«Ich werde harte Entscheidungen fällen müssen»

YB-Sportchef Christoph Spycher versucht den Spagat zwischen wirtschaftlicher Verantwortung und sportlichen Ambitionen.

Christoph Spycher: Ich werde in der Kabine nie vor die Mannschaft hinestehen.

Christoph Spycher: Ich werde in der Kabine nie vor die Mannschaft hinestehen.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Christoph Spycher, wären Sie im Moment gerne Spieler bei YB?

Ja, sicher. Es wäre schön, jetzt Spieler bei YB zu sein. Die Mannschaft hat Potenzial und einen guten Trainer, und auch das Umfeld stimmt.

Und als Spieler hätten Sie bald Ferien. Ab Montag herrscht in der Super League Winterpause. Für die Sportchefs ist das eine hektische Zeit. Das ist die neue Konstellation. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Bereits die vergangenen Wochen waren sehr intensiv, und es wird in den kommenden Wochen für mich nicht ruhiger werden, bis die Rückrunde wieder beginnt. Das war mir aber klar, als ich das Amt des Sportchefs übernahm. Bis ich mich richtig eingearbeitet habe, wird sich das nicht ändern.

Der neue Job wird auch Einfluss auf Ihr Familienleben haben. Wie haben Sie das geregelt?
Sicher habe ich das mit der Familie besprochen, in erster Linie natürlich mit meiner Frau. Wenn es für uns nicht ­stimmen würde, hätte ich den Job nicht angenommen. Meine Frau war es, die sagte: «Mach es», weil sie spürte, dass mich dieses Amt reizte. Ich wusste auch, dass sich viele Leute bei YB und im Umfeld Sorgen darüber machten, dass ich das Angebot ausschlagen könnte.

Ihr Vorgänger Fredy Bickel war teilweise gesundheitlich ­angeschlagen. Wie stressresistent sind Sie?
Natürlich machte ich mir Gedanken ­darüber. Eine meiner Aufgaben ist es, das Team so aufzubauen, dass ich nicht unverzichtbar bin. Ich habe Leute um mich, die in die wichtigsten Prozesse eingebunden sind, die den Laden führen, wenn ich einmal eine Woche nicht da bin. Das ist eine Frage des Vertrauens und eine Frage von Prozessen, die man definiert. Als ich das Amt übernommen habe, war klar, dass jetzt zu Hause für einen Moment alles über den Haufen geworfen wird und auch die gebuchten Herbstferien abgesagt würden. Aber im nächsten Sommer werde ich bestimmt eine Zeit nicht da sein und mit meiner Familie in den Ferien weilen.

Vielleicht werden Sie Fredy Bickel bald in Wien treffen?
Fredy Bickel gehört in den Fussball. Fussball ist ein grosser Teil seines Lebens. Und wenn er die Chance hat, bei Rapid Wien einen Job zu bekommen, dann freue ich mich für ihn.

Was ist für Sie ein guter Sportchef – was schätzten Sie zur Ihrer Zeit ?als Spieler besonders an einem Sportchef?
Die Ehrlichkeit. Das war als Spieler für mich bei allen Vereinen, bei denen ich gespielt habe, ein sehr wichtiger Aspekt, und diese Ehrlichkeit war nicht immer da. Vor allem wenn es um die Zukunft eines Spielers geht, ist es wichtig, als Sportchef offen und ehrlich zu informieren. Es gibt Entscheide, die hart sind, und die wird es auch bei YB geben. Ich kann einem Spieler nicht einfach eine Vertragsverlängerung geben, weil ich ihn sympathisch finde. Es muss ein Entscheid für YB sein. Dass der Spieler da oft eine andere Meinung hat, ist auch klar. Aber wenn man keine Versprechen abgibt, die man nicht halten kann, und die Enttäuschung beim Spieler nach einer gewissen Zeit ver­flogen ist, dann kann man sich in die ­Augen schauen und sagen: Okay, das Ganze ist fair abge­laufen.

Sie gelten als die «Berner Lösung», die viele im Umfeld von YB gefordert haben. Ist das ein Vorteil?
Es ist sicher kein Nachteil. Aber entscheidend wird die Qualität der Arbeit sein, die ich abliefere. Zuletzt gab es bei YB viele Wechsel, Strategien wurden ­immer wieder neu definiert. Bei YB wird Kontinuität gefordert, aber wenn man nicht die nötige Qualität hat, bringt Kontinuität auch nichts. Ich darf auch meinen Job nicht nur so machen, dass ich in der ­Öffentlichkeit gut dastehe. Ich werde mich als Sportchef nicht verbiegen lassen, so wie ich mich auch als ­Spieler während 15 Jahren nicht habe verbiegen lassen.

YB ohne die Besitzer und Geldgeber, ohne die Gebrüder Rihs. Haben Sie sich mit diesem Szenario schon auseinandergesetzt?
Ich erlebe es nicht so, dass es bei Andy und Hansueli Rihs ein akutes Thema ist, dass sie nächstens bei YB aussteigen werden. Ich erlebe sie in unseren Gesprächen als Besitzer, die YB gut finden, die sagen, YB sei wichtig für sie, und die sich sehr interessiert zeigen.

Aber der Sparauftrag besteht, YB darf in Zukunft nicht mehr so viel kosten.
Es ist klar, wir müssen den Spagat versuchen zwischen wirtschaftlicher Verantwortung und sportlichen Ambitionen. Und wir wollen auch nicht eines Tages dastehen und sagen, was nun? Die Besitzer wollen nicht mehr, was machen wir jetzt? Ziel ist es, ein Fundament zu bauen, auf dem YB die nächsten Jahre stehen kann, wer auch immer die Besitzer sind.

Stimmt es, dass die Gebrüder Rihs sich vertraglich festgelegt haben, nach einem Rücktritt oder Verkauf von YB noch für zwei weitere Jahre für das Budget zu garantieren?
Das weiss ich nicht im Detail. Ich weiss, dass sich die Gebrüder Rihs Gedanken gemacht haben zum Wohl von YB, ­damit keine riskante Situation entsteht, die YB von heute auf morgen in grosse Not bringen kann. Ich habe mit den Gebrüdern Rihs die kurze und mittelfristige Planung besprochen. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass ich die Chance sehe, diesen Weg der Redimensionierung zu gehen. Es ist aber auch klar, dass ich genau gefragt habe, was ihre Erwartungen sind. Und ich habe auch gesagt: Wenn sie erwarten sollten, dass YB 2017 schwarze Zahlen schreibt, dann wünsche ich demjenigen, der das machen soll, viel Glück.

Die Berner wollen gerne selbst bestimmen, aber bezahlen sollen die andern. Es gibt viele reiche Berner, aber die bleiben in ihren Patrizierhäusern und engagieren sich nicht für YB. Sehen Sie das auch so?
Ja (schmunzelt), was soll ich dazu sagen. Es gibt sicher viele Leute in Bern, die Möglichkeiten hätten, sich zu YB zu ­bekennen. Aber es ist nicht meine Kernaufgabe, solche Gespräche zu führen. Ich versuche einen möglichst guten Job zu machen, damit YB ein attraktives ­Produkt wird, damit die Gebrüder Rihs möglichst wenig belastet werden, damit sie nicht jedes Jahr extrem mithelfen müssen, die Rechnung ausgeglichen zu ­gestalten.

Attraktiv heisst für Sie, YB so zu führen, dass nicht jedes Jahr ?ein Defizit von 8 oder 9 Millionen ­Franken entsteht?
Zu den Zahlen sage ich nichts.

Wer zählt jetzt zum Kernteam von YB, das die neuen Vorgaben trägt?
Sicher Stéphane Chapuisat. Und Ernst Graf ist die neue Sportkompetenz im Verwaltungsrat. Es wird einen kleinen Kreis geben. Wir wollen hundert Prozent Transparenz schaffen. Die Sportkommission wird in Zukunft auch anders aussehen. In dieser Kommission will ich nicht vier oder fünf Personen ­haben, die nicht aus dem Fussball kommen. Sicher sind die Verwaltungsräte Ernst Graf und Hanspeter Kienberger dabei, die anderen Mitglieder der Sportkommission stammen alle aus der ­operativen sportlichen Leitung.

Gibt es frühere Weggefährten, mit denen Sie sich austauschen? Figuren wie Andy Egli beispielsweise?
Andy Egli war einst mein Entdecker. Aber es ist nicht so, dass wir im permanenten Austausch sind. Wenn wir uns sehen, freuen wir uns. Es gibt auch andere Weggefährten wie Ricardo Cabanas oder Beni Huggel, mit denen ich im Club oder in der Nationalmannschaft zusammen gespielt habe. Aber keiner dieser Freunde wird bei YB irgendein Amt innehaben. Und ich werde mit ihnen sicher keine Interna austauschen. Sonst hätten sie Kenntnisse über Dinge, die sie nicht wissen sollten.

Ist die Reduktion des Kaders zurzeit Ihre Hauptaufgabe?
Es ist sicher ein Thema. Der Anspruch, jede Position doppelt besetzt zu haben, ist grundsätzlich nicht falsch. Aber es ist bei YB sicher nicht notwendig, Positionen gleich dreifach besetzt zu haben. Wir wollen uns von Spielern trennen, aber es ist alles andere als einfach, ­Lösungen auszuarbeiten.

Vilotic, Gajic?
Zu Personalien gebe ich keine Wasserstandsmeldungen bekannt.

Als Sportchef haben Sie Einblick in alle Spielerverträge. Nachdem Sie diese Verträge eingesehen haben: Was denken Sie? Sind Sie dabei gar erschrocken?
Es gab Dinge, die ich erwartet hatte, es gab Dinge, die ich nicht erwartet hatte. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Aufgrund vieler Verträge, die weiterlaufen, ist Ihr Spielraum derzeit beschränkt. Welche Visionen haben Sie? Wie sieht YB in zwei Jahren aus: einige Stars und dazu viele Talente?
Der Mittelbau, wie er zurzeit besteht, wird sicher nicht mehr so ausgeprägt sein. Aber ein paar Topshots und ­daneben nur 18-Jährige, das funktioniert nicht. Wir werden keine Spieler mehr haben, die gestandene Profis sind, im Kader von YB aber Nummer 16 bis 20 sind. Ein Kernpunkt unseres Modells ist, dass Spieler wie Linus Obexer bei uns besser werden und ihre Chancen bekommen. Zurzeit hat er mit seiner Ausbildung eine grosse Doppelbelastung. Aber um ihn mache ich mir keine Sorgen.

Ich werde mich auch als Sportchef nicht verbiegen lassen.

Ist Adi Hütter der richtige Trainer für diesen Weg?
Adi Hütter ist sehr ambitioniert. Seinen Hunger nach Erfolg empfinde ich als ­absolut genial. Wir sind, als ich noch die Funktion als Talentmanager ausübte, auch schon aneinandergeraten. Wir werden auch in Zukunft nicht immer einer Meinung sein. Das haben wir auch im Gespräch in der neuen Rollenverteilung geklärt. Wir haben uns gesagt: Wir müssen uns nichts vormachen, es kann hie und da Differenzen geben. Wichtig ist, dass wir zusammen einen Weg ­finden, dass wir in Gesprächen solche Meinungsunterschiede ausdiskutieren. Und ich spüre seinen Willen, diesen Weg zu gehen. Für mich war es beispielsweise schön zu sehen, wie Hütter gegen Basel Mut zeigte und Michel Aebischer vertraute. Mit der Botschaft: Hier hast du deine Chance, und es wird nicht deine letzte Chance sein.

Haben Sie mit Hütter über diese Nomination diskutiert?
Wir diskutieren zusammen über die ­Aufstellung. Und ich bringe meine Sicht der Dinge von aussen mit ein. Aber ich werde ihm dabei nie dreinreden. Hütter ist das einzige Sprachrohr zur Mannschaft. Und das muss auch so sein. Wenn ich das Bedürfnis habe, den Spielern etwas mitzuteilen, werde ich das unter der Woche tun.

Sind Sie oft in der Kabine?
Ich bin bei jedem Spiel in der Kabine. Es muss klar sein, wer wann zur Mannschaft spricht. Am Spieltag ist das der Trainer. Etwas anderes habe ich auch als Spieler nie erlebt, und ich möchte es auch jetzt nicht erleben.

Sie sitzen während des Spiels auf der Tribüne, nicht auf der Bank, wie zum Beispiel Vorgänger Fredy ­Bickel. Aus welchen Überlegungen?
Ich habe mit diversen Leuten über das Thema gesprochen. Es hat Vor- und Nachteile. Auf der Bank bekommt man besser mit, wie das Trainerteam funktioniert, wie die Mannschaft funktioniert. Von oben dagegen habe ich eine gewisse Distanz, sehe Dinge im Spiel, die man unten auf der Bank so vielleicht nicht sieht, und so kann ich dank einer anderen Perspektive vielleicht auch noch eine ­andere Sichtweise einbringen. Das heisst nicht, dass das immer so sein wird. Aber tendenziell habe ich das Gefühl, es passt besser zu mir, wenn ich die Spiele von der Tribüne aus beobachte.

Es muss klar sein, wer wann zur Mannschaft spricht.

Sie sind überzeugt vom neuen YB-Konzept, vermehrt mit eigenen Talenten zu arbeiten. Doch rücken im Nachwuchs überhaupt wieder junge Spieler wie Mvogo, Frey, Bertone oder Hadergjonaj nach?
1995 und 1996 haben wir zwei Übergangsjahrgänge, wobei der eine oder ­andere ausgeliehene Spieler wie Castroman in Wohlen eine sehr gute Figur macht. Der 97er-Jahrgang mit Aebischer, Obexer und Duah, die alle schon im ­Profiteam zu Einsätzen gekommen sind, ist bekanntlich sehr stark. Die Kategorien 1998 und 1999 sind gut, der 2000er ist ein absoluter Topjahrgang.

Wie gross ist die Gefahr, dass Spieler schon früh abgeworben werden?
Wir werden das eine oder andere Talent ins Ausland verlieren, da machen wir uns keine Illusionen. Deshalb müssen wir den ­jungen Spielern zeigen, dass es das Beste ist, wenn sie den Weg zum Profi bei uns in der Schweiz gehen. Die Spieler des Nationalteams sind das beste Beispiel ­dafür. Ein Karriereplan wie jener von Granit Xhaka ist doch einfach gut. Auch Florent Hadergjonaj, der in dieser Saison von YB in die Bundesliga ging, hat es auf diesem Weg geschafft. Und es wird bei uns in Zukunft weitere Spieler geben, die es so schaffen werden.

Der Bund

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