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«Ich habe die Ernährung umgestellt»

Haris Seferovic ist ein Stürmer mit grossem Arbeitseifer und unsteter Karriere. Gegen Slowenien gibt es für ihn heute nur eines: den Sieg.

Eine Zunge für ein Tor: Haris Seferovic nach seinem 2:1 an der WM gegen Ecuador. Foto: Keystone
Eine Zunge für ein Tor: Haris Seferovic nach seinem 2:1 an der WM gegen Ecuador. Foto: Keystone

Er ist 23, erst 23, aber er hat in den letzten fünfeinhalb Jahren erlebt, was normalerweise für eine ganze Karriere reichen könnte: Haris Seferovic wechselte nach dem Gewinn der U-17-WM Club um Club, bis er vor einem Jahr nach Frankfurt kam. Bei der Eintracht ist er gesetzt wie nach 23 Einsätzen und 5 Toren auch im Nationalteam. Der Stürmer aus Sursee mit bosnischem Hintergrund hat immensen Bewegungsdrang – auch neben dem Platz. Wenn er Ferien hat, wird ihm spätestens nach 10 Tagen Ruhe langweilig.

Seferovic sorgte mit wichtigen Toren für Aufmerksamkeit wie an der WM in Brasilien zum 2:1 in der 93. Minute gegen Ecuador. Oder vor allem auch mit der Botschaft, die er letzten November nach seinem Tor gegen Dortmund verbreitete. Während des Jubelns zog er sein Trikot hoch, um zu zeigen, was er auf sein Unterleibchen geschrieben hatte: «Tugce = #Zivilcourage #Engel #Mut #Respekt». Die 18-jährige Tugce war kurz zuvor tödlich niedergeschlagen worden, als sie zwei Mädchen, die belästigt worden waren, helfen wollte. Seferovic erhielt darauf viele positive Reaktionen. Er sagte: «Tugce war mutig. Alle sollten so mutig sein. Dann kann man etwas bewegen.»

Haris Seferovic, wer ist der beste Schweizer Stürmer?

Ouh … keine Ahnung.

Wir dachten, die Antwort sei für Sie einfach.

Nein, nein, ich sage nicht, ich bin der Beste. Jeder von uns ist gut, Mehmedi, Drmic, Embolo, es gibt ein paar, die für die Mannschaft eine ganz wichtige Rolle spielen können.

Wie würden Sie Ihren Spielstil beschreiben?

Einfach spielen, Ball halten, mit dem Kopf weiterleiten, auch die Tiefe suchen bei Steilpässen – und im Strafraum da sein, wo die Möglichkeit für einen erfolgreichen Abschluss am grössten ist. Ich habe das dem Komplizierten schon immer vorgezogen. Ich bin nie der Dribbler gewesen, sondern habe immer den direk­ten Weg zum Tor gesucht.

Was auffällt: Für einen Stürmer legen Sie weite Wege zurück.

Zu weite manchmal. Elf bis zwölf Kilometer pro Match sind viel für einen Stürmer.

Sie müssen also vom Trainer keine Schelte wegen mangelnder Laufbereitschaft befürchten.

Im Gegenteil, er muss mich eher bremsen. Er sagt mir, ich soll mich vermehrt im Zentrum aufhalten und darauf verzichten, mir den Ball irgendwo zu holen. Aber ich kann nicht 90 Minuten vorn rumstehen und warten, bis der Ball zu mir kommt. Und wenn ich ihn dann einmal sehe, bin ich vielleicht nicht konzentriert genug, weil ich nie am Spiel be­teiligt war – nein, das mag ich nicht. Ich muss in Bewegung und oft in Ballbesitz sein. Das ist mein Naturell und stärkt mein Selbstvertrauen.

Wie lange brauchen Sie, bis Sie sich von einem Spiel erholt haben?

Einen Tag, höchstens zwei. Das hat auch damit zu tun, dass ich vor dem Start in diese Saison die Ernährung umgestellt und zwei, drei Kilo abgenommen habe. Ich war ja 90 Kilo schwer. Ich setze nun vermehrt auf Vollkorn. Und ich esse weniger Süsses und Salziges. Von Chips und solchen Sachen lasse ich heute eher die Finger, ausser am Tag nach einer Partie, an dem ich essen und trinken kann, wonach ich gerade Lust habe. Da leiste ich mir auch einmal eine Pizza.

Gehört das zum neuen Haris ­Seferovic?

Vielleicht, ich glaube, ich bin professioneller geworden. Mein Ziel ist es, die vergangene Saison mit zehn Toren und acht Assists zu übertreffen, und dafür muss die Verfassung stimmen.

Sie sind erst 23, haben aber schon erstaunlich viel erlebt und als Junger auch nicht alles richtig gemacht …

… man wird älter und reifer, und die Fehler, die man macht, wiederholt man nicht.

Es gab in San Sebastian einmal einen Streit mit der Freundin, und Sie mussten eine Nacht auf der Polizeiwache verbringen.

Ich lasse die Vergangenheit ruhen. Vorbei, abgehakt. Und wenn die Leute nun ein bestimmtes Bild von mir haben, dann sollen sie das haben. Mir spielt das keine Rolle.

Welches Bild stimmt denn?

Ich bin kein schwieriger Charakter. Wer mir Respekt entgegenbringt, den respek­tiere ich auch. Es ist simpel. In der Mannschaft bei Frankfurt sorge ich für Stimmung und mache Spässchen. Und wenn mir auf dem Feld etwas nicht passt, zum Beispiel ein Schiedsrichterpfiff, wird das sichtbar.

Können Sie nachvollziehen, dass Sie als unnahbar bezeichnet werden?

Ja, aber es ist ein falscher Eindruck. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, mich anzusprechen. Ich habe doch keine Mühe damit. Wenn ich mich in Frankfurt in der Stadt aufhalte, kommen auch Leute auf mich zu, dann unterhalte ich mich mit ihnen und lasse mich mit ihnen fotografieren. Kein Problem.

Frankfurt ist seit Ihrem Weggang von GC Anfang 2010 schon der sechste Club. Was sagt Ihnen das?

Ich bin nicht unbedingt einer, der vier, fünf Jahre im gleichen Verein bleibt. Ich brauche die Abwechslung.

Oder Sie zügeln gern.

Nein, nein, ich will einfach etwas sehen im Leben, und wenn ich das mit diesem Beruf tun kann, warum nicht?

Könnte Frankfurt aber vielleicht doch der Ort sein, an dem Sie es länger aushalten?

Ich hatte zwar die Möglichkeit, in diesem Sommer zu wechseln, aber ich fühle mich sehr wohl und möchte eine weitere Saison durchspielen. Mein Vertrag läuft noch bis 2017, aber was in einem Jahr passiert, wer weiss?

Sie waren keine 18, als Sie zu ­Fiorentina wechselten. Wer wollte diesen Wechsel unbedingt? Sie?

Meine Eltern hatten schon gewisse Zweifel. Aber ich wollte den Transfer. Und GC brauchte Geld damals (lacht). Ich sagte mir: Wenn ich diese Chance bekomme, warum soll ich sie nicht packen? Ich spürte ein enormes Glücksgefühl. Gedanken, dass ich scheitern könnte, liess ich nicht zu. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, kann ich wenigstens für mich in Anspruch nehmen, dass sie mich abgehärtet hat. Ich weiss, was es heisst, schwierige Momente zu erleben. Vielleicht brauchte es genau das, um ­dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Wer weiss schon, was aus mir geworden wäre, wenn ich bei GC geblieben wäre.

Der Transfer nach Florenz öffnete Ihnen die Augen?

Sicher. Ich sah, wie andere mit den ­gleichen Absichten um einen Platz kämpften, um den internen Aufstieg. Man muss lernen, sich durchzusetzen. Ich habe mir das auch zugetraut, und ich hatte keine Angst. Das habe ich sowieso nie, sonst ziehe ich mich zurück, und dann habe ich schon verloren. Ich bin bereit, Risiken einzugehen, nur so kann ich auch gewinnen. Und muss mir dann keinen Vorwurf machen.

Sie bereuen nichts?

Es waren schwierige Phasen, das schon. Aber bereuen? Nein.

Was konnten Sie beispielsweise von Ihrem Abstecher zu Xamax lernen?

Ich weiss nicht, ob ich etwas gelernt habe. Was ich weiss: Das Bankkonto war leer, ich spielte gratis … (lacht). Ich hatte zwei Trainer in sehr kurzer Zeit, dazu einen verrückten Präsidenten, von dem niemand wusste, ob er wirklich Geld hatte. Dann kam ich aus den Ferien ­zurück und erhielt als Erstes die Kündigung. Es war ein Schock.

Gab es in der Karriere Schlüssel­momente, die Sie auf den richtigen Weg zurückbrachten?

Der Entscheid, in die Serie B zu Novara zu gehen, stellte sich als vollkommen richtig heraus. Ich machte zwar einen Schritt zurück, aber gleichzeitig zwei vorwärts. Ich bekam stets das Vertrauen des Trainers, er berücksichtigte mich auch nach einem schlechteren Spiel ­wieder, und ich schoss meine Tore. Abgesehen davon: Nach Xamax konnte ­alles nur besser sein (lacht).

Jetzt bereiten Sie sich mit der Schweiz auf das Spiel gegen Slowenien vor. Was bedeutet für Sie die Nationalmannschaft?

Ich spiele für mein Land, in dem ich geboren worden bin, das mir alles gegeben hat. Und ich versuche, möglichst viel zurückzugeben. Kurzfristig bedeutet das: ein Sieg am Samstag. Etwas anderes darf es für uns nicht geben. Wir sind daheim, daheim sind wir gut – auch wenn Slo­wenien nicht zu uns kommt, um zu ver­lieren. Wir werden es schon richten.

Die Nationalmannschaft hat ­Spieler mit bosnischen, mazedonischen, kroatischen, afrikanischen, ­albanischen Wurzeln …

(unterbricht) … wir repräsentieren alle die Schweiz.

Haben Sie als schweizerisch-­bosnischer Doppelbürger ein anderes Verhältnis zu Trainer Vladimir Petkovic, der ebenfalls bosnischstämmig ist?

Nein, er behandelt alle genau gleich. Wenn ich einen Mist spiele, sagt er mir: «Du hast einen Mist gespielt.» Ich habe sicher keinen Bonus.

Wie ist das, wenn ein Trainer Sie kritisiert? Stecken Sie das einfach so weg?

Was will ich machen? Gegen Augsburg war es nicht besonders gut. Da fragte Armin Veh: «Was war los?» Ich sagte: «Trainer, ich rannte, aber bekam keine Bälle!» Aber ja, der Trainer kann mich nicht loben, wenn es keinen Grund gibt dafür.

Wie sehr brauchen Sie Lob?

Natürlich hat man das gern, aber nicht zu oft. Wenn ich gut spiele, weiss ich es selber, wenn ich schlecht spiele, auch. Wenn man ständig nur gelobt wird, ­besteht die Gefahr, dass man nicht mehr im gleichen Mass bereit ist, Aufwand zu betreiben und sich zu verbessern.

Einer Ihrer Trainer war Ottmar Hitzfeld. Wagten Sie es, einem mit seinem Palmarès zu widersprechen?

Nein, dann sage ich lieber: Ist gut. Und später redet man vielleicht einmal darüber. Aber einem Ottmar Hitzfeld widersprechen, der mehrfacher deutscher Meister geworden ist, der die Champions League gewonnen hat, der eigentlich alles gewonnen hat? Nein, da habe ich keine Argumente.

Und wie ist das bei Vladimir ­Petkovic?

Ottmar Hitzfeld war ein sehr erfahrener Trainer, von ihm habe ich enorm viel profitiert. Vladimir Petkovic ist eher strenger, aber auch einer, der sehr viel mit den Spielern redet, der sehr viel ­erklärt.

Sie sind also einer der vielen ­Doppelbürger. Was ist das Bosnische an Ihnen, was das typisch ­Schweizerische?

Ich bin nicht unbedingt der Brave auf dem Feld, das ist vielleicht eher ein bosnischer Charakterzug. Das heisst: Ich bin emotional, heissblütig, ehrgeizig, hartnäckig, und ich verliere sehr ungern. Der Schweizer in mir kommt bei der Pünktlichkeit zum Ausdruck. Ich bin hier aufgewachsen und habe die Mentalität angenommen.

Und das heisst?

Wenn es irgendwo laut ist und die Nachbarschaft gestört werden könnte, schaue ich, dass sich der Lärm in Grenzen hält. Die Leute wollen Ruhe.

Die Tattoos sind einfach typisch Seferovic?

Ich mochte Tattoos schon immer. Irgendwann fing ich damit an. Mein Vater sagte zwar: «Lass das sein.» Ich machte es trotzdem. Er musste es akzeptieren.

Ist Ihr Vater noch immer Ihr ­grösster Fan?

Ja, und er ist mein wichtigster Weg­begleiter und Förderer. Er fuhr mich zu jedem Juniorenspiel, er nahm frei, wenn ich spielte, um mich zu sehen. Heute fährt er mit meiner Mutter zu jedem Heimspiel nach Frankfurt.

Was geben Sie Ihren Eltern zurück, um sich bei Ihnen für das zu bedanken, was sie für Sie gemacht haben?

Ich kann ihnen mit finanzieller Unterstützung den Alltag etwas erleichtern. Die Mutter arbeitet noch 50 Prozent. Der Vater arbeitet immer noch voll, weil er das so will. Ich schlug ihm schon vor, aufzuhören. Aber er will das nicht. Vielleicht wäre es beiden zu langweilig ohne Arbeit. Ich glaube, ich mache meine ­Eltern einfach auch stolz.

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