«Ich sage mir: Ich bin besser als der Gegner»

Blerim Dzemaili über seine lange komplizierte Beziehung zur Nationalmannschaft, die MLS – und seine schweizerischste Eigenschaft.

Obenauf statt nur dabei: Blerim Dzemaili.

Obenauf statt nur dabei: Blerim Dzemaili.

(Bild: Keystone)

Wenn die Schweiz um 18 Uhr auf Lettland trifft, wird einer mit besonders starkem Rückenwind antreten: Blerim Dzemaili. Der bald 31-Jährige gehört zu jenen, denen es im Club bestens läuft. Für Bologna hat der Zürcher in 27 Meisterschaftsspielen schon achtmal getroffen, so häufig wie keiner seiner Teamkollegen. «Dass es für mich so eine gute Saison werden könnte, habe ich nicht erwartet», sagt er selber.

Worin besteht der Hauptunterschied zwischen dem 30-jährigen und dem 25-jährigen Dzemaili?
Dank meinen Erfahrungen sehe ich den Fussball anders als noch vor fünf Jahren. Da war die Anspannung vor einem Match, die Nervosität, wenn ich auf dem Platz grossen Namen gegenüberstand. Das führte automatisch zu Verkrampfung. Mit 30 ist das alles einer Lockerheit gewichen, die sich bei mir leistungssteigernd auswirkt. Ich habe keine Bedenken, einen riskanten Pass zu schlagen oder einmal aus 30 Metern zu schiessen.

Kannten Sie Versagensängste?
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber 2006, als ich Nationalspieler wurde, fürchtete ich mich vor den Arrivierten. Bloss nichts verkehrt machen und jene, die schon lange dabei sind, verärgern. Es konnte vorkommen, dass ein Älterer sagte: «Junge, sei mal ruhig.» Das schüchterte ein, da brach man je nach Tonlage innerlich zusammen. Ich wünschte, ich wäre damals so gewesen wie die junge Generation es heute ist.

Und wie ist die?
Völlig unerschrocken. Wovor haben die Jungen Angst? Vor nichts. Sie gehen raus, spielen einfach drauflos und schauen, was daraus wird. Bei mir geht das inzwischen in dieselbe Richtung. Ich sage mir: Ich bin besser als der Gegner. Mit dieser Überzeugung versuche ich die Kollegen mitzureissen.

Sind Sie gern Chef bei Bologna?
Das klingt so hierarchisch und gefällt mir nicht. Ich habe mir in Bologna einen Status erarbeitet, der Trainer und der Präsident vertrauen mir, die Kollegen wissen, was sie an mir haben, und die jüngeren Mitspieler hören auf mich. Aber ich kommandiere nicht im militärischen Ton, das hilft keinem.

Fühlen Sie sich derzeit in Form wie noch nie?
Wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich mit 30 physisch stärker bin als mit 20, hätte ich ihn ausgelacht. Aber ist genau so gekommen. Ich laufe pro Spiel regelmässig zwölf Kilometer und fühle mich danach nicht ausgepumpt. Am liebsten sind mir englische Wochen.

Es gibt Berufskollegen von Ihnen, die sich dann über die Belastung beschweren.
Das ist nichts anderes als ein Alibi. Ein Fussballer muss in der Lage sein, alle drei Tage 90 Minuten zu spielen. Das kann unmöglich ein Problem sein, wenn man die richtige Einstellung mitbringt, den Körper pflegt und sich gesund ernährt. Und ein massgebender Faktor ist auch die Arbeit unter der Woche. Wer im Training an die Limiten geht, wird dazu auch mühelos in der Lage sein, wenn es ernst gilt, weil der Motor ständig läuft. Das pendelt sich ein wie ein Automatismus. Und ich hoffe, dass mein Motor noch viele Jahre läuft, ich möchte mit 38 noch im Geschäft sein.

Bologna ist Ihr fünfter Club in Italien. Es sieht ganz danach aus: einmal Serie A, fast immer Serie A.
Es passt einfach. Das Leben ist sensationell, der Fussball hat einen hohen Stellenwert...

...aber der Ruf der Serie ist nicht so gut wie jener der Bundesliga oder der Premier League.
Man tut dem italienischen Fussball Unrecht. Er hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, er ist schneller und dadurch attraktiver geworden. Das Problem ist nicht das Niveau des Spiels an sich, sondern die Infrastruktur. Moderne Stadien würden wieder mehr Zuschauer anlocken, und das gäbe nur schon im Fernsehen ein ganz anderes Bild ab.

Gibt es Momente, in denen Sie bereuen, nie eine andere grosse Liga kennengelernt zu haben?
Als ich mit 22 Bolton verliess, hatte ich die Wahl zwischen Torino und dem HSV. Mein Herz sagte damals: Italien. Ich stellte schnell fest: richtig entschieden. Danach gab es nicht so viele Angebote, die mich ernsthaft ins Grübeln gebracht hätten. Und als einmal zwei richtig lukrative aus der Bundesliga auf dem Tisch lagen, lehnte ich sie ab. Das bereue ich heute. Aber nach den ersten zwei sehr guten Jahren bei Napoli dachte ich, es würde so weitergehen. Ich war Teil eines Club mit riesiger Ausstrahlung, ich fühlte mich hervorragend. Bis Rafael Benitez Trainer wurde. Er setzte nicht auf mich. Nur wäre es auch falsch, deswegen zu hadern. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere.

Zu Ihrer Geschichte gehört auch eine nicht unkomplizierte Beziehung zur Nationalmannschaft. Was lief jahrelang schief?
Als Ottmar Hitzfeld 2008 die Mannschaft übernahm, war ich verletzt. Und wer spielte, machte das gut. Also sah er keinen Grund, davon abzukommen. Hitzfeld hatte seinen Stamm, dem er vertraute. Im Mittelfeldzentrum setzte er auf das Duo Inler/Behrami, das er als optimale Lösung ansah. Wäre er zum Schluss gekommen, dass ich besser bin als einer der beiden, hätte er auf mich gebaut. Kein Trainer verzichtet freiwillig auf einen Spieler, den er qualitativ zu den stärksten elf zählt. Irgendwann war es die Normalität, dass ich auf der Bank sass. Wenn ich zur Nationalmannschaft kam, kannte ich meine Rolle. Und die liess sich mit zwei, drei Trainings nicht ändern.

Umso erstaunlicher ist es, dass Sie nicht die Konsequenzen zogen?
Welche? Rücktritt?

Ja.
Es war für mich immer eine Ehre, zum Aufgebot der Schweiz zu gehören. Ein einziges Mal sagte ich mir: «Es reicht.» Das war 2013 vor dem WM-Qualifikationsmatch gegen Zypern. Mir lief es im Club hervorragend, darum dachte ich mir: Wenn ich jetzt nicht von Anfang an dabei bin, finde ich gar keine Erklärung mehr. Ja, und dann war es tatsächlich so, dass ich auf die Bank musste. Das löste in mir Frust und Enttäuschung aus.

Wer hielt Sie davon ab, einen Schlussstrich zu ziehen?
Mein Berater, er rettete meine Karriere als Nationalspieler, indem er mir sagte: «Es gibt nur einen Verlierer, wenn du zurücktrittst, und das bist du. Willst du ein Verlierer sein?» Natürlich wollte ich das nicht.


Welchen Vorwurf machen Sie sich selber?
Ich glaube nicht, dass ich viel falsch gemacht habe. Eines will ich trotzdem betonen: Ich hatte mit Ottmar Hitzfeld so wenig ein Problem wie er mit mir. Ich kam irgendwann zum Punkt, an dem für mich klar war: Für einen Eklat sorgen, indem ich abhaue, nein, das geht gar nicht. Es ging auch um die Schweiz, die für mich und meine Familie so viel getan, die unser Leben verändert hatte. Ich fühle mich als Schweizer, ich benehme mich wie ein Schweizer...

...zum Beispiel?
Ich kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen! Und wir bemühten uns stets darum, korrekt zu sein, nicht negativ aufzufallen – auch aus Angst davor, ausgeschafft zu werden. Wenn es dann Leute gibt, die mir die Liebe zur Schweiz nicht abnehmen, weil ich vor einem Länderspiel die Hymne nicht mitsinge, kann ich denen nicht helfen.

Und nun sind Sie Stammspieler. Was ist im vergangenen Jahr passiert?
Bevor wir ins Trainingslager vor der EM nach Lugano einrückten, rief mich Vladimir Petkovic an und erläuterte mir seinen Plan, das System zu modifizieren. Er habe ein 4-2-3-1 im Kopf und sehe mich darin auf der Position des Zehners. Und meine Aufgabe sollte es sein, die Defensive und Offensive zusammenzuhalten. Das war der Schlüsselmoment, weil für mich klar war: Das ist die Chance, die du packen musst. Ja, es war so etwas wie die richtige Lancierung meiner Nationalmannschaftslaufbahn...

...nach rund 50 Länderspielen...
...ja, aber manches ist mir nicht in Erinnerung geblieben, weil ich persönlich überzeugt hätte. Das 1:0 gegen Brasilien ist eine Ausnahme. Und das 4:4 gegen Island, weil ich mein erstes Länderspieltor für die Schweiz erzielte. Mittlerweile kann ich aber sagen, dass ich die Chance gepackt habe. Und es ist auch so, dass sich in dieser Gruppe einiges getan hat. Im Team stimmt die Chemie, es herrscht eine kollegiale Stimmung.

Sie haben sich darauf festgelegt, dass Sie nach Bologna nach Montreal wechseln. Ist es wahrscheinlich, dass Sie wegen der möglichen WM-Teilnahme erst im Sommer 2018 nach Kanada ziehen?
Ich habe mit Vladimir Petkovic besprochen, dass ich die Saison in Bologna zu Ende bringe, danach schauen wir alles in Ruhe an. Auch mit dem Präsidenten. (Joey Saputo ist auch Besitzer von Montreal Impact).

Aber Sie gehen sicher davon aus, mit der Schweiz die WM zu erreichen.
Die Hoffnung ist gross nach vier Siegen in Serie. Wir dürfen uns in den nächsten vier Partien auf keinen Fall Ausrutscher erlauben. Gegen Lettland ist ein Sieg ein Muss.

Wieso reizt Sie eigentlich die Major League Soccer?
Weil sie sich als ideale Gelegenheit anbietet, den Horizont zu erweitern und gleichzeitig in einer Liga zu spielen, die sich positiv entwickelt. Mit 31 oder 32 haben sich die Prioritäten verschoben, da geht es nicht mehr darum, eine ganze Karriere zu planen.

Kommt ein anderer Transfer für Sie nicht mehr infrage?
Wohin?

Zum Beispiel nach England. Sie sagen selber, dass Sie physisch so gut sind wie noch nie.
Sehr gute Idee! Aber wer holt noch einen 31-Jährigen für mehr als eine Saison? Sporting Lissabon stand zur Diskussion. Aber das war nicht das, was ich suchte. Von Bologna erhielt ich einen Vierjahresvertrag, der auch eine Zeit bei Montreal Impact beinhaltet, und ich bekam mit Roberto Donadoni einen Trainer, der mich mit allen Mitteln in seiner Mannschaft haben wollte. Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit.

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