«Ich weiss nicht, ob ich Freude hätte, wenn YB sieben Mal Meister würde»

Schriftsteller Pedro Lenz über die Liebe zu YB, das Leben als Fussball-Romantiker und die Pein über die Steuerbetrügereien der Stars.

Pedro Lenz (51) wurde als kleiner Bub YB-Fan: «Das Wankdorf, das Leuchten der gelben Leibchen, der englische Name Young Boys. Da wusste ich: Das ist mein YB.»

Pedro Lenz (51) wurde als kleiner Bub YB-Fan: «Das Wankdorf, das Leuchten der gelben Leibchen, der englische Name Young Boys. Da wusste ich: Das ist mein YB.»

(Bild: Keystone)

Wie ist Ihr aktueller Gemütszustand als YB-Fan?
Im Moment bin ich recht zuversichtlich. Wichtiger als einen schnellen Titel erachte ich die Kontinuität. Die sehe ich jetzt. Ich sehe eine Mannschaft, welche die Handschrift von Trainer Adi Hütter trägt. Zuletzt erlebte ich ein paar Spiele von YB, die mir Freude bereiteten. Und ab Sommer folgt die erste Saison, bei der Hütter von Anfang an dabei ist.

Sie sitzen im 21-köpfigen YB-Beirat. Hat dieses Gremium irgendeinen Einfluss? Oder erfahren die Mitglieder von Entscheiden, bevor YB eine Pressemeldung verschickt?
Es ist so: Wir erhalten die Pressemitteilungen, bevor sie in den Zeitungen stehen. Aber es ist nicht so, dass wir gefragt werden, welchen Spieler YB kaufen oder verkaufen soll. Unsere Funktion ist die von Botschaftern. Wir stehen mit unserem Namen in einer positiven Art zu YB – sowohl in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist auch ein Netzwerk, in dem diverse Kontakte geknüpft werden können und wir auch den zwischenmenschlichen Kontakt pflegen. Aber für die Strategie des Vereins sind wir nicht zuständig, und auch bei Transfers haben wir nichts zu sagen.

Sind sie den Gebrüdern Rihs, den YB-Besitzern, auch schon begegnet?
Ja, es kommt vor, dass wir uns begegnen. Aber wenn ich Andy Rihs sehe, entwickelt sich das Gespräch oft in eine Richtung. Das bedeutet, wir reden über den Velosport. Wir sind beide Radsportfans, er ist es ja ganz besonders. Und so erzählt er mir oft von Grenchen und dem Velodrome, den er dort gebaut hat. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann sage ich ihm schon meine Meinung über YB. Aber das bleibt zwischen Andy Rihs und mir.

Sie werden im YB-Beirat unter dem Ressort Kultur aufgeführt. Sind Sie sozusagen der Nachfolger von Kuno Lauener, der den Beirat verlassen hat?
Ja, das kann man so sagen. Kuno ist auch ein grosser YB-Fan. Bevor ich zusagte, habe ich ihn angerufen und gefragt, was überhaupt die Aufgaben eines Beirats sind.

Wie wurden Sie YB-Fan?
Das war 1973, als ich acht Jahre alt war. In Langenthal waren die Fussballfans damals für den FC Zürich oder den FC Basel, für Köbi Kuhn oder für Karli Odermatt. Ich hatte einen Onkel in Bern, der ging an die YB-Spiele. Und es kam der Tag, an dem ich mit an ein Spiel durfte. Das war mein Schlüsselerlebnis. Ich kam also in das Stadion, die gelben Leibchen fielen mir sofort auf. Der Star von YB war damals ein Spieler namens Schild, der spielte auch für die Nationalmannschaft. Wir haben Servette 4:1 «abetätscht». Das Wankdorf kam mir riesig vor, monumental, das Leuchten der gelben Leibchen, der englische Name Young Boys – das alles hat mich als kleinen Buben vollkommen fasziniert. Da wusste ich: Das ist mein YB. Und das hat sich nie mehr geändert.

Seit einigen Jahren schreiben Sie Porträts von YB-Spielern für das vereinseigene Magazin «YB Mag». Gibt es einen YB-Spieler, den Sie noch nicht porträtiert haben
Wenn nicht immer wieder ein Transfer getätigt würde, wäre ich tatsächlich etwas in der Klemme. Mir fallen spontan nur Guillaume Hoarau und Denis Zakaria ein, über die ich noch nicht geschrieben habe. Hoarau war zuletzt derart präsent in den Medien, dass ich zuwartete. Aber diese beiden stehen natürlich auf meiner Liste. Denn bald erscheint die nächste Ausgabe des Magazins.

Haben Sie Präferenzen bei der Auswahl der Spieler, über die Sie schreiben?
Nein. Ich bin erstaunt, welch interessante Aspekte sich jeweils bei diesen Gesprächen ergeben. Als Beispiel nenne ich Miralem Suljemani. Mit ihm wollte ich eigentlich über Ajax Amsterdam sprechen, bei dem er einst gespielt hatte. Doch das Gespräch nahm eine andere Wendung und am Schluss redeten wir über Partizan Belgrad und den Krieg in Serbien.

Ist das Schreiben für das YB-Magazin Passion oder Broterwerb?
Nein, das ist kein Broterwerb. Als Mitglied des Beirats habe ich gewisse Privilegien. Ich kann gratis an die YB-Spiele. Der Club gibt mir etwas, und ich gebe etwas zurück. Nicht, dass ich nicht genug zu tun hätte. Aber das ist ein Ehrenamt, das ich sehr gerne ausübe.

Kennen Sie sich mit der YB-Geschichte aus?
Einigermassen. Je länger desto mehr. Ich rede gerne mit ehemaligen YB-Spielern wie Heinz Schneiter. Kürzlich sah ich auch den Film über die Asien-Reise von YB 1961. Und ich kannte Richard Dürr gut, der einst bei YB spielte und danach bei Lausanne, das damals die «Könige der Nacht» genannt wurde. Richard Dürr ist leider vor zwei Jahren verstorben. Er erzählte mir viele Geschichten vom Fussball von damals und natürlich auch über YB.

Machen wir einen kleinen Test. 1929 war ein markantes Jahr für YB. Weshalb?
Hm, ähh, muss überlegen. Spielte YB damals erstmals im Wankdorf?

Falsch. 1929 erreichte YB erstmals in seiner Geschichte den Cupfinal. Wissen Sie, gegen wen die Berner gespielt haben?
Nein.

Gegen Urania Genf, und YB verlor den Final 0:1.
Wie soll ich das wissen? Das ist viel zu lange her.

Und was passierte 1930?
Keine Ahnung.

YB erreichte wieder den Cupfinal und gewann 1:0 gegen den FC Aarau. Laut FCA-Chronik durch einen ungerechtfertigten Penalty.
Ich vermute, in der YB-Chronik steht nichts von einem ungerechtfertigten Penalty.

Wo haben Sie sich am 24. Mai 1986 aufgehalten?
Damals wohnte ich dummerweise in Zürich. Aber ich weiss natürlich, dass YB an diesem Tag das grosse Xamax 4:1 geschlagen hat und Meister wurde. Das Spiel habe ich leider nicht gesehen.

Wir sitzen im Restaurant «Flügelrad» in Olten, das sie zusammen mit dem Schriftsteller Alex Capus und dem Journalisten Werner De Schepper besitzen. Reden die beiden auch über Fussball?
Hm, weniger. Nun gut, Werner De Schepper versucht es manchmal. Aber ohne meinen beiden Freunden nahe treten zu wollen: Mit ihnen kann ich mich vortrefflich und leidenschaftlich über viele Dinge unterhalten, Politik, Kunst, Religion, was auch immer. Aber vom Fussball haben beide keine Ahnung, auch beim besten Willen kann ich da nichts finden.

Sie sagen, die Menschen werden immer einsamer, obwohl die Mittel der Kommunikation immer moderner werden.
Es ist pervers, aber leider ist es so. Da sitzen drei an einem Tisch, aber sie reden nicht miteinander. Sie tippen auf ihren iPhones herum und kommunizieren mit einem anderen. Der Moment wird immer weniger wichtig. Ich muss selber auch dagegen ankämpfen. Wenn ich mit jemanden zusammen am Mittagessen sitze, muss ich schauen, dass ich präsent bin. In dieser Zeit werde ich aber mindestens von drei Telefonanrufen behelligt. Früher, als es noch keine Handys gab, war ich einfach in dieser Zeit nicht erreichbar. Nun muss ich das Handy abstellen, sonst geht es mir wie vielen anderen.

Und früher war das wirklich besser?
Die Jungen fragen mich jeweils bei diesem Thema: Was habt ihr früher in der Beiz gemacht? Ich antworte jeweils: Wir haben miteinander geredet. Dann schauen sie mich ganz lange an. Und ich ergänze: Das ist dasselbe, das ihr macht mit dem Chat, aber einfach ohne Strom.

Sie ärgern sich über Anglizismen in unserer Sprache. Sind sie im Gesichtsbuch
Nein, ich bin nicht im Gesichtsbuch. Anglizismen in der Umgangssprache ärgern mich auch nicht besonders. Wenn einer «Sorry» oder «Shit» sagt, ist das für mich okay. Aber wenn man einem Direktor CEO sagen muss, damit er sich wichtiger vorkommt, finde ich das lächerlich. Oder wenn das Grossraumbüro einer Zeitung Newsroom genannt wird, um das Ganze aufzuwerten, erachte ich das als heuchlerisch.

Sie schreiben für diverse Zeitungen über Fussballer aus aller Welt. Mit sanfter Feder geben Sie dem Leser sachte zu verstehen, dass Sie auf der Seite der Fussballer sind.
In diesem Bereich bin ich mehr Fan und Literat. Das heisst, ich könnte nicht Sportjournalist sein. Als Sportjournalist müsste ich an den Stellen der Stars kratzen, bei denen man dunkle Stellen findet. Ich habe vor einigen Tagen einen Artikel über die Schattenseiten von Johan Cruyff gelesen. Ich konnte den Bericht fast nicht lesen, es war kaum auszuhalten.

Messi, Maradona, Beckenbauer, Neymar, Buffon, Benzema. Sie sind durch den Fussball Millionäre geworden und Weltstars. Und alle Genannten – und es gibt noch viele mehr – haben Probleme mit den Steuerbehörden oder sind in andere lusche Geschäfte verwickelt. Wieso blenden Sie das aus?
Für mich ist Steuerhinterziehung total verwerflich. Aber bei Fussballern will ich es nicht wissen. Das ist nicht konsequent. Ich gebe es zu. Schreibe ich als Beispiel über Maradona, dann befasse ich mich mit seinen fussballerischen Fähigkeiten, die genial waren. Das andere verdränge ich.

Wie gehen Sie als Fussball-Romantiker mit Realo-Fans um, die ihre Mannschaft gewinnen sehen wollen und sonst nichts?
Mit diesen Fans kann ich gar nichts anfangen. Die Leidenschaft für den Fussball deckt viele Dinge ab. Ein Aspekt ist der Umgang mit der Niederlage. Ich weiss nicht, ob ich Freude hätte, wenn YB sieben Mal in Serie Meister würde. Das Fiebern, das Hoffen ist etwas vom Schönsten für mich. Das Zurückschauen, die literarische Seite des Fussballs, die Tendenz, dass Spiele aus früheren Zeiten immer besser werden, je mehr man darüber diskutiert, das fasziniert mich. Ja, ich bin ein Fussball-Romantiker.

Stichwort Romantik. Das Stade de Suisse bietet für die Zuschauer und Journalisten ideale Bedingungen. Aber das Stadion besteht aus Beton, Plastik und Glas. Es wächst nichts, nicht einmal der Rasen. Im Stade de Suisse spriessen höchsten die Topfpflanzen der Sekretärinnen in den Büros.
Das Stade de Suisse ist ein pragmatischer Ansatz. In der heutigen Zeit braucht man ein solches, modernes Stadion um alles abzudecken, was der Fussball verlangt. Natürlich, als Romantiker fühle ich mich im Brügglifeld des FC Aarau wohler. Aber wir können nicht das Stade de Suisse abreissen und das Brügglifeld hinstellen. Das geht nicht mehr. Ich kann aber meine Gefühle ausleben, in dem ich hie und da ins Brügglifeld gehe – solange es noch steht.

Der Bund

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