Hoar-Wo?

Fussballgott «Grädel» mindert seine Sehnsucht mit Duschgel und Vinyl.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wo steckt er eigentlich? Grädels Nachbar meint, ihm neulich in der Migros begegnet zu sein. Ein Arbeitskollege will ihn von ferne im Stadion erblickt haben. Eine jüngere Bekannte schliesslich berichtete, sie sei an einem Konzert in einem einschlägigen Berner Lokal gewesen, und dort sei er leibhaftig auf der Bühne gestanden und habe gesungen, sehr berührend sei es gewesen. Aber Grädel selbst hat ihn schon viel zu lange nicht mehr gesehen, und – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch: Er fehlt ihm ganz, ganz fest. Er taucht mal hier auf, mal da, aber nicht mehr dort, wo er eigentlich hingehört. Dort machen jetzt andere seinen Job, und das sogar ziemlich gut. Blasphemisch veranlagte Zeitgenossen behaupten sogar, es brauche ihn gar nicht mehr. Mag sein, aber ohne ihn ist es einfach nicht dasselbe.

Vor ein paar Tagen wurde Grädel von seiner Frau überrascht. Die hat auch gemerkt, das ihrem Mann in letzter Zeit etwas ganz fest fehlt. Eine silberne Tube brachte sie aus der Stadt mit, mit seinem Konterfei und seiner Unterschrift darauf. «Torriecher», ein schöner Name für 200 Milliliter Duschgel. Wobei, damit assoziierte Grädel bislang eher den Geruch von verschwitzter Kunstfaser, mit einem Hauch frisch geschnittenen Rasens und üblicherweise noch mit einer stechenden Note Fussschweiss. Aber diese Emulsion – ach was, dieses Elixier – riecht göttlich, und Grädel fühlt sich jetzt nach jeder Dusche gute 30 Jahre jünger.

Und das ist bei weitem nicht alles, denn so eine altmodische Vinylsingle hat ihm seine liebe Frau auch noch geschenkt. Wenn man die auf dem Grammofon mit 45 Touren abspielt, dann singt er im Duett mit einem Berner Chansonnier über «les passantes», diese vorüberziehenden Schönheiten, die man gerne festhalten würde und doch ziehen lassen muss – so hat es Grädel mit seinen bescheidenen Französischkenntnissen jedenfalls verstanden. An der Stelle muss sich Grädel dann immer eine Träne verdrücken, und das nicht, weil ihm Duschmittel ins Auge gelangt wäre. Es liegt wohl einfach daran, dass dieser Text einen unweigerlich an das ewige Dilemma mit Lieblingsspielern erinnert. Und Grädel bleibt so lange untröstlich, bis Guillaume Hoarau endlich wieder auf dem Rasen an seinen Gegnern und nicht nur als flüchtige Duftwolke oder Schallwelle vorbeizieht. (Der Bund)

Erstellt: 09.11.2017, 07:13 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Justiz reloaded

Mord und Totschlag bei Grädel? Dürrenmatt macht es möglich. Mehr...

Bedrohtes Spiel

Es ist schwierig geworden, dieses Spiel zu lieben, findet Grädel. Mehr...

Die Einordnung

Fussballgott «Grädel» hat Deadlines. Ein Spiel einordnen kann er deshlab trotzdem. Mehr...

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Blogs

Politblog Die Irrtümer der No-Billag-Befürworter

Blog: Never Mind the Markets Mysteriöse Zins-Signale

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Nichts für Tierliebhaber: Fuchspelze werden von einem Arbeiter auf dem chinesischen Chongfu Pelzmarkt verarbeitet (14. Dezember 2017).
(Bild: William Hong) Mehr...