Giftzahn auf der Überholspur

Am Dienstag das Länderspiel gegen Bosnien-Herzegowina, am Sonntag das Wiedersehen mit dem letzten Arbeitgeber YB: Renato Steffen dreht diese Woche hochtourig.

Renato Steffen schlüpft gerne in die Rolle des Provokateurs. Beim ersten Spiel mit dem FCB ärgerte er mit einer missverständlichen Jubelgeste die eigenen Fans.

Renato Steffen schlüpft gerne in die Rolle des Provokateurs. Beim ersten Spiel mit dem FCB ärgerte er mit einer missverständlichen Jubelgeste die eigenen Fans.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Sead Kolasinac ist weit über 1,80 Meter gross und hat die Postur eines Türstehers. Am Dienstagabend weilte der Verteidiger von Schalke 04 mit der Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina im Zürcher Letzigrund. Dabei machte er Bekanntschaft mit einem giftigen Offensivspieler, der die Nummer 14 trug und erstmals von Beginn weg für die nationale Auswahl seines Landes auflief. Gemeint ist Renato Steffen, bis vor kurzem bei den Young Boys unter Vertrag.

Gegen die Bosnier tat der Aargauer, was er immer wieder tut, wenn er im Wettkampfmodus ist: Er spielte mit viel Feuer und Eifer, stürzte sich mutig in die Zweikämpfe, stocherte, zupfte und zerrte, nervte. Womit wir wieder bei Kolasinac wären. Der Deutsch-Bosnier hatte gar keine Freude an Steffens Verhalten. Als etwas mehr als halbe Stunde vorüber war, zeigte er Nerven. Nach einem harten, aber fairen Duell an der Cornerflagge beschimpfte er den fast einen Kopf kleineren Schweizer. Der blieb cool – auch als ein weiterer Bosnier herbeieilte und ebenfalls Dampf abliess.

Ein Kandidat für die EM 2016

Emotionen reinbringen in einen Wettkampf: Das ist – neben der Schnelligkeit – das Markenzeichen von Renato Steffen. Im vierten Länderspiel hatte er aber auch noch anderes zu bieten. In der ersten Halbzeit, als er die rechte Flanke besetzte, gehörte er zu den auffälligsten Schweizern. Er war es auch, der zu Beginn der zweiten Halbzeit Begovic zur besten Abwehr zwang. Am Ende eines aus Schweizer Sicht denkbar schlechten Abends zog Steffen das nasse Trikot bis über die Nase hoch. Sein Gesichtsausdruck sagte mehr als viele Worte: Da war ein Fussballer zutiefst enttäuscht.

Tags darauf war die Stimmung schon wieder etwas besser. Die eigene Leistung fand Steffen «okay». Zu Beginn sei er etwas nervös gewesen, weil er erstmals den Sprung in die Startformation geschafft habe. Gegen Irland, wo er nach rund einer Stunde eingewechselt wurde, war Steffens Bestreben ersichtlich, etwas zu bewegen. Die Tendenz nach dem zweitletzten Zusammenzug vor der EM in Frankreich: Steffens Chancen auf einen Platz im 22 Mann-Kader sind gestiegen.

Die jüngsten Auftritte im Nationalteam passen zu einer Karriere, die sich in atemberaubendem Tempo vorwärtsbewegt, seit Steffen über Umwege in die Niederungen der 2. Liga (FC Schöftland) doch noch zum Profifussball gefunden hat. Eine Saison FC Thun, zweieinhalb Jahre YB, im Oktober 2015 das erste Länderspielaufgebot, im Januar die Unterschrift bei Serienmeister Basel: So liest sich Steffens Akte im Schnelldurchlauf.

Die vorerst letzte Stufe hat der unberechenbare Offensivspieler mit scheinbarer Leichtigkeit erklommen. Er kommt beim personell stark besetzten FCB regelmässig auf der rechten oder linken Mittelfeldseite zum Zug. «Die Teamkollegen haben mir den Einstieg enorm erleichtert», verteilt Steffen artig Blumen. Ganz bestimmt kein Nachteil ist, weiss Trainer Urs Fischer sehr genau, wie der Erlinsbacher funktioniert. Die beiden haben sich bei Thun kennen und schätzen gelernt. «Urs ist kurz und klar in seinen Ansagen, das gefällt mir.»

Der Seelenverwandte

Renato Steffen gehört zur Sorte Fussballer, die dem Gegner richtig wehtun können. Denis Hediger fasste einen üblen Tritt, als der Offensivspieler nach dem Wechsel zu YB in die Stockhorn-Arena zurückkehrte. Der fragile Techniker Yassine Chikhaoui verlor die Nerven, nachdem Steffen ihn hart angegangen war. Und es gab den medial ausgeschlachteten Zwischenfall mit Taulant Xhaka im letzten September, die dem Basler Heisssporn eine Rote Karte eintrug. Und Steffen bei den FCB-Fans zum Feindbild machte.

In der Zwischenzeit sind schon wieder Unmengen von Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Und vieles von dem, was über die zwei Streithähne geschrieben wurde, ist längst Makulatur. Nach langem Hin und Her hat Steffen Anfang Jahr beim FCB angeheuert bis im Sommer 2019, was Teile der Anhängerschaft erneut in Aufregung versetzte. Kaum hatten sich die Wogen etwas geglättet, kam dem Umstrittenen nichts Klügeres in den Sinn, als beim ersten Tor vor die Muttenzer Kurve zu laufen und demonstrativ die Hand hinters Ohr zu halten. Es habe damit nicht provozieren wollen, erklärte er hinterher. «Ich bin ein Typ, der stärker von Emotionen lebt als andere.»

Dieser Wesenszug verbindet ihn mit Taulant Xhaka. Wobei das nicht die einzige Gemeinsamkeit ist: «Wir sind zwei ehrliche Menschen, die nicht lange um den heissen Brei herumreden, wenn es etwas zu klären gibt.» Das Techtelmechtel im Stade de Suisse hätten sie schon wenige Tage später besprochen und dann ad acta gelegt. Wer Steffen zuhört, wie er über «Tauli» redet, zweifelt nicht daran, dass es zwischen den beiden Feuerteufeln menschlich passt.

Der schnelle Wagen

Auf dem Fussballplatz mag Steffen ein richtig unangenehmer Kerl sein. Ansonsten ist er ein höflicher und zuvorkommender Zeitgenosse, der gerne blödelt, mit Kollegen zusammensitzt und das Leben geniesst. Die einzige Extravaganz, die er sich leistet, ist ein schnittiger Sportwagen. Darauf angesprochen, wird er einsilbig. Das hat seine Gründe: Bei YB fanden es längst nicht alle toll, dass Steffen in einem auffälligen Auto vorfuhr, kaum hatte er die Arbeit aufgenommen.

Über die Nebengeräusche, die dem Transfer nach Basel vorausgingen, mag der 23-Jährige nicht mehr viele Worte verlieren. Es sei eine Eigendynamik entstanden, die für ihn und YB unbefriedigend gewesen sei. Wichtig ist dem Spieler, dass am Ende eine Lösung gefunden werden konnte, «die für alle Parteien stimmt». Und dass es zwischen Sportchef Fredy Bickel und ihm ein klärendes Gespräch gab, bevor sich ihre Wege trennten. «Bekanntlich begegnet man sich im Leben immer zweimal.»

Den alten Freundeskreis pflegen

Steffen ist wohl ein Haus weitergezogen, doch die Kontakte zur alten Wirkungsstätte sind geblieben. Solange er noch im Raum Bern logierte, traf er sich regelmässig mit Gregory Wüthrich, Florent Hadergjonaj oder Léo Bertone. Als Wüthrich wegen eines Meniskusschadens hospitalisiert wurde, war Steffen einer der Ersten, die ihn besuchten. «Ich nehme mir gerne Zeit für meine Kumpel.» Diese Woche kommt es in Rheinfelden zu einem Wiedersehen. Wüthrich nächtigt auf Einladung des Neo-Baslers in dessen neuer Wohnung. Bezogen hat er diese erst nach Ostern. «Ich schätze es, Leute um mich herum zu haben, die mir etwas bedeuten.»

Der Bund

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