Garderobe

Selbst der Fussballgott braucht einmal eine Pause. Gut, dass er auch darin ein Genie ist.

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Irgendwann blättert die Jugend, sie fällt vom Baum wie bunte Blätter im Herbst – und der Körper spürt (und mit ihm der Geist), dass sie nicht mehr grün werden. Das ist, als müsste man im dümmsten Moment ein Gegentor hinnehmen und verarbeiten. Eine leicht resignative Stimmung schleicht sich ein. Aber der Alltag bietet zum Glück immer wieder Heilmittel an: Ein Blick, ein Gedanke, eine Geste, ein Satz, und die Welt kann auf einen Schlag wieder anders aussehen. Kuno von Züri West habe sich in einem Lied den rechten Fuss von Zlatan Ibrahimovic gewünscht (hat Grädel vernommen), und nein, so weit ginge Grädel nicht, auch in grossen Krisen nicht, einen Körperteil des Martial Arts Kid im eigenen Organismus zu wissen, nein, das lieber nicht.

Grädel reicht manchmal etwas Immaterielles. Ein Satz beispielsweise. Irgendwo las Grädel, dass Tranquillo Barnetta, St. Galler Fussballgott, mehr «ein Spieler für die Garderobe» sei. Diese fünf zitierten Worte weckten sämtliche Lebensgeister. Grädel hätte nie gedacht, dass sich ihm nochmals die Chance böte, mit Real Madrid die Champions League oder mit YB einen Titel zu gewinnen. Grädel war seit jeher «ein Spieler für die Garderobe». Grädel ist «der Spieler für die Garderobe».

Er hat schon Kleiderhaken mit Bohrer und Dübel wieder in die Wände zurückgedrängt, verloren geglaubte Spiele mit den richtigen Worten im richtigen Moment (nicht zu viele, nicht zu wenige) gedreht. In der Garderobe, auf der Ersatzbank, überall. Eigentlich auch im Job. Grädel leistet nichts Überragendes, trotzdem ist ihm nie gekündigt worden. Und wenn er einmal fehlt (was selten vorkommt), wird er mehr in den Pausen als auf der Arbeit vermisst. Mann könnte auch sagen, dass Grädel ein Mann für die Pausen sei, aber das ist natürlich sehr nahe an einem Mann für die Garderobe. Kollegen nennen ihn manchmal «Chef Znüni».

Einmal bat ihn Cristiano Ronaldo um einen Rat, als dieser seine Nerven nicht im Griff hatte und viele Rote Karten sah. Was er machen solle, war die Frage? Grädel schrieb Ronaldo einen Satz: «Du bist nicht nur ein Spieler, du bist auch ein Trainer!» Das war von Grädels Seite mehr metaphorisch gemeint, eine Art Appell, Vorbild zu sein, aber auch die wörtliche Umsetzung Ronaldos an der EM in Frankreich hat den Portugiesen ja nicht geschadet. Grädel lebt wieder. Der Sommer kann kommen. Heiss. In der Garderobe ist Schatten. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2017, 06:58 Uhr

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