Bern

Good Vibrations bei YB dank Champions League

Es ist wirklich wahr: YB steht in der Champions League – und zelebriert den Erfolg in Zagreb ausgiebig. Eine Annäherung an einen Fussballclub im Rausch.

Die Champions-League-Hymne als Tonspur: Ausgelassene Freude in der YB-Kabine nach dem 2:1-Sieg am Dienstagabend in Zagreb.

Die Champions-League-Hymne als Tonspur: Ausgelassene Freude in der YB-Kabine nach dem 2:1-Sieg am Dienstagabend in Zagreb. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt viele Bilder, die den magischen Erfolg der Young Boys würdig festhalten. Beispielsweise Kevin Mbabu als One-Hit-DJ in der YB-Kabine in Zagreb. Die Champions-League-Hymne in der Endlosschleife bildet die Tonspur all der gelb-schwarzen Feierlichkeiten seit Dienstagabend kurz vor 23 Uhr. Euphorie allenthalben, auf dem Rasen des Maksimir-Stadions wie beim rauschenden Empfang Am Mittwochmittag in Belp.

Der Spruch von Kuno Lauener

Die Young Boys nehmen 2018 erstmals an der Champions League teil, und vielleicht ordnen die Namen Ronaldo, Neymar und Messi die Dimensionen des Coups angemessen ein. Vermutlich kennen die Weltstars keine Berner Spieler, am Donnerstag jedoch könnten ihre Arbeitgeber Juventus, Paris, Barcelona wie all die anderen glitzernden Topclubs in die gleiche Gruppe wie YB gelost werden.

YB-Anhänger feiern 2018 eine Dauerparty. Manche immer noch berauscht von den Meisternächten im Frühling, alle elektrisiert von der Aussicht auf weitere Festtage im Herbst. Es ist, als ob sie in diesem Jahr entschädigt würden für Leiden und Rückschläge, Blamagen und Misserfolge in den letzten Jahrzehnten.

Passenderweise erscheint in einigen Tagen das offizielle YB-Meisterbuch. Darin sagt Kuno Lauener: «So einen Erfolg wie den Meistertitel nimmt man dann ja fast ein ­bisschen persönlich, wenn man schon so lange dabei ist.» Es sei ihm damals vorgekommen, als würden alle Leute mit einem Lächeln durch die Stadt laufen. «Alles war am Vibrieren», sagt der Züri-West-Sänger und YB-Fan.

Auf einmal siegen die Young Boys in Partien, die sie jahrelang zuverlässig vergeigten. «Geyoungboyst» statt «veryoung­boyst». Sie überzeugen mit Wille, Leidenschaft, Teamgeist, ihr Kader ist exzellent zusammengesetzt, mit einem feinen Mix aus Erfahrung und Talent, aus Kunst und Kraft, aus Afrika und Bern.

Sinnbildlich die Innenverteidiger, der knorrige Leader Steve von Bergen und Grégory Wüthrich, lässiger Steigerhubeljunge mit Wurzeln in Ghana. Das passt alles erstaunlich harmonisch zusammen. Der Alte hilft dem Jungen, richtet ihn nach Fehlern wie am Dienstag in Zagreb wieder auf.

Und wenn es mal nicht ideal läuft, kommt der lockere Guillaume Hoarau um die Ecke geschlendert, verwandelt abgezockt einen Penalty und hält routiniert den Fuss hin, um aus drei Metern abzustauben. Zwei Ballkontakte in zwei Minuten für die Ewigkeit.

«Wir sind sehr stolz und spüren eine tiefe Befriedigung.»
YB-Sportchef Christoph Spycher

Der Schwur zur Pause

YB in der Champions League! Es klingt unwirklich, immer noch, und schwer abzuschätzen ist, wie weit der Hype in den nächsten Wochen gehen wird. Das hängt gewiss auch von der Attraktivität der Gruppengegner ab, am Donnerstagabend weiss man Bescheid.

Unbestritten ist der nicht für möglich gehaltene sportliche und wirtschaftliche Höhenflug der Young Boys seit der Installierung von Christoph Spycher als Sportchef vor bald zwei Jahren. «Wir sind sehr stolz und spüren eine tiefe Befriedigung», sagt Spycher, «dieser Erfolg ist wunderschön für alle, die uns verbunden sind.»

Die Nacht von Zagreb gebar ­einige Helden. Den Doppeltorschützen Hoarau, den eingewechselten Filou Roger Assalé, den magistralen Ballverteiler Djibril Sow, aber auch Wüthrich, erst mit grobem Aussetzer, später mit Kopfballvorar­beit vor dem 2:1.

«Das war ein doofer Gegentreffer», sagte Wüthrich, «aber wir haben uns zur Pause geschworen, dass wir rausgehen und das Ding drehen.» Bemerkenswert war die Ruhe, mit der YB agierte, die Abgeklärtheit und die Selbstverständlichkeit auch. Da ist eine gewachsene Einheit unterwegs, ausgestattet mit Selbstvertrauen und Stabilität und Siegermentalität.

Der Ärger Zagrebs

Es war ja, so viel sachliche Analyse darf an dieser Stelle kurz sein, alles andere als ein gutes Fussballspiel in Zagreb. Zufälligkeiten entschieden eine Begegnung auf sehr bescheidenem Niveau. Der Ball rollte wie zuvor die Loskugel für YB, aber dieses Glück muss man sich erarbeiten. Die Dinamo-Vertreter zürnten derweil über den anerkannten Referee Björn Kuipers aus Holland.

«Nie im Leben» sei das ein Foul gewesen, motzte Trainer Nenad Bjelica zur Szene vor dem 1:1, als Assalé einen Penalty herausgeholt hatte. Und vor dem zweiten YB-Tor habe Christian Fassnacht ein klares Hands begangen. «So ist halt Fussball», sagte Bjelica. «Nicht immer gewinnt das bessere Team.»

Bald werden nicht nur die Schiedsrichter, sondern auch die YB-Kontrahenten im Europacup Champions-League-Format besitzen. Gerardo Seoane, vor zehn Monaten als U-21-Coach Luzerns noch mit Gegnern wie Münsingen und nicht Manchester beschäftigt, blieb im riesigen Trubel ruhig wie immer.

Mit stoischer Gelassenheit analysierte er das Geschehen, sprach von «ungenügender erster Halbzeit» und «zu ängstlicher Spielweise», freute sich über die Steigerung und darüber, was YB erreicht habe. «Auf uns warten echte Highlights. Aber wir werden die Super League nicht vergessen», sagte der Coach pflichtbewusst. «Am Samstag folgt in Sion ein schwieriges Spiel.»

Der Zahnarztbesuch Seoanes

Gerardo Seoane war am 28. April als FCL-Trainer im Stade de Suisse als Gast dabei gewesen, als YB gegen Luzern 2:1 gewann und den Gewinn der ersten Meisterschaft seit 32 Jahren ausgelassen zelebrierte. Genau vier Monate später, am 28. August, gab er nach dem 2:1-Sieg in Zagreb wenig Einblick in seine Gefühlswelt.

Er fand aber einen hübschen Vergleich, wie er das mit den Young Boys und der Champions League so sieht. «Das ist wie beim Zahnarzt, das kann manchmal auch schmerzhaft sein.» Hört sich irgendwie schief an, Seoane scheint aber zu wissen, dass ein Königsklassenzwerg im Nou Camp schon mal 1:6 gegen Barcelona verlieren kann.

Mit seinem Kader übrigens ist Seoane sehr zufrieden, er fordert keine Verstärkungen. Fassnacht gab in Zagreb ein Bekenntnis ab («Ich bleibe sicher bei YB»), und für den umworbenen Mbabu wird die Zeit knapp, bis am 31. August noch einen Transfer zu realisieren.

Mit starken Leistungen in der Champions League könnten die Marktwerte der YB-Akteure explodieren, Ablösesummen in der Grössenordnung von 20 Millionen Franken sind etwa bei Mbabu, Assalé und insbesondere Sow nicht mehr ausgeschlossen.

Gerardo Seoane wiederum ist keine 40, sein Aufstieg in den letzten Monaten liest sich wie ein ­kitschiger Roman. Dieses YB hört einfach nicht auf, seiner Erfolgsgeschichte weitere Kapitel ­anzu­fügen. (Der Bund)

Erstellt: 30.08.2018, 09:08 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Zum Glück zurück

Outdoor Dieses Abenteuer macht eine Gruppe zum Team

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Teilnehmer des jährlichen «North East Skinny Dip» rennen in das Meer bei Druridge Bay in England. (23. September 2018)
(Bild: Scott Heppell) Mehr...