Bayern – Meister in einer eigenen Sphäre

Die Münchner gewinnen am 29. Spieltag den Titel, das ist nichts Besonderes mehr. Doch mit dieser Meisterschaft endet ein Zyklus: Im Verein muss sich etwas Neues entwickeln.

Die Frage der deutschen Meisterschaft ist degradiert worden – zu einer Frage der Temperatur. Als Jupp Heynckes seine dritte und vorletzte Meisterschaft als Fussball-Trainer gewann, klagte er: «Ich bin schon einige Male Meister geworden, aber noch nie war es so kalt wie heute.» Das war am 6. April 2013 in Frankfurt, bei Temperaturen nur leicht über dem Gefrierpunkt. Fünf Jahre und einen Tag später sowie knapp 340 Kilometer weiter südlich gewann Heynckes seinen vierten Meistertitel als Fussball-Trainer. Über die Temperatur beschwerte sich anschliessend niemand, bei 20 Grad in Augsburg.

Eine Meisterschaft bei bestem Frühlingswetter, das ist nichts Besonderes mehr, nicht für den FC Bayern, nicht für die Bundesliga.

Auch in der nächsten Saison klarer Favorit

Zum sechsten Mal in Serie hat der Klub am Samstag den Titel in der Bundesliga gewonnen, eine ähnliche Dominanz hat es in der Liga noch nicht gegeben. Viele wichtige und auch viele unwichtige Menschen machen sich nun viele wichtige und viele unwichtige Gedanken darüber, wie der Titelkampf spannend gemacht werden könnte. Eine Lösung wird nicht leicht zu finden sein. Der FC Bayern bewegt sich national in einer eigenen Sphäre.

Wie aber muss diese Meisterschaft 2018 eingeordnet werden im Zeitalter der bajuwarischen Übermacht? 2013 hatte der FC Bayern seine schon damals vorhandene Routine kombiniert mit einer Wucht, die auch in Europa unüberwindbar war. Es folgte der erste Titel unter dem Fussball-Guru Pep Guardiola, die Mannschaft spielte einen ziselierten Fussball, wie er zuvor in Deutschland nicht gesehen worden war.

2015 war eine nationale Konkurrenz endgültig nicht mehr zu sehen, es war das Jahr des Dortmunder Absturzes; der FC Bayern war angekommen in der Unantastbarkeit. 2016, im letzten Jahr unter Guardiola, war die Mannschaft die vielleicht beste Europas; sie hatte Wucht, und sie hatte eine klare Idee vom Spiel, zum erneuten Triple fehlte nur ein verwandelter Elfmeter im Halbfinal der Champions League. Die Meisterschaft? Formsache. Es folgte die Saison unter Carlo Ancelotti, der Titelgewinn hatte schon eine gewisse Geschäftsmässigkeit.

Die Meisterschaft 2018 ist nun eine der Routine. Der FC Bayern hat keine überlegene Spielidee, er hat auch nicht die Wucht von 2013. Aber er kann sich verlassen auf die eigene Raffinesse, auf das Gespür, es allen beweisen zu können, wenn es darauf ankommt. Zu sehen war das auch am Samstag in Augsburg, als wie so oft in diesem Frühjahr ein aufmüpfiger, dazu aggressiver Gegner den Favoriten ärgerte. Doch der FC Bayern ist gerade wie ein Elternpaar, das zuschaut, wie das eigene Kind rebelliert – um dann einfach alles beim Alten zu lassen.

Zurückgegeben hat der Mannschaft diese Selbstgewissheit Jupp Heynckes. Er hatte erkannt, dass in diesem Kader noch so viel natürliches Potenzial steckt, dass es nicht darauf ankommt, etwas Neues zu entwickeln, sondern dass es reicht, die vorhandenen Kräfte zu bündeln. Der FC Bayern wurde Meister, weil er (fast) nichts falsch macht.

Der Kern der Mannschaft bleibt

Dieser sechste Titel in Serie ist allerdings auch einer, der für das Ende des Zyklus einer Mannschaft steht. Es ist der erste ohne den langjährigen Kapitän Philipp Lahm, gefühlt auch der erste ohne den in dieser Saison dauerverletzten Torwart Manuel Neuer. Und noch steht nicht fest, ob in der nächsten Saison Franck Ribéry und Arjen Robben um den siebten Titel nacheinander mitspielen werden; auch Angreifer Robert Lewandowski ist die Gerüchte um seine Zukunft nicht losgeworden.

Der Kern der Mannschaft um Joshua Kimmich, Mats Hummels, Jérôme Boateng, David Alaba, Thomas Müller und – sofern er gesund wird und bleibt – Neuer wird noch ein paar Jahre in München haben, und doch wird das Team sich mit jeder Saison mehr verändern. Zwar ist dieser Kern stark genug, um auch in die nächste Spielzeit als klarer Favorit zu gehen. Doch ob ein neuer Zyklus gestartet werden kann, hängt auch von der Wahl des neuen Trainers ab. Heynckes, der Kräftebündler, macht es nicht mehr; Thomas Tuchel, der für eine Stärkung der Spielidee gestanden wäre, macht es (erst einmal) nicht. Benötigt wird also ein Trainer, der einen eigenen Zugang zum nach wie vor reichhaltigen Potenzial dieser Mannschaft findet, der aber auch sieht, dass die Kräfte nachlassen und erneuert werden müssen.

Wie gross die Spannung in den nächsten Jahren im Meisterschaftsrennen der Liga werden wird, hängt also davon ab, ob der FC Bayern auch ausserhalb des Rasens die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen weiss.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt