Hunger, hungrig

Fussballgott Grädel wägt Hunger gegen Qualität ab.

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Ein Modewort hat die Sport-, Fussballwelt erfasst: Hunger, oder auch in adjektivischer Verwendung, hungrig. YBs Sportchef Christoph Spycher hat sich auch schon dieses Vokabulars bedient. Man sei jetzt wieder «hungrig, voller Energie». Gemeint ist natürlich der Hunger nach Siegen, und Grädel stellt sich vor, wie er, ausgehungert und hungrig gleichzeitig mit einer Horde Menschen, vom gleichen Schicksal ereilt, einem Lebensmittelhändler das Ladenlokal stürmt und alle Regale wie in einem Rausch leer räumt. Es sähe dann drinnen im Laden aus wie die Lebensmittelläden in Bukarest im vorherigen Jahrhundert unter dem netten Staatschef Nicolae Ceausescu.

Als Grädel am letzten Sonntag die Niederlage der Young Boys mit einem Bier – oder waren es zwei? – herunterschluckt und sich im Lehnstuhl vor dem TV-Altar auch noch einen eher grösseren Pack Paprika-Pommes-Chips gönnt, sieht er in Basel eine grün-weisse Mannschaft den Laden St.-Jakob-Park leer räumen, plündern, könnte man sagen. So sah das von Grädels Lehnstuhl aus, und er, Grädel (nicht der Lehnstuhl), muss zugeben, dass dieser Raubzug ein paar Ängste schürt. Grädel hatte plötzlich dieses mulmige Gefühl im Bauch – die Biere, oder wirklich diese grün-weisse Mannschaft?

Die Mannschaft heisst übrigens St. Gallen, Grädel hat das investigativ in Erfahrung gebracht. Nach Grädels Wissen spielt diese Mannschaft in der gleichen Liga wie die Young Boys. Und Grädel hat mit grossem Befremden festgestellt, dass St. Gallen, vor YB, die Tabelle anführt. Mensch, Mamma Mia, Heiliger Strohsack, hatte diese Mannschaft aber Hunger an diesem Nachmittag, man spürte förmlich diese zubeissenden Kiefer, die überall hinschnappten, wo sich irgendetwas bewegte.

Grädel kennt sich im Gebiet des Hungers aus. Er hat schon manche Diäten ausprobiert, sich dem 16-Stunden-Intervall-Fasten angenähert, aber die Waage – vielleicht defekt – zeigte immer eine Zahl über 90 an: 93, 97, 95 – in diesem Bereich. «Mach doch mal eine Bier-Diät», schlug neulich ein Kollege vor. «Was, nur Bier?», lachte Grädel, «mache ich sofort.» «Kein Bier, du Trottel!», sagte der Kollege.

Grädel ist nicht mehr so wahnsinnig hungrig nach grossen Siegen in seinem Leben. Kleine Siege vielleicht noch, im Alltag, unbemerkt von den anderen, stilles Geniessen über etwas Gelungenes. Und YB? St. Gallen ist hungrig, mindestens das, YB habe Qualität, sagen die Experten, wobei die Experten ...? Hunger gegen Qualität, eine interessante Sache.

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