Hungerlöhne im Milliardenbusiness

Kleider aus dem Secondhandshop und kein Geld für die Miete: Wie die reichen Premier-League-Clubs ihre Mitarbeiter ausbeuten.

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10,4 Milliarden Franken TV-Gelder, verteilt über drei Jahre. 1,3 Milliarden Franken alleine an Transferausgaben in diesem Sommer. 2,9 Millionen Franken Durchschnittslohn pro Jahr. Es sind schwindelerregende Zahlen, die mit der Premier League in Verbindung gebracht werden. Zahlen einer Glitzerwelt, die aber auch ihre Schattenseiten generiert.

Erschreckende Zahlen

In einer aufwendigen Recherche zeigt der britische «Telegraph» auf, wie die Premier-League-Teams ihr Personal ausserhalb des Rampenlichts ausbeuten. Ordner, Putzkräfte, Service- und Fanshop-Mitarbeiter – all diese Tausenden Helfer, ohne die das Spektakel auf dem Rasen nicht stattfinden würde. Die Zahlen sind erschreckend.

In England ist per Gesetzt aktuell ab dem Alter von 25 Jahren ein Mindeststundenlohn von 7.50 britischen Pfund vorgeschrieben, umgerechnet knapp 9.40 Franken – bis 2020 soll er auf 11.20 Franken angehoben werden. Unabhängige Organisationen wie die Living Wage Foundation (LWF) halten den aktuellen Mindestlohn jedoch für unzureichend. Anhand von Wohnkosten, Kommunalsteuer und anderen Lebenshaltungskosten beläuft sich der LWF-Mindestlohn in London auf 12.20 Franken pro Stunde, im Rest Englands auf 10.50 Franken. Obwohl alle 20 Premier-League-Clubs zu den 40 reichsten Vereinen Europas gehören, bezahlen einzig Chelsea und Everton das «faire Minimum», wie der LWF-Mindestlohn auch genannt wird.

Zehn Jobs und knapp 500 Pfund

Der «Telegraph» beschreibt die Geschichte von A. (aus Angst davor, den Job zu verlieren, will er anonym bleiben), der unter anderem im Wembley sowie in den Stadien von Brighton, Fulham und Millwall als Steward gearbeitet hat. Sein letzter Job war bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften ihm wurde jeweils der gesetzliche Mindestlohn von 9.40 Franken bezahlt. «Damit durchzukommen, ist sehr schwierig», sagt der Endzwanziger. «Im Monat erhält man um die zehn Jobs, am Schluss ergeben das knapp 500 Pfund. Das ist für die harte Arbeit unwürdig», erzählt er. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Premier-League-Fussballer verdient 840 Pfund – pro Stunde. A. lebt nach wie vor mit seiner Mutter und seinen Geschwistern: «Es ist für mich derzeit unmöglich auszuziehen.»

Nicht mehr ausgebeutet werden möchte Daniel Deefholts. Der 19-Jährige bekam für seinen Job als Kellner im VIP-Bereich bei Crystal Palace 9 Franken pro Stunde und musste sich dafür auch noch von seinen Vorgesetzten vor anderen Mitarbeitern mehrmals «demütigen lassen», wie er erzählt. Deefholts studiert nebenbei und rechnet vor, dass er Schulden von 56'000 Franken haben werde, wenn er sein Studium abschliesst: «Dass Crystal Palace mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Pfund solche Löhne bezahlt, ist moralisch ein Desaster.» Nach nur einer Saison hat Deefholts seinen Job wieder gekündigt.

«Es ist obszön»

Citizens UK, die Vereinigung hinter der Living Wage Foundation, äusserte sich nach Veröffentlichung der Recherche schockiert: «Es ist obszön, dass Fussballer und ihre Agenten Jahr für Jahr Millionen verdienen, während die Geringverdiener am selben Arbeitsplatz kämpfen müssen, um ein Dach über dem Kopf zu haben und ihre Familien ernähren zu können.» Malcom Clarke, der Präsident der Football Supporters Federation glaubt, dass ein Grossteil der Fans denkt, dass mehr als genug Geld da wäre, um faire Saläre zu bezahlen: «Ohne all diese Menschen könnten Premier-League-Spiele gar nicht stattfinden. Diese so schlecht zu entlöhnen und ihre Liebe zum Fussball auszunutzen, ist schlicht unmoralisch.»Und der Politiker Damian Collins fordert: «Diese Angestellten sollten von ihren Löhnen anständig leben können.» Mittlerweile hat sich auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan eingeschaltet und die Clubs für ihre Lohnpolitik kritisiert.

Und die Vereine? Sie schweigen oder waschen ihre Hände in Unschuld. Schliesslich machen sie sich rein gesetzlich die Hände nicht schmutzig, den vorgeschriebenen Mindestlohn bezahlen sie ja, ausserdem sind viele der Arbeiter von Subunternehmen angestellt. Kein Geheimnis aus den Löhnen macht der FC Liverpool, der kürzlich den ehemaligen Basel-Flügel Mohamed Salah für 48 Millionen Franken aus Rom holte: Auf der Vereinswebsite bieten die «Reds» Stellen zum gesetzlichen Mindestlohn von 9.40 Franken an. Immerhin: Nach der Kritik vom Londoner Bürgermeister haben die Vereine eingewilligt, sich «um Besserung zu bemühen.»

B., der an der White Hart Lane von Tottenham arbeitete und ebenfalls anonym bleiben möchte, sagte dem «Telegraph»: «Ich musste Kotze der Fans aufwischen, putzte den VIP-Bereich und sogar die Präsidenten-Loge. Dafür kann ich mir knapp ein Zimmer leisten.» Um über die Runden zu kommen, kauft der bald 60-Jährige nur Esswaren, die gerade in Aktion sind und Secondhandkleider. «Niemand soll so leben müssen», klagt er. Dabei wäre wenig nötig, um die Situation zu entschärfen: «9.75 Pfund pro Stunde wären lebensverändernd. Es würde den Unterschied machen zwischen monatlichem Zusammenkratzen und sagen: ‹Ich komme wenigstens durch.›»

fas

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