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«Ich wehrte nicht weniger als dreimal auf der Linie ab»

In Memoriam Heinz Schneiter – Die verstorbene YB-Legende hat den Club zu vielen Erfolgen geführt. Das Spiel seines Lebens hat er in einem Buch geschildert.

Der verstorbene Heinz Schneiter in einer Aufnahme von 2011.
Der verstorbene Heinz Schneiter in einer Aufnahme von 2011.
Marcel Bieri

«Zweimal hatten wir uns vom ostdeutschen Meister ohne Entscheidung getrennt. Das Heimspiel endete 2:2, das Rückspiel hinter dem Eisernen Vorhang in Aue blieb torlos. Das Letztere war eine eigentliche Abwehrschlacht und ein Vorgeschmack auf das Entscheidungsspiel im Europacup-Viertelfinal der Landesmeister 1959 in Amsterdam. Die jüngeren Leser werden jetzt fragen, weshalb ein drittes Spiel überhaupt nötig war? Die heutige Auswärtstorregelung war damals noch nicht in Kraft, und so kam es zum dritten Aufeinandertreffen zwischen Wismut Chemnitz und uns Bernern innerhalb von drei Wochen.

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Ein Flugzeug brachte uns in die Niederlande. Wir mussten im Amsterdamer Olympiastadion ersatzgeschwächt antreten. Niklaus Zahnd und Willi Steffen hatten bereits in Aue verletzungsbedingt gefehlt. Nun mussten wir auch noch ohne Otti Häuptli auskommen. Er wurde in Aue vom besten Chemnitz-Spieler Siegfried Kaiser brutal niedergestreckt, erlitt einen schlimmen Beinbruch und musste direkt ins Spital gefahren werden. Für ihn bedeutete das sein Karriere-Ende. Eigentlich war Häuptli nicht fürs Einstecken bekannt, im Gegenteil, er war eher der Typ Gennaro Gattuso und wurde daher von Trainer Albert Sing immer auf den stärksten Gegenspieler angesetzt.

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So kam es für dieses Entscheidungsspiel zu etlichen Umstellungen: Anton Schnyder rückte als Läufer im halblinken Mittelfeld ins Team, ich verteidigte an Stelle Steffens auf der Position des Mitteverteidigers, eine Art Ausputzer, und Léon Walker, der spätere Nationaltrainer, war mit der Aufgabe betraut, die Räume von Center Kaiser einzuengen. Damit trennte sich Trainer Sing für einmal vom bevorzugten WM-System und liess mit mir als hinterstem Mann eine Art Riegel spielen, eine Erfindung seines Trainer-Antipoden Karl Rappan.

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Siegfried Kaiser hinterliess auch im Entscheidungsspiel einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits überzeugte er mit Sololäufen, anderseits liess er, der im Krieg einen Arm verloren hatte, unseren Walker immer wieder seinen harten Stumpen spüren. Er ging bestimmt dreimal k.o. Doch diese Tätlichkeiten blieben, wie auch jene gegen Häuptli zwei Wochen zuvor, allesamt unbestraft.

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Vor 35 000 Zuschauern, darunter nur wenige mitgereiste Berner-Anhänger, gingen wir dank Geni Meier und Ernst Wechselberger vor dem Pausentee verdient in Führung. Danach drückten die Ostdeutschen vehement auf den Anschlusstreffer. Angriff auf Angriff rollte gegen das Tor unseres Walter Eich. Wir waren sehr defensiv eingestellt und liessen somit dem Gegner zu viel Spielraum. Die Partie wurde zu einer eigentlichen Abwehrschlacht, und mittendrin war ich.

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Immer wieder befreite ich mit dem Kopf aus der Gefahrenzone. Es spielten sich in unserem Strafraum unbeschreibliche Szenen ab. Mehrmals sah man die Chemnitzer bereits jubeln. Sie verzeichneten einen Lattenschuss, und ich wehrte nicht weniger als dreimal auf der Linie für meinen geschlagenen Freund Eich ab. Erst durch einen Elfmeter, eine Viertelstunde vor Schluss, kamen die Chemnitzer zu ihrem einzigen Treffer. Mit viel Glück gelang es uns, unseren Vorsprung bis zum Schlusspfiff zu verteidigen. Wir hatten den Halbfinal-Einzug geschafft und uns damit zwei Spiele gegen die «Champagner-Fussballer» aus Reims verdient.

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In der Nachbetrachtung dieses Duells wurde unser prächtiger Einsatz in der Defensive mit der Schlacht von Morgarten umschrieben. Es war ein Sieg Sings, der uns wie immer bestens auf das Spiel eingestellt hatte. Er hatte wie immer gute und lange Theorien vor dem Spiel gehalten. Und für diese Viertelfinalbegegnung hatte er seine Beziehung zum Deutschen Fussball-Bund spielen lassen, um an Informationen über den Gegner heranzukommen.

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Die Taktik war das eine, unsere überragende Physis das andere. Wir trainierten schon damals viermal pro Woche unter dem Disziplinfanatiker Sing, was sich bei einem solchen kräfteraubenden Spiel auszahlte. Auch in der heimischen Liga kam uns unsere Physis zu Gute, denn wir kehrten die Spiele sehr oft in der letzten Viertelstunde. So entstand die ‹YB-Viertelstunde›, welche bis heute von den Fans angezählt wird, bevor die 76. Minute beginnt.

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Die Wege von Sing und mir trennten sich 1962. Ich wechselte zu Lausanne-Sports, nachdem sich dessen Vize-Präsident sowie der Mitinhaber der Banque Commerciale Jacques Kimche stark um mich bemüht hatten und mir eine Arbeitsmöglichkeit anboten. Young Boys wurde für meinen Transfer mit der damaligen Rekordablösesumme von über 100 000 Franken entschädigt. Durch einen Cupsieg und einen Meistertitel in Lausanne konnte ich dann mein Palmarès weiter ausbauen.

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Am Lac Lémon traf ich auf Karl Rappan, der dort als Sport-Direktor agierte und mit der Nationalmannschaft so grosse Erfolge feierte. Er pflegte im Gegensatz zu Sing, der sich nach den Erfolgen mit YB leicht überschätzte, einen besseren, menschlicheren Umgang mit uns Spielern. Sein Knowhow in Menschenführung und Psychologie war der eindeutigste Unterschied zwischen den Startrainern der 1950er-Jahre in der Schweiz.»

Die grossen Fussballspiele vergisst niemand – weder die Fans, noch die Spieler. Die beiden Autoren Benedikt Widmer und David Mugglin haben im Buch «Das Spiel meines Lebens» (Rotweiss-Verlag) 50 der besten Schweizer Fussballer seit 1954 besucht und sie erzählen lassen.

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