Gianni Infantinos Macht bröckelt

Das Ende der vom Fifa-Präsidenten geplanten Club-WM zeigt, wie wenig Rückhalt der Walliser hat. Und wie verzweifelt die Fifa nach Geldquellen sucht.

Gianni Infantino. Der Fifa-Präsident sucht verzweifelt nach neuen Geldquellen.

Gianni Infantino. Der Fifa-Präsident sucht verzweifelt nach neuen Geldquellen.

(Bild: Keystone Jorge Saenz)

Auf offener Bühne wurde Gianni Infantino gestoppt. Aber nicht mit kollegialer Milde; stattdessen bedurfte es harter Drohungen. Sogar Infantinos Posten als Chef des Fussball-Weltverbandes (Fifa) habe auf dem Spiel gestanden, sagt ein hoher Vertreter des europäischen Verbands Uefa. Und tatsächlich lässt sich Infantinos jähes Einlenken am vergangenen Freitag fast nur so verstehen. Da musste er sein mysteriöses und nie konkretisiertes Milliardenprojekt, das er mit Gönnern aus der Golfregion und Fernost ausgeheckt hatte, fallen lassen. Über zwölf Jahre hätten angeblich 25 Milliarden Dollar in eine Club-WM mit 24 Teams und eine Weltliga der Nationalmannschaften fliessen sollen.

Noch am Tag vor seinem Einlenken soll Infantino beim Chef des Nord- und Mittelamerika-Verbandes Concacaf, Victor Montagliani, dafür geworben haben. Der Kanadier habe aber ebenso abgewunken wie Uefa-Präsident Aleksander Ceferin. Auch die Kontinentalchefs Asiens und Afrikas waren nicht angetan. Sie alle hatten seit März mit grossen Irritationen ­Infantinos rastlose Werbetour verfolgt, die den Fifa-Boss schliesslich sogar vor die Haustür der europäischen Spitzenvereine führte.

Dreistellige Millionenbeträge

Die sieben grössten Clubs bat er nach Zürich, um für die Teilnahme an einer wie auch immer reformierten Club-WM zu werben. Details zum neuen Modell sind nicht bekannt. Aber Real Madrid, Barcelona und Manchester City liessen sich offenkundig von der Aussicht auf zusätzliche dreistellige Millionenbeträge einwickeln. Sogar die Champions League sollte das neue Format finanziell in den Schatten stellen.

Wenn sich am Samstag in Kiew im Champions-League-Final Real Madrid und Liverpool messen, winken dem Sieger 15,5 Millionen Euro; alles in allem kommt der Titelträger dann auf knapp 60 Millionen aus dieser Champions-­League-Saison. Infantinos imaginäre Club-WM indes sollte jedem Teilnehmer bis zu 100 Millionen bringen, war zu hören. Genaueres ist nicht bekannt, die Fifa hat sich nie substanziell geäussert.

Gab es Gründe, die wahren Absichten hinter dem 25-Milliarden-Deal zu verschleiern? Die Branche fragte sich, wie die Teilnehmer der Club-WM ermittelt werden sollten. Auf einer Werbetour bei italienischen Clubs hätten Infantinos Emissäre angeblich diese Andeutungen gemacht: Die Geldgeber selbst würden über die Teilnahme entscheiden. Also jene rätselhaften Investoren, die einen 49-prozentigen Anteil an den neuen Formaten erkaufen wollten – und die Fifa. Die dann direkt ins Geschäftsfeld der Uefa hätte hineinfunken können. Jedoch hat die Uefa, so heisst es aus deren präsidialem Umfeld, im Ringen mit Infantino nie um ihre Königsklasse gebangt.

Da Infantino sein Milliardengeraune nie seriös unterfüttert hat, trafen die Kontinentalchefs eine Absprache. Schon Anfang Mai hatten sie eine Dringlichkeitssitzung bei Infantino geschwänzt. Aber die Investoren hatten ein Ultimatum bis zum 30. Mai gesetzt, nun wurde die Sache ernst. Während Infantino immer wilder agierte, beschlossen die Kontinentalchefs, dass sie einer Sondersitzung, die es ja für so eine Entscheidung brauchen würde, nur dann zustimmen, wenn diese zur Vertrauensabstimmung über Infantino gemacht würde.

Das hatte höchste Brisanz: Im 36-köpfigen Fifa-Council sind die Vertreter Europas, Asiens, Afrikas und Nord-/Mittelamerikas klar in der Überzahl. Mit den Stimmen der gefügigen Südamerikaner und möglicherweise Ozeaniens, so die Kalkulation der Uefa-Vertreter, sowie ein paar versprengten Voten wäre Infantino kaum über 20 Prozent gekommen.

Diese Niederlage wäre sogleich in die Forderung nach seinem Rücktritt gemündet. «Hätte er das Votum abgehalten, hätte es kein Zurück für ihn gegeben», sagt ein hoher Uefa-Vertreter dieser Zeitung. Die Erdteilfürsten hätten dafür gesorgt, dass ihre Übereinkunft auch zu Infantino durchdrang. Am Freitag habe dieser erkannt, dass die Sache viel zu riskant sei.

Der Thron wackelt

Er zog die Reissleine. Gerade hatte sein Vertrauter Zvonimir Boban noch Clubs in Mailand und London umgarnt. Am Freitag hatte der Vizegeneralsekretär dann eine ganz andere Aufgabe: Telefondienst. Boban sagte das Projekt bei den Grossen und Wichtigen der Branche ab. Von der Uefa bis zum FC Bayern. Die Münchner bestätigten dieser Zeitung, dass der Kroate auch ihnen das vorläufige Ende der Milliardenträume verkündet hat. Boban habe erklärt, der Druck sei aus der Sache erst einmal raus, sagte ein hoher Bayern-Vertreter.

Der komplette Vorgang zeigt: Der Chef sucht verzweifelt nach Geldquellen. Die Fifa-Reserven schmelzen, und für die WM im affärengetränkten Russland ist das Sponsorentableau nur gut zur Hälfte gefüllt; russische Firmen überall. Auch deshalb, so wird in der Branche vermutet, fährt die Fifa einen strikten Kuschelkurs mit dem WM-Gastgeber. Was wiederum die Abwärtsspirale verstärkt: Unter Infantino sinken die Imagewerte der Fifa rasant.

Zudem sind bereits 2019 Wahlen. Der Schweizer, der vor zwei Jahren durch glückliche Umstände auf den Thron gelangt war, kann diesen nur verteidigen, wenn er all den Kostgängern im Fifa-­Orbit endlich die hohen Zuwendungen sichert, die er versprochen hatte.

Aber neue Quellen sind nicht in Sicht, unlängst war Infantino wieder am Golf unterwegs. Es geht jetzt darum, schon bei der WM 2022 in Katar die Teilnehmerzahl von 32 auf 48 zu erhöhen – und nicht erst 2026. Aber immer mehr Verbände scheinen des Solisten in Zürich überdrüssig zu sein.

Tages-Anzeiger

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