Fatale Einsamkeit

Thomas Tuchel hat es sich bei Borussia Dortmund nicht nur mit der Führung verscherzt, sondern auch mit der Mannschaft.

Thomas Tuchel: Ausbildner, Taktikfuchs – und schwieriger Charakter.

Thomas Tuchel: Ausbildner, Taktikfuchs – und schwieriger Charakter. Bild: Keystone

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Zwei Neuigkeiten gab es von Thomas Tuchel an diesem Dienstag. Die eine sorgte für Aufregung in der Welt des Fussballs, die andere bloss in der Filterblase namens Twitter. Bevor Bundesligist Borussia Dortmund am Mittag die Trennung von seinem Trainer bekannt gab, hatte sich dieser unerwartet auf dem Kurznachrichtendienst gemeldet. Auf einem am Dienstagvormittag eingerichteten Konto. «Ich freue mich, dabei zu sein», schrieb er als Erstes.

Zufall ist die Eröffnung des Accounts kaum. Vielmehr ist er jetzt, da ihm die offiziellen Kommunikationskanäle des BVB nicht mehr zur Verfügung stehen, auf eigene angewiesen. Nicht dass es ihm darum ginge, nachzutreten, schmutzige Wäsche zu waschen. Aber in den letzten Wochen hatte Tuchel mehr als einmal deutlich gemacht, dass er ein Recht auf eine eigene Sicht der Dinge habe. Und ein Recht auf die Darlegung dieser Sicht. Seien es nun sportliche Belange oder das Attentat auf seine Mannschaft vor dem Champions-League-Viertelfinal. «Infos aus erster Hand» eben, wie er es in seinem allerersten Tweet ankündigte.

Beim Bombenanschlag auf den Teambus Mitte April waren die Differenzen zwischen Trainer und Clubführung so richtig deutlich geworden. Tuchel wünschte sich nicht nur eine Verschiebung der Partie über den Folgetag hinaus, er attackierte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ausserdem öffentlich, dass der sich über diesen Wunsch hinweggesetzt habe. Obschon er auch von der Mannschaft geäussert worden sei.

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Thomas Tuchel zu entlassen, ist...





Nur bestand auch zwischen Trainer und Spielern ein Graben. Und dieser wiederum wurde nach dem gewonnenen Cupfinal am vergangenen Samstag spürbar. Dass Tuchel darauf verzichtet hatte, gegen Frankfurt den charakterlich kaum verzichtbaren Nuri Sahin nur schon aufs Matchblatt zu nehmen, kommentierte Captain Marcel Schmelzer mit ungewohnt scharfen Tönen: «Mich hat es sehr schockiert. Wir alle wissen, welche Qualität er besitzt. Die Erklärung dafür muss der Trainer geben. Wir stehen komplett hinter Nuri.»

Tuchel wie Yakin

Um Tuchel ist es also einsam geworden auf dem Planeten Dortmund mit der mächtigen Führung um Watzke und Sportdirektor Michael Zorc. Cupsieg zum Trotz. Und ein Machtkampf mit der Vereinsführung ist das eine – verscherzt es sich ein Trainer aber zusätzlich mit der Mannschaft, ist die Trennung kaum zu vermeiden. Ja: Sie ist sogar sinnvoll. Ein Club orientiert sich nicht an vergangenen Erfolgen sondern daran, dass es auch in Zukunft welche gibt.

Tuchel teilt das Schicksal eines Murat Yakin, der 2014 in Basel entlassen wurde, obwohl er den Halbfinal der Europa League erreicht hatte. Angeführt von Captain Marco Streller, hatte die Mannschaft gegen ihn rebelliert.

Nach dem gewonnenen Cupfinal hatte Tuchel gesagt, er besitze noch einen Vertrag bis 2018 und würde diesen gerne erfüllen. Das kann er nicht ernst gemeint haben, die Entlassung hat er spätestens mit der überraschenden Ausbootung von Sahin endgültig provoziert. Wie einst in Basel Yakin, der Alex Frei so lange schnitt, bis dieser in der Winterpause der Saison 2013/14 sein Karriereende ankündigte und Sportchef in Luzern wurde.

Durch die seltsamen Vorgänge in Dortmund wird sich das Bild verstärken, das sich um Tuchel zumindest ansatzweise schon länger andeutet. Dass er zwar ein Trainer ist, der als ausgezeichneter Ausbildner und Stratege gilt, und er wurde deshalb schon mit den verschiedensten Topclubs in Verbindung gebracht. Dass es aber andererseits immer wieder Spieler gibt, die seinen Charakter und sein Gespür für den Menschen in Frage stellen. «Kompromisslos» nennt Tuchel seine eigene Arbeit. Wer mit ihm arbeitet, kann befinden, dass es ihm dadurch an menschlicher Wärme fehlen.

Niemand äusserte diese Zweifel so deftig wie einst Mario Gavranovic, der frühere Schweizer Nationalspieler. Nachdem ihm Tuchel während der gemeinsamen Zeit beim FSV Mainz nur sehr wenige Einsatzmöglichkeiten geboten hatte und Gavranovic deswegen zum FC Zürich wechselte, polterte er in einem Interview mit DerBund.ch/Newsnet: «Er ist ein Mensch, der vor anderen keinen Respekt hat. Er ist hinterhältig und falsch. Das war eine meiner grössten menschlichen Enttäuschungen, und ich war in Mainz nicht der einzige Spieler, der sich in Tuchel so getäuscht hat.»

Erstellt: 30.05.2017, 16:01 Uhr

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