«Ich wünsche mir eine klassische Mittelstürmerin»

Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg hofft nach dem EM-Out auf Verstärkung. Und sie verlangt mehr Engagement von den Clubs.

Zusammenstehen und den Frust verarbeiten: Martina Voss-Tecklenburg im Kreis ihrer Spielerinnen. Foto: Andre Weening (Freshfocus)

Zusammenstehen und den Frust verarbeiten: Martina Voss-Tecklenburg im Kreis ihrer Spielerinnen. Foto: Andre Weening (Freshfocus)

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Lässt das frühe EM-Aus ein anderes Gefühl als Enttäuschung zu?
Noch überwiegt die Enttäuschung, das ist klar. Die Spielerinnen sind an ihre Grenzen gegangen und haben alles reingeworfen. Wir sind der Überraschung sehr, sehr nahe gekommen, und ich weiss nicht, ob uns das in diesem Spiel so viele zugetraut hätten. Ich denke schon, dass wir in Zukunft einmal Stolz für die Leistung empfinden können und dürfen, vor allem für jene gegen Frankreich. Aber es hat halt nicht gereicht.

War die Zielsetzung ein Fehler? Mit «Minimalziel Viertelfinal» hatten Sie ja impliziert: Halbfinal.
Nein. Für mich ist immer noch klar: Es wäre mehr möglich gewesen. Am Viertelfinal waren wir ja nahe dran. Uns ist am Schluss eine richtig schlechte Halbzeit zum Verhängnis geworden, jene gegen Österreich.

Was fehlte gegen Frankreich zum Coup?
Ein solches Gegentor hätte es nicht ­gebraucht, aber das passiert im Fussball. Du kannst nicht alles verhindern. Dass die Französinnen Standards haben werden, war klar, trotzdem haben wir lange Zeit grossartig verteidigt. Wir ­haben dabei aber viel Kraft und Energie verloren.

Sehen Sie schon Lehren für die Zukunft?
Dass es ohne Leidenschaft und Herz und Feuer nicht geht. Wir haben gegen drei völlig verschiedene Gegner gespielt und sind diese Partien mit drei taktisch unterschiedlichen Varianten angegangen. Diese Variabilität wollen wir beibehalten und spielerisch vielseitiger werden.

Überragend war gegen Island und Frankreich Ramona Bachmann – war sie je besser?
Sie hatte vor drei Jahren eine ähnliche Form, nur haben das nicht so viele mit­bekommen. Der Wechsel zu Chelsea tut ihr gut, sie ist gereift. Wir wissen, was wir an ihr haben. Sie hatte auch gegen Frankreich Szenen, in denen sie den Ball schneller hätte abspielen können – aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Andere bekamen Ihre Grenzen aufgezeigt. Captain Caroline Abbé etwa. Rechnen Sie mit Rücktritten?
Von der einen oder anderen weiss ich schon, dass sie nicht mehr fürs Nationalteam auflaufen wird. Vielleicht gibt es noch mehr. Einige Spielerinnen haben zu spüren bekommen, dass sie körperlich nicht mehr auf dem Niveau sind, um an einer EM mitzuspielen. Oder sie wissen, dass sie diesen Aufwand nicht mehr leisten können und wollen.

Können Sie sie schon mit den Jungen ersetzen?
Ich muss den Mut haben, Junge zu bringen. Wie sollen sie denn weiterkommen, wenn sie nicht Erfahrungen sammeln können? Wir wussten bei der einen oder anderen selbst nicht, ob das funktioniert. Wer hätte einer Cinzia Zehnder zugetraut, auf diesem Niveau mitzuhalten? Auch ich bin positiv überrascht. Doch es muss funktionieren, wollen wir immer wieder Endrunden erreichen. Nur ist es für uns nicht selbstverständlich, dass wir die nächste WM-Qualifikation schaffen. Mit Schottland und Polen haben wir gute, unangenehme Gegner.

Gerade diese Länder schliessen nach und nach zur Schweiz auf. Von Österreich wurden Sie an dieser EM gar überholt. Wird es zunehmend schwieriger, sich zu behaupten?
Die Entwicklung im europäischen Fussball ist enorm. Belgien hat sich gut entwickelt, Dänemark ebenfalls, die Schweiz gehört mit zu diesem Kreis von Teams. Und für die Etablierten wird es immer schwieriger, sich zu behaupten. Verteidigen kann heute jeder, das Toreschiessen wird schwieriger. Frankreich hat das bei allen drei Gegnern zu spüren bekommen. Ich finde, an diesem Turnier wird auf einem bislang unerreichten Niveau Fussball gespielt. Letztlich ist diese Entwicklung aber, was wir ja ­immer für den Frauenfussball wollten.

Wenn Toreschiessen immer schwieriger wird – was unternehmen Sie?
Es braucht in erster Linie einmal Talente in diesem Bereich. In den letzten Tagen haben wir im Staff diskutiert, welche Stürmerinnen nachrücken könnten, weil wir nicht mit einer Vielzahl gesegnet sind. Wir sind im Moment in der Lage, dass viele Stürmerinnen ähnlich sind. Ein wenig wie Ramona (Bachmann). Wir haben keine Vivianne ­Miedema (die gross gewachsene Holländerin). Ich würde mir wünschen, wieder einmal eine klassische Mittelstürmerin zu haben. Das ist im Moment nicht der Fall, was bedeutet, dass wir unser Spiel anpassen müssen.

«Ein solches Gegentor hätte es nicht gebraucht, aber das passiert im Fussball. Du kannst nicht alles verhindern.»


Der SFV lässt die EM durch eine sechsköpfige Analysegruppe intensiv beobachten und betreibt einen beträchtlichen Aufwand. Was versprechen Sie sich davon?
Für uns gilt zu schauen: Was machen andere Teams wie besser? Warum macht diese oder jene Nation einen solchen Sprung? Wer macht das Spiel in der ­Abwehr überragend – und warum genau? Können wir das auch, oder haben wir gar nicht die Spielerinnen dazu? Diese Fragen wollen wir in unsere Spiel- und Ausbildungsphilosophie einfliessen lassen. Allerdings müssen wir bei den Realitäten bleiben: Wenn sich nicht endlich der professionelle Clubfussball in der Schweiz dem Frauenfussball verschreibt, wird es schwierig. Denn die ­anderen Länder tun genau das.

Was verlangen Sie?
Vielleicht braucht es mehr Druck von der Swiss Football League und dem Schweizerischen Fussballverband auf die Clubs, damit wir uns nicht auf der Tatsache ausruhen, dass wir nun zweimal an einer Endrunde dabei waren. ­Damit wir nicht irgendwann überholt werden und hinterhergucken.

Was, wenn sich das EM-Aus nun aber negativ auswirkt?
Ich hoffe trotz allem auf einen positiven Effekt. Ich hoffe, dass die Zuschauer erkannt haben, dass da Frauen auf dem Platz stehen, die bereit sind, an und über ihre Grenzen zu gehen. Die Einschaltquoten machen uns Mut, und die Spiele waren – auf die eine oder die andere Weise – zumindest so, dass jeder eine Meinung dazu haben kann (lacht laut).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 21:56 Uhr

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