«Für mich geht eine grosse Tür auf»

Blerim Dzemaili spielt am Sonntag letztmals in der Serie A. Danach wechselt er nach Montreal, um wie einst mit dem FCZ Meister zu werden.

In Bologna hat sich Blerim Dzemaili (31) «viel Respekt verschafft». Foto: Mario Carlini (Iguana Press/Getty Images)

In Bologna hat sich Blerim Dzemaili (31) «viel Respekt verschafft». Foto: Mario Carlini (Iguana Press/Getty Images)

Ueli Kägi@ukaegi

Nach Spiel Nummer 224 ist dann Schluss. Übermorgen steht der Schweizer Nationalspieler Blerim Dzemaili in Empoli zum letzten Mal auf einem ­Serie-A-Rasen. Danach wechselt der 31-jährige Mittelfeldspieler von Bologna zu Montreal Impact in die Nordamerikanische Major League Soccer (MLS). Der kanadische Geschäftsmann Joey Saputo ist sowohl Präsident beim italienischen wie beim 2010 gegründeten kanadischen Club. Dzemailis Vertrag läuft bis Ende 2020. Bei Impact ist er der sogenannte Designated Player, Dzemailis Lohn ist damit nicht durch den Salary Cap begrenzt. Abgesehen vom De­­sig­nated Player darf jedes MLS-Team für 18 bis 30 Spieler eine maximale Lohnsumme von 3,845 Millionen US-Dollar pro Saison aufweisen. Bestverdienender Spieler der Liga ist der Brasilianer Kaka (Orlando) mit 7,2 Millionen Dollar.

Die Serie A ist für Sie bald Vergangenheit. Wie viel Wehmut ist dabei?
Wehmut habe ich, weil ich die Serie A verlasse. Ich habe mir hier viel Respekt verschafft und einen grossen Namen gemacht, in dieser Saison bin ich einer der besten Mittelfeldspieler der Liga. Anderseits bin ich auch glücklich und stolz, schöne Erinnerungen zu hinterlassen. Und in Nordamerika geht für mich eine grosse Tür auf.

Statistisch gesehen, spielen Sie mit acht erzielten Toren Ihre beste Serie-A-Saison. Weshalb verlassen Sie den europäischen Clubfussball ausgerechnet jetzt?
Weil ich mich vor einem Jahr entschieden habe, bei Bologna zu unterschreiben, und der Vertrag vorsieht, dass ich jetzt zu Montreal weiterziehe. Ja, mir gelang eine aussergewöhnlich gute Saison. Doch ich sage mir auch: lieber auf dem Höhepunkt Abschied nehmen, als rausgeworfen zu werden. Und ich kann es jetzt kaum erwarten, das neue Abenteuer zu beginnen.

Die MLS war bislang vor allem die Liga der gealterten Beckhams, Pirlos, Drogbas und Gerrards. Sind Sie jetzt offiziell auch ein Altstar?
(lacht) Ich fühle mich noch nicht alt. Ich pflege meinen Körper, achte auf die ­Ernährung und lebe seriös. Das hält mich jung. Ich sehe mich absolut nicht am Ende meiner Karriere.

Mit welchen sportlichen Ambitionen wechseln Sie in die Major League Soccer?
Ich hatte stets grosse Ambitionen, und daran ändert sich nichts. Ich gehe nicht in die MLS, um meinen Vertrag auszu­sitzen und das schöne Leben in Nordamerika zu geniessen. Ich gehe, um die Liga zu gewinnen.

Allerdings steht Montreal Impact derzeit nicht gerade für grossen Fussball. Bekannte Spieler gibt es kaum im Team, und nach acht Partien hat die Mannschaft erst einmal gewonnen.
Letztes Jahr aber stand praktisch die gleiche Mannschaft im Conference-­Final. Ich habe mit dem Trainer über die derzeitige Lage gesprochen. Die Partien sind oft unglücklich verlaufen.

Sie sind bei Impact der ­Nachfolger von Didier Drogba als sogenannter Designated Player, Ihr Lohn wird bekannt werden, das ist Usus in Nordamerika. Wie viel verdienen Sie?
Das ist noch gar nicht genau klar, es gibt noch Details zu regeln.

Wieso wollten Sie in die sportlich doch recht unbedeutende Major League Soccer?
Ich wollte einmal etwas Neues machen – auch weil ich in meinem Alter als Fussballer schon vieles gesehen habe. Die Liga ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, das Interesse an ihr wächst stetig.

Wahrscheinlich ist der Reiz aber auch mit dem Leben in ­Nordamerika verbunden.
Natürlich, das hat eine entscheidende Rolle gespielt. Es ist der Traum vieler, einen Teil des Lebens in Nordamerika zu verbringen. Das gilt für mich, aber auch für meine Frau (zusammen haben sie einen 2-jährigen Sohn). Es beginnt für uns ein neuer und spannender Lebensabschnitt in Kanada und den USA. Ausserdem habe ich vor kurzem begonnen, Golf zu spielen, und freue mich, dort die Plätze kennen zu lernen.

Wissen Sie, dass es in Montreal im Winter minus 30 Grad Celsius oder sogar noch kälter werden kann?
Ja, aber im Dezember, Januar und Februar werde ich nicht da sein (lacht). Ausserdem sind wir Schweizer ja ­einiges gewohnt.

Werden Sie die lange Winterpause in der MLS für eine Rückkehr in den europäischen Clubfussball nutzen, wie das früher Frank ­Lampard oder David Beckham taten?
Daran denke ich im Moment nicht. Es geht für mich nur darum, mich in die Mannschaft zu spielen.

In Zürich waren sie bei Gelegenheit an den ZSC-Heimspielen, in ­Montreal sind die Canadiens die Lieblinge der Stadt.
Das ist auch ein aussergewöhnlicher Club. Sie haben 24-mal den Stanley-Cup gewonnen, so oft wie kein anderes NHL-Team.

Werden Sie ab und zu bei den ­Canadiens im Stadion sein?
Absolut. Ich mag Eishockey.

In 13 Monaten beginnt die WM in Russland. Haben Sie keine ­Bedenken, dass Ihr Niveau unter der tieferen sportlichen Qualität in der MLS leidet und Sie Ihren Platz in der Schweizer Nationalmannschaft verlieren?
Überhaupt nicht. Jeder Fussballer entscheidet selbst mit, wie hoch sein Niveau ist. Ich bin dafür verantwortlich, die Qualität zu halten. Ich habe mit Vladimir Petkovic (dem Nationalcoach) darüber gesprochen, und wir sind beide der ­gleichen Ansicht. Wichtig ist, dass ich Einsatzminuten habe. Bedenken hat der Trainer nur, was den Jetlag angeht. ­Damit müssen wir aber zuerst Erfahrungen sammeln.

Petkovic hätte sich aber gewünscht, dass Sie noch ein Jahr in der Serie A bleiben.
Das ist so. Jeder Trainer möchte, dass seine Spieler in möglichst starken Ligen zu Hause sind. Das war in meinem Fall aus vertraglichen Gründen aber nicht möglich.

Wenn Ihr Vertrag ausläuft, sind Sie 34. Kehren Sie dann für ein letztes Hurra zum FCZ zurück?
Ich wusste, dass diese Frage kommt (schmunzelt).

Als Sie nach den Meistertiteln 2006 und 2007 als 21-Jähriger ­weiterzogen, haben Sie gesagt, dass Sie dereinst zurückkehren möchten.
Der FCZ ist mein Herzensverein, ich bin mit ihm aufgewachsen. Aber ich kann nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Mit 20 sagte ich: Ich gehe nie zu GC, nie zum FC Basel. Mit 31 funktioniere ich anders und mache mir mehr Gedanken. Fussball ist ein Tagesjob. Ich freue mich jetzt nur auf Montreal, was danach noch kommt, was sich meine ­Familie später einmal wünscht, werden wir sehen. Ich beginne demnächst auch mit der Trainerausbildung – auch wenn es mich eher reizt, später einmal Sportchef zu sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt