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Wo die Bayern teuer aufrüsten wollen

Lahm und Alonso sind weg, wer folgt nach? Uli Hoeness hat überraschend wortmächtig «eine Richtungsentscheidung» angekündigt.

Will auf dem Transfermarkt zuschlagen: Uli Hoeness.
Will auf dem Transfermarkt zuschlagen: Uli Hoeness.
Keystone

Da war es dann doch, dieses letzte Mal. Ein letztes Mal die rechte Aussenlinie entlangwetzen. Ein letztes Mal dieser Dialog von Philipp Lahm und Arjen Robben mit dem Ball. Eine letzte Demonstration des bis zum Samstag wohl bekanntesten Bauerntricks des Weltfussballs.

So ein Bauerntrick glänzt durch seine vermeintliche Einfachheit. Jeder Gegner weiss ja, was kommt, was auf ihn zurollt – und trotzdem steht er blöd da wie ein Poller in tosender Brandung. Dieser Trick war massgeblich verantwortlich dafür, dass Lahm am Samstag als Champions-League-Gewinner, achtmaliger deutscher Meister und sechsmaliger DFB-Pokalsieger verabschiedet werden konnte. Weltmeister wurde er auch, 2014 in Rio de Janeiro – sogar ohne diesen Trick und ohne Arjen Robben, den Niederländer.

Dem FC Bayern fehlt plötzlich so einiges

Aber beim FC Bayern hat er meist zuverlässig funktioniert, letztmals in Spielminute 73, beim Tor zur 2:0-Führung im Bundesliga-Finale gegen den SC Freiburg. Den Treffer erzielte Arturo Vidal, aber das ist ja gerade der Trick: dass niemand weiss, wer am Ende abschliesst.

Lahm und Robben eröffneten am rechten Flügel genau diese verschiedenen Optionen. Wobei Lahm die leichtere Rolle hatte. Schob den Ball immer gleich zu Robben, lief sich in dessen Rücken frei, und Robben entschied dann ziemlich souverän, ob er zurückspielte oder selbst den Torschuss (häufiger) respektive den besser postierten Mann (seltener) suchte. Des Gegners Abwehr jedenfalls stand kollektiv auf dem falschen Fuss.

Das ist vorbei. Dieser Trick funktioniert ohne den auch im Alter von 33 Jahren höchst emsigen Lahm nicht mehr. Und dem FC Bayern fehlt plötzlich so einiges, denn auch der schlaue Spanier Xabi Alonso (35), der gegen Freiburg hellwache Reservetorwart Tom Starke (36) sowie Club-Ikone und Assistenzcoach Hermann «Der Tiger» Gerland (62) wurden am Samstag aus dem Kreis der ersten Mannschaft verabschiedet.

Noch in der Partynacht aber hat Uli Hoeness überraschend wortmächtig «eine Richtungsentscheidung» angekündigt. Dürfte bedeuten, dass der FC Bayern auf die Verluste von Personal und Bauerntrick mit teureren Massnahmen reagieren wird als erwartet: «Wir haben einen Kader, wenn man den verstärken will, muss man Granaten kaufen», sagte Hoeness am Münchner Rathausbalkon ins BR-Mikrofon: «Das Problem ist, dass wir uns auf einem Markt bewegen, auf dem über Summen diskutiert und Summen bezahlt werden, die wir nicht für möglich gehalten haben.»

Vor dem Spiel wurden Philipp Lahm und Xabi Alonso verabschiedet.
Vor dem Spiel wurden Philipp Lahm und Xabi Alonso verabschiedet.
Keystone
In der Pause am letzten Spieltag sorgte Anastacia für gute Stimmung.
In der Pause am letzten Spieltag sorgte Anastacia für gute Stimmung.
Keystone
Carlo Ancelotti und Anastacia sangen an der Feier zusammen im Duett.
Carlo Ancelotti und Anastacia sangen an der Feier zusammen im Duett.
Keystone
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Da in einem spekulativen Kapitalmarkt Spekulationen erlaubt sein müssen, bietet sich laut letzter Nachrichtenlage gerade die folgende Kombinationskette an: Bayern sucht einen Backup-Stürmer für Robert Lewandowski sowie, nach dem Verlust von Lahm/Alonso, neue zentrale Autorität; favorisiert wurden zuletzt der pfeilschnelle Chilene Alexis Sánchez vom FC Arsenal sowie der Schalker Mittelfeldaufsteiger Leon Goretzka; beide haben noch je ein Jahr Vertrag; um beide rauszukaufen, könnte der FCB ein 100-Millionen-Euro-Paket schnüren; fallen könnte somit der clubinterne Transferrekord, der 2012 beim 40-Millionen-Einkauf von Javi Martínez aufgestellt wurde.

«Werden uns sicher mal am Tegernsee zusammensetzen»

Spekulationen und Rechenspiele, mit denen Philipp Lahm (vorerst) nichts mehr zu tun haben wird. Für ihn haben die ganz grossen Ferien begonnen. Auf dem Rathausbalkon, auf dem ihm die Feuchtigkeit in die Augenwinkel trat, stimmte die Mannschaft für ihn mit den Vorsängern Thomas Müller und David Alaba den Oktoberfest-Zelträumer «Weus’d a Herz host wia a Bergwerk» des Austrobarden Rainhard Fendrich an.

Lahm gilt als alpennah sozialisiert, viel weiter als bis an den heimischen Tegernsee wird es nicht gehen, Ehefrau Claudia erwartet das zweite Kind, sodass der neue Tagesplan zu stehen scheint: «Jetzt habe ich vormittags frei, und nachmittags kann ich mich um die Familie kümmern. Das ist doch auch was Schönes.»

Dieses einschränkende «doch auch» könnte doch auch zum Problem werden. Dies zumindest glaubt Karl-Heinz Rummenigge, der den Rhythmus der Frührentnerei von jungen Fussballlegenden so erlebt hat: «Die ersten drei Monate sind super», referierte der Bayern-Vorstand in der Münchner Feiernacht, jedoch: «Nach sechs Monaten wirds langweilig, und nach acht Monaten überlegt man sich, was man tun kann.» Rummenigge ist sich sicher: «So wird es auch bei ihm kommen.»

Nicht nur diese Botschaft deutete darauf hin, dass die Beziehung zwischen Lahm und dem FC Bayern mit der Übergabe von einigem Rentner-Rüstzeugs vor Anpfiff (Golfsack, rot-weisse Blumen) und diesem 4:1 gegen den SC Freiburg längst nicht beendet wurde. Im Gegenteil: Sogar Uli Hoeness erklärt nun bereits, dass es demnächst zum neuen Dialog, von Seeufer zu Seeufer, kommen könne: «Wir werden uns sicher mal am Tegernsee zusammensetzen und ein gutes Gespräch führen.»

Ein Schreibtisch bleibt frei

Dabei dürfte versucht werden, unter anderem die auf Lahms Abschieds-Interview-Tournee bundesweit gestreute Aussage wieder einzufangen, Aufsichtsratschef und Präsident Hoeness (65) sei noch «zu tatkräftig» und «zu jung», um die Macht im Club zu teilen. Die Wettquoten bei den Buchmachern, dass es beide niemals wieder zusammenbringen könnte, sind jedenfalls an diesem Wochenende stark gefallen. Auch unter dem Eindruck, mit welch emotionaler Wucht die Fans dem scheidenden Kapitän auf grossflächigen Bannern («Vom Kind unserer Stadt zur Legende unseres Vereins») ihr Servus übermittelten.

Lahm hatte sich nie danach gedrängt, seine Autorität mit anbiedernder Geste über die Stimme des Volkes abzusichern. Ganz am Ende, als sich das Stadion am Samstag fast geleert hatte, ging er noch einmal hinüber in die Südkurve, dorthin, wo die Hardcore-Bayern stehen, liess Sohn Julian von der Hand, klopfte sich zweimal kurz mit der Faust auf das Bayern-Emblem am Trikot, drehte ab und ging. Populisten führen einen anderen Wahlkampf.

Er weiss ja, dass ein Schreibtisch an der Säbener Strasse frei gehalten bleibt – ob für ihn als Sportchef, Sportvorstand oder Chefsportvorstand bedarf der Definition. Für die weitere Reservierung sorgt schon Rummenigge, für den Lahm als Profi des Vertrauens galt. Die Tür zum FC Bayern stehe immer offen, hiess es stets; dass Philipp Lahm irgendwann im Businessanzug wieder hindurchgehen dürfte, ist wahrscheinlich. Wann, das bedarf der Tegernseer Runde – Lahm gilt als prinzipientreu, Hoeness als stur. Es werden spannende Gespräche; ein Leak dieser Protokolle wäre sicher von ganz besonderem Unterhaltungswert.

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