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Gianni Infantinos Chaos

Der Fifa-Präsident lädt ein nach Brig, und Dutzende Stars kommen. Doch die Idylle täuscht: Infantino plagen am Hauptsitz in Zürich und auf der ganzen Welt Probleme.

Plauschmatch: Gianni Infantino dirigiert seine Farben.
Plauschmatch: Gianni Infantino dirigiert seine Farben.
Jean Christophe Bott, Keystone

Diego Maradona schleppt sich über den Platz. Er ist rund geworden und sein Körper alt – geblieben ist ihm sein Ruf. Ein Walliser kalauert: «Wir sind hier im Tal ­genug katholisch, auf eine Hand Gottes mehr oder weniger kommt es nicht an.» Doch als der kleine, grosse Mann einen Pass in die Tiefe schnibbelt, verfliegt aller Hohn. «Diego, Diego, Diego!»

Gianni Infantino hat eingeladen ins Wallis nach Brig. «Giannis Game» hat er den Anlass getauft. Sein Freund Maradona wird sekundiert von Grössen von gestern wie Maldini, Buffon, Trezeguet, Salgado, Seedorf, Van Basten, Ronaldo, Del Piero – alle sind sie da. «Die Weltelite der Superstars», sagt der Speaker – kleiner ist schwierig im Wallis.

Es ist Infantinos Heimat. Er hat das Fest für die Leute organisiert, 4500 Zuschauer kommen und geben sich den grossen Namen hin. Infantino hat nun also nach Amerikanisch-Samoa oder Bangladesh auch den Ort Brig auf die Karte des Weltfussballs gesetzt.

Es solle der Dank an die Heimat sein, so sagt er es. Er ist von Brig ausgezogen als Sohn von Einwanderern aus Italien, hat Freunde und Familie zurückgelassen. Weil es zum Profi nicht reichte, kämpfte er sich als Jurist hoch zum ­Generalsekretär der Uefa. Er hatte es bereits damals in der 4. Klasse in einem Aufsatz angekündigt.

Und als ihn die Fussballwelt im Februar 2016 zu ihrem Präsidenten machte, besuchten Journalisten die Zurückgelassenen in Brig und kamen zurück mit Zitaten wie: «Wenn einer den Sumpf trockenle­gen kann, dann der Gianni.» Heute klingt das anders, wenige Monate haben grosse Spuren hinterlassen. Aus Gianni Infantino wird hinter vorgehaltener Hand «Gianni Infantilio» – der Sumpf ist noch immer da. «Der Gianni hat uns ein Gesicht gezeigt, das wir von ihm nicht kannten», sagt ein Briger.

Doch als die einst grossen Fussballer auf den Platz laufen, scheint der Gedanke weit, weit weg zu sein. «Diego, Diego, Diego!» Infantino spielt mit, er nimmt sich das Recht, einen Elfmeter zu treten (und zu verschiessen). Die Leute glucksen, es habe ihm ja schon früher nicht zu mehr als der 4. Liga gereicht.

Es sind schöne Bilder, die Infantino in Form der Altstars ins Wallis pflanzt. Gratis seien all die grossen Namen gekommen, die Unterkunft zahle der FC Brig, die Anreise berappen die Fussballer selbst – heisst es zumindest vom Veranstalter. Doch die Idylle täuscht, sie gilt nur dem Moment und lenkt ab von der Realität. So wollen Sicherheitsleute die Transparente von Demonstranten, die gegen Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter in Katar protestieren, entreissen. Und vor allem: Fern von Brig plagen die Fifa grosse Baustellen.

1. Das Ethikerchaos

Seit Mai ist Maria Claudia Rojas Chefermittlerin der Fifa. Sie ist jene Frau, die nun gegen alle fehlbaren Funktionäre vorgeht. Die ­Juristin ist eine mässig gelungene Wahl, sie hat im neuen Amt kaum etwas getan – doch bereits Schaden angerichtet.

So ist das Englisch der Kolumbianerin Rojas bescheiden, sie muss bei Sitzungen einen Dolmetscher mitnehmen, der ihr bei technischen Passagen beim Übersetzen hilft. Wohlwollend könnte man nun argumentieren, dass Spanisch eine offizielle Fifa-Sprache sei. Doch in der Realität ist das ein schlechter Witz. Rojas muss Zeugen und Verdächtige vorladen und ausfragen, die meisten Verfahren werden bei der Fifa auf Englisch geführt. Es bleibt äusserst fraglich, wie sie sich einen adäquaten Überblick über die Hunderte von hängigen Fällen und Tausende von englischen Dokumenten verschaffen will.

Und da ist auch die Geschichte um die Aktenübergabe mit ihrem abgesetzten Vorgänger Cornel Borbély. Der Zürcher führte einen geheimen Aktenschrank mit besonders brisanten Papieren, um zu verhindern, dass die Fifa-Granden etwas von den Untersuchungen mitbekommen. Diese Dokumente wollte Borbély seiner Nachfolgerin Rojas übergeben, wie kürzlich der «Spiegel» schrieb.

Dazu kam es aber nicht, trotzdem verlautete die Fifa im Namen Rojas, alle Dokumente seien übergeben und es würden keine Ermittlungen gegen Infantino laufen. Beides ist falsch, Borbély führte Voruntersuchungen gegen ­Infantino – es gilt die Unschuldsvermutung. Rojas stand für Fragen nicht zur Verfügung.

Jedenfalls reiste der Fifa-Präsident im Stil einer Tour d’Afrique durch den gleichnamigen Kontinent – mitten im Wahlkampf ums Präsidium der afrikanischen Konföderation. Der Verdacht auf aktive Wahlbeeinflussung huscht nun durch die Fussballwelt. Infantinos Wunschkandidat, der Madagasse Ahmad Ahmad, gewann schliesslich überraschend die Wahl.

Stossend ist auch, dass Infantino selbst – und nicht ein unabhängiges Gremium – Rojas zur Chefermittlerin vorgeschlagen hatte. Dazu passt auch Infantinos Ernennung des Chefs der Com­pliance-Kommission, Tomaz Vesel. Der Slowene ist der interne Oberauf­seher der Fifa. Insider berichten, dass Vesel eine eigenwillige Interpretation seiner Rolle pflegt. So führe er enge Beziehungen mit Infantino und spreche auch Entscheide mit ihm ab. Ein krasses Compliance-technisches No-go.

2. Allianz gegen Infantino

Rojas muss sich also einarbeiten. Ihre Vorgänger in der Ethikkommission argumentierten, dass dies Monate dauere. Das kommt vielen hochrangigen Funktionären entgegen. Gegen viele von ihnen wird ermittelt. So hat Infantino vor allem auch auf Druck von ihnen auf die Absetzung der Ethikkommission im Mai hingearbeitet.

Mit dem neuen Präsidenten haben sich in der Fussballwelt auch die Allianzen verschoben. Vieles ist in Bewegung geraten, alle spielen ihre Spiele. Die Europäer spannen mit den Nordamerikanern zusammen. Infantino fühlt sich zu den Kontinentalverbänden Afrika (stimmenstark) und Südamerika hingezogen, die sich ebenfalls verbündet haben. Es bleibt der asiatische Verband, dem Ozeanien folgt. Der stärkste Player darunter ist die Uefa. Dessen Präsident Ceferin galt als Mann Infantinos. Das war wohl übertrieben, einerseits. Und andererseits gibt es nun Spannungen zwischen den beiden. Offenbar hat Ceferin genug von den Alleingängen von Infantino, er möchte als mächtigster Verband stärker eingespannt werden.

Ceferin gibt sich dabei undiplomatisch und kanzelt Infantino öffentlich ab: «Ein Witz» seien dessen angedachte Reformen wie Zeitstrafen. Kürzlich verfasste die Uefa einen Brief und schickte ihn an die Fifa. Der Verband beschwerte sich darin über mangelhafte Transparenz und Kommunikation. Die Uefa bestätigt auf Anfrage den Brief. In einer Welt voller diplomatischer Ränkespiele kommt das einer mittleren Kriegserklärung gleich, hinter der ein Plan steckt.

Tatsächlich gibt es Annäherungsversuche zwischen der Uefa und Scheich Salman, dem Asien-Präsidenten und Unterlegenen der letzten Präsidentenwahl. Mutmassliches Ziel: eine neue Fifa-Spitze bei der nächsten Wahl installieren. Infantino soll also destabilisiert werden, dazu passt die jüngste «Spiegel»-Geschichte, die direkt aus dem Maschinenraum der Uefa kommt: Es gibt Unklarheiten über Uefa-Wahlkampfgelder bei der Fifa-Präsidentschaftskandidatur von Infantino.

3. Die Causa Fatma Samoura

Hoch über Zürich arbeiten 500 Leute in der Administration der Fifa. Viele unter ihnen sind in diesen Tagen nicht nur Arbeiter, sondern auch Whistleblower, die der Ethikkommission mögliche Versäumnisse melden.

Die Stimmung in der Administration war auch schon besser. Die Leute wissen, ihre Chefin, Generalsekretärin Fatma Samoura, ist isoliert und angezählt. Infantino stört sich offenbar sehr daran, dass die Senegalesin kaum steuerbar ist. Mit ihrer bedingungslosen Unterstützung der Ethiker Borbély und Eckert hat sie sich zudem beim Präsidenten entscheidend ins Abseits gestellt. Die Replik folgte sogleich: Samoura hatte zuletzt in der Öffentlichkeit nur noch Statistenrollen, beim Kongress etwa durfte sie lediglich Ländernamen run­terlesen.

Laut übereinstimmenden Quellen soll ihr Infantino den Rücktritt nahegelegt haben. Stimmt das? Kein anderer als der Walliser persönlich könnte diese Frage besser beantworten. Der Fifa-Präsident steht in Brig verschwitzt vor den Medienvertretern, seine Wade ist eingetapt, er plaudert über die Schönheiten des Fussballs. Also: Herr Infantino, stehen Sie hinter Fatma Samoura? Infantinos Augen verengen sich: «Das ist nicht der Moment, um solche Fragen zu beantworten.» – Wirklich? «Geniessen wir doch den Anlass.» – Ja oder nein? «Ja selbstverständlich stehe ich hinter ihr. Ich habe sie schliesslich geholt.» Sein Gesicht hat an Lockerheit verloren. «Man sollte mal schauen, woher diese Geschichten kommen. Das ist der Neid», fügt der Fifa-Präsident an. Es folgt ein gar nicht mal so nonchalanter Schulterklopfer beim fragenden Journalisten, dann macht Infantino einen abrupten Abgang.

Samoura sagt der SonntagsZeitung, dass die Gerüchte um ihre Position «jeder Grundlage» entbehren würden, und fügt lachend an, dass sie noch «20 Jahre» bei der Fifa arbeiten wolle. Affaire à suivre.

4. Der Dopingfall Russland

Jüngst drang an die Öffentlichkeit, dass russische Fussballer verdächtige Dopingproben abgeliefert haben und – noch pikanter – dass offenbar versucht wurde, die Proben systematisch zu vertuschen. Trifft das zu, wäre das verheerend. Kommenden Sommer findet in Russland die WM statt. Infantinos Grossprojekt. Und: In anderen Sportarten wurden aus ähnlichen Gründen ganze Delegationen aus den Wettkämpfen genommen. Man stelle sich eine WM in Russland ohne Russland vor.

Nun untersucht die Fifa-interne Dopingeinheit die Angelegenheit. Es wäre auch ein Fall für Chefermittlerin Rojas, die eigentlich sofort eine Untersuchung gegen Russlands Fussballverbandspräsidenten Mutko und WM-Chefplaner Sorotkin eröffnen müsste. Ob sie aktiv wurde, ist unbekannt. Rojas lässt über die Fifa mitteilen, dass sie ihre Arbeit nicht kommentieren wolle. Was hat der selbst ernannte Reformer Infantino beim Amtsantritt gesagt? Er wolle die Fifa transparenter machen. Zu hören, sehen und spüren ist davon wenig.

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