«Ich schaue den Frauen lieber bei anderen Tätigkeiten zu»

Mario Widmer, der Doyen des Schweizer Sportjournalismus, hat die Vorrunde der Fussball-WM der Frauen überstanden. Für DerBund.ch/Newsnet kommentiert er die widersprüchliche Veranstaltung.

Spektakel ja, aber Sport? Brasiliens Cristiane macht einen Salto nach ihrem Tor gegen Äquatorial-Guinea in der WM-Vorrunde in Deutschland. (6. Juli 2011)

Spektakel ja, aber Sport? Brasiliens Cristiane macht einen Salto nach ihrem Tor gegen Äquatorial-Guinea in der WM-Vorrunde in Deutschland. (6. Juli 2011)

(Bild: Keystone)

Es ist Sommer. Und in Deutschland suchen sie verzweifelt ein neues Märchen, hinter dem die Probleme dieser Welt versteckt werden könnten. Da haben sie die Frauenfussball-WM gefunden. Mann, Mann!

Das Thema ist eine Polemik. Wer gegen Frauenfussball ist, ist von gestern. So einfach macht es sich die Gleichberechtigung. Und jeder, der auch in Zukunft als moderner, aufgeklärter Erzieher der Gesellschaft dienen will, wird sich hüten, nur das kleinste Wörtchen gegen diese WM im Besonderen oder den Frauenfussball im Allgemeinen zu formulieren.

Dabei ist das Problem gar nicht so kompliziert: Alle Frauen dieser Welt haben das Recht, Fussball zu spielen. Aber alle Menschen dieser Welt haben ebenfalls das Recht, den Frauen der Welt beim Einlösen dieses Rechts nicht zuschauen zu müssen. Bei einer WM.

Wer Lust hat, mir bei meiner verzweifelten Turnerei um die politische Korrektheit mit diesem Thema weiterhin zuzuschauen, mag weiterlesen. Wem es mehr um die Menschenrechte geht, der sollte sich mit dem obigen Absatz begnügen. Mehr über die Rechte, Fussball zu spielen, gibt es eigentlich gar nicht zu sagen.

Menschenrecht zu- oder wegschauen

Ein anderes Recht steht zur Debatte. Das Recht zum Zuschauen oder nicht. Dieses Recht hat, so scheint es mir, die Qualifikation als Menschenrecht noch nicht geschafft. Wer dies nicht glaubt, sollte nur ab und zu das Schweizer Fernsehen einschalten. Wen man da alles anschauen muss, etwa bei den Nachrichten oder «10 vor 10», ist schier unglaublich ... und dann stellen sie noch mit Erstaunen fest, dass die TV-Nachrichten immer weniger Zuschauer haben.

Aber, wir schweifen ab, sorry. Wir wollten um die Tatsache turnen, dass ich die Frauenfussball-WM nur sehr spärlich einschalte, weil ich, als bekennender elender Sexist, den Frauen lieber bei anderen Tätigkeiten zuschaue denn beim Fussball. Und wenn ich zur Frauen-WM schalte, dann, ich gebe es zu, nicht wegen des Fussballs im Allgemeinen, sondern mehr darum, weil ich meine Überzeugung, dass ich ein Recht darauf habe, kein Fan der Frauen-WM zu sein, stets infrage stelle und einer erneuten Beurteilung unterziehen will. Etwas kompliziert – aber dafür schon fast politisch korrekt gesagt, oder?

Ballzauber ist nur ein kleiner Teil des Phänomens

Es ist zweifelsfrei so, dass es im Männerfussball – ich werde nicht in die Falle tappen und von normalem Fussball reden – Teams gibt, die weniger Spektakel bieten als die Frauenmannschaften. Wer Hitzfelds Männer in den letzten Spielen beobachtet hat, wird mir nicht zu widersprechen wagen.

Doch hier darf ich erklären, dass ich dem Fussball nicht darum verfallen bin, weil ich von einem Match unbedingt Spektakel erwarte. Mir ist absolut klar, dass das Zaubern mit dem Ball nur ein kleiner Bestandteil des Phänomens Fussball ist. Fussball ist vor allem auch ein enorm physischer Kontaktsport, ein für meine Generation halt noch sehr männlicher Sport.

Das Ende der wichtigsten Nebensache der Welt

Und diese natürliche Männlichkeit im Spiel der Frauen fehlt mir. Wären aber die Fussballerinnen männlicher, würde mich wiederum dies stören. Ich habe den Verdacht, dass ich nicht der einzige Mann bin, der an diesem Widerspruch leidet.

Vielleicht ist die überwiegende Mehrheit der Menschheit, die dem weiblichen Geschlecht niemals das Recht auf Fussball absprechen würde, im Geheimen mit mir einig. Fussball auf dem Niveau einer Weltmeisterschaft, zu dem die ganze Bevölkerung singen, trinken und tanzen soll, ist eine männliche Angelegenheit. Den Fussball auf dem höchsten Niveau zu verweiblichen, würde bedeuten, ihn gerechter machen zu wollen. Und jeder, der den Fussball gerecht machen will, versteht nichts vom Fussball. Fussball als Mass der Gerechtigkeit, Gleichstellung wäre das Ende der wichtigsten Nebensache der Welt. Er würde plötzlich zu wichtig.

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