Identität

Fussballgott Grädel macht sich Gedanken über Veränderungen.

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Grädel ist zwar kein klinischer Psychologe und auch kein studierter Soziologe, aber das mit der Identität scheint ihm keine feste Grösse zu sein. Gut, es gibt wohl so etwas wie einen Wesenskern, den man schon im Mutterleib in sich trägt, so eine Art Essenz von einem selbst, etwas Unverwechselbares. Ein Krokodil wird nicht plötzlich zum Adler und segelt durch die Lüfte... Das ist nachvollziehbar, oder? Verliert man diesen Kern, ist das natürlich ungut und höchst gefährlich, dann braucht man einen approbierten Arzt oder Apotheker. So weit, so klar.

Ist man mit seinem Kern, seiner Essenz, in Kontakt, einigermassen, dann verändert sich dieser, diese, ja ständig, er, sie, bleibt ja nicht immer gleich durch all die Tage. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss – das ist jetzt eine Metapher –, also Sie steigen in die Aare, klar, immer wieder, das ist natürlich der gleiche Fluss, aber nicht derselbe. Oder irgendwie so. Alles ist im Wandel, alles fliesst, was sich mit der Aare, weil es ja ein Fluss ist, leichter vorzustellen ist als mit der Identität.

«Schatz», sagte Grädel neulich zu seiner Frau, «wie lässt man los und erfindet sich neu?» Frau Grädel erzählte dann irgendetwas von einem Zenmeister, der den Schüler mit der gleichen Frage (nicht derselben) einen Blumenstrauss pflücken liess und dem Schüler beim Wiederkommen sagte: «Nun, lass den Strauss los!» Grädel stellte sich vor, wie nun alle Blumen ungeordnet am Boden lagen und vertrockneten. Ein erschütterndes Bild. Grädel hatte nicht ganz verstanden, was seine Frau ihm mitteilen wollte – was öfter vorkommt –, aber Grädel begriff, dass er Mbabu, Sow und Kollegen, diese wunderbaren Spieler der letzten Jahre, im Kopf nicht einfach wegwerfen konnte. Er konnte sie nicht einfach vergessen, nein, er musste sie in Erinnerung behalten, sie aufbewahren.

Ja. YB hat etwas, etwas von einer neuen Identität, aber YB hat etwas auch noch nicht. Es ist so etwas wie ein wild zusammengesteckter Blumenstrauss. Man schaut ihn an und denkt: Irgendetwas fehlt noch. Und Grädel kommt jetzt in den Sinn, dass sich Identität ja oft auch dann bildet, sich stärkt, wenn Widerstand aufkommt. Bei Grädel ist das so: Ist er unter Druck, spürt er oft wieder besser, wer er ist. Die Konturen werden klarer, schärfer.

Grädel freut sich auf die Partien gegen Roten Stern Belgrad oder den FC Kopenhagen. Es wird schön sein, zu schauen, welche neue Form der Identität sich herausbildet. Nur noch ein paarmal schlafen. Grädel ist schon ganz aufgeregt.

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