet sie jetzt. Einer der Hauptgründe: Voss-Tecklenburg. «Sie ist eine sensationelle Trainerin», lobt Häuptle. Beim SFV nahm Häuptle die Uefa-Pro-Lizenz in Angriff und hospitierte dafür beim ­damaligen FCZ-Trainer Uli Forte sowie beim SC Freiburg mit Christian Streich.

Rechtzeitig vor der Heim-EM mit ihren U-19-Juniorinnen schloss sie die Ausbildung im Frühling ab. Die Ausgangslage für das Heimturnier beschreibt sie – trotz starker Konkurrenz – als vielversprechend: «Es ist eine erstklassige Generation.»

Wie sehr Häuptle beim SFV geschätzt wird, zeigt das Urteil von Martina Voss-Tecklenburg, nicht nur Nationaltrainerin, sondern auch Trainerausbildnerin. «Sie ist akribisch, ehrgeizig, hat eine klare Spielidee, sieht viele Details und kann sie den Spielerinnen vermitteln. Sie macht sehr viele Dinge besonders gut», sagt die 50-Jährige, deren Zeit in der Schweiz mit der laufenden WM-Qualifikation abläuft – Ende Jahr wird sie Nationaltrainerin Deutschlands. Die U-19-EM ist Voss-Tecklenburgs letztes ­Turnier mit der Schweiz. Sie unterstützt Häuptle auf deren Wunsch hin.

Dass sich die Frage aufdrängt, ob Häuptle wiederum ihre logische Nachfolgerin beim A-Nationalteam wird, ist selbst für Häuptle keine Überraschung. «Das musste ja kommen», sagt sie im Gespräch und lacht. Sie denkt in Dreijahresschritten: Den drei Jahren in Thun folgten drei Jahre auf der WTA-Tour – und nun enden drei Jahre mit der U-19. «Ich bin sicher eine der Kandidatinnen», sagt sie selbstbewusst, «und da ich die Schweizer Fussballkultur liebe, ist es ein Traum, einmal Nationaltrainerin zu werden.» Aber: Die Karriere muss ja nicht immer geradlinig verlaufen. «Ich bin jung, und es muss auch zuerst passen. Ich mache lieber die richtigen Schritte als einen zu viel.» Die Gespräche mit den Verantwortlichen des SFV laufen nach der EM an.

Zurück ins Tagesgeschäft?

Voss-Tecklenburg sieht es ähnlich wie Häuptle. «Irgendwann kann Nora Nationaltrainerin sein, aber ob das jetzt schon sein muss? Sie ist sehr jung und hat alle Optionen offen. Sie kann ­U-19-Trainerin bleiben, ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sie zuerst einen Zwischenschritt macht.» In der Bundesliga vielleicht? Es ist eine der wenigen ­Ligen, in der Trainerinnen als Profi arbeiten können. Oder wieder mit Junioren oder Männern gar? «Ich brauche nicht Männer zu trainieren, nur um die Erste zu sein», sagt Häuptle dazu. Wie in vielen Themen deckt sich ihre Ansicht auch hierbei mit jener Voss-Tecklenburgs.

Aber dass «es Nora zurück zum Tagesgeschäft ziehen könnte, weil sie nur dort täglich auf dem Rasen steht», wie Voss-Tecklenburg glaubt, das ist sicher nicht ganz abwegig. Häuptle sagt: «Mein Herz schlägt nun einmal auf dem Platz.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2018, 21:29 Uhr

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