«Es gibt keinen Grund, Angst vor mir zu haben»

Der milliardenschwere Geschäftsmann Bulat Tschagajew ist neuer Besitzer von Neuenburg Xamax. Der Tschetschene versucht im Interview Missverständnisse auszuräumen und rechnet mit seinen Vorgängern ab.

«Wenn es eine Mafia der Gutmenschen gäbe, wäre ich bei dieser Mafia gerne Mitglied»: Bulat Tschagajew bricht sein Schweigen.

«Wenn es eine Mafia der Gutmenschen gäbe, wäre ich bei dieser Mafia gerne Mitglied»: Bulat Tschagajew bricht sein Schweigen.

(Bild: Keystone)

Herr Tschagajew, für die Fussballfans in der Schweiz ist das neue Xamax wenig greifbar. Verstehen Sie das Unbehagen der Leute? Bulat Tschagajew: Es tut weh, das zu hören, denn ich bin nicht aus Stahl. Ich verstehe, dass die Leute unsicher sind, wenn sie hören, dass ein Ausländer einen Klub übernimmt. Trotzdem: Ich verfolge nur ein einziges Ziel: Mir ist die Zukunft von Xamax wichtig, und ich hoffe, dass die Leute das nach und nach verstehen. Ich habe das Gefühl, dass die Verantwortlichen in den letzten 10 Jahren nicht genug für den Klub getan haben.

Sie denken also, dass vor allem Ihre Nationalität die Leute beunruhigt? Das kann eine Rolle gespielt haben. Aber Sie geben doch sicher auch zu, dass dies traurig wäre, wenn es so wäre. Ich lebe seit 24 Jahren in der Schweiz, es gibt keinen Grund, Angst vor mir zu haben. Was ich mache, hätte schon lange getan werden müssen. Ich schiesse Geld für Xamax ein und habe nicht viele Schweizer gesehen, die das auch getan hätten.

Sie investieren viel Geld in einen Schweizer Klub. Das nährt das Gerücht, wonach Sie Verbindungen zur russischen Mafia oder zu kriminellen Gruppierungen haben. Ich gebe die Antwort zum Stichwort Mafia mit einem Schmunzeln. Wenn es eine Mafia der Gutmenschen gäbe, wäre ich bei dieser Mafia gerne Mitglied. Was ich mache, hat mit der Mafia gar nichts zu tun. Diese verfolgt sehr genaue Ziele. Ich habe nie ein schlechtes Ziel in meinem Leben. Wenn das so wäre, hätte ich nicht in die Schweiz kommen sollen.

Dass Sie sich in den letzten Wochen nie gezeigt haben, nie mit den Medien sprachen, hat das schlechte Gefühl der Leute verstärkt. Fussball ist Kunst. Und im Mittelpunkt sollten die Künstler stehen. Der Trainer und die Spieler. Ich erwarte, dass sich diese Künstler auf dem Rasen ausdrücken und nicht in den Medien. Aber es gibt auch noch nicht so viel zu sagen. Ich habe noch nicht einmal alles neu organisieren können.

Muss denn alles neu werden? Unsere Vorgänger haben eine beträchtliche administrative Unordnung hinterlassen. Es ist, als hätten sie den Klub nicht geliebt. Als wir mit unserer Arbeit begannen, wussten wir nicht, wo die wichtigsten Dokumente sind. Wir hatten keinen Zugriff auf die wichtigsten Belege für die Buchhaltung. Noch heute erhalten wir Rechnungen, die das Jahr 2008 betreffen. So konnten wir auch nicht allen Verpflichtungen gegenüber der Liga nachkommen. Genau deshalb mussten und müssen wir alles neu machen.

Auch die Sätze in kyrillischer Schrift auf der Videowand oder der Clip eines tschetschenischen Tanzes beim Spiel vom Sonntag gegen Luzern? Und die Ballone in den russischen Farben? Die Sätze auf der Videowand waren französisch und tschetschenisch. Es ist normal, dass sie in diesen beiden Sprachen erscheinen. Und die Ballone waren nicht in den russischen Farben. Es waren einfach die einzigen Ballone, die wir für die Dekoration des Stadions auftreiben konnten.

Sie werden mit dem Vorwurf konfrontiert, Xamax die Identität zu nehmen. Dazu passt auch der Bruch mit den lokalen Sponsoren. Ich muss vorausschicken, dass kein Sponsor freiwillig gegangen ist. Die Sponsoren von Xamax müssen sich für Fussball interessieren. Sonst hat der Klub sie nicht nötig.

Also werfen Sie Ihren Vorgängern um Präsident Bernasconi vor, sich nicht für Fussball interessiert zu haben? Ich will so etwas nicht behaupten, ohne Beweise zu haben. Ich stelle Herrn Bernasconi aber eine Frage: Weshalb war der Klub während vieler Jahre nahe am Abstieg und am sportlichen Kollaps, ohne dass jemand aus der Direktion oder aus dem Management die Konsequenzen tragen musste? Vielleicht weil die Gruppe Bernasconi andere Interessen verfolgte als den Fussball. Meine Kritik zielt auf die Leute, die Bernasconi eingesetzt haben, nicht auf ihn selber. Das Management von Xamax war weit davon entfernt, den Mindestanforderungen einer Vereinsführung zu genügen.

Und wie gehen Sie vor? Nachdem ich die Zusammenarbeit mit den Sponsoren beendet hatte, erhielt ich zahlreiche Anfragen von seriösen Unternehmen aus der Schweiz und aus Europa. Aber im Moment haben wir keinen Bedarf. Ich möchte, dass ein Sponsor sich mit Haut und Haar dem Klub verschreibt und an den Aktivitäten des Vereins teilnimmt. Ein Fussballklub ist kein Supermarkt, in den man hineingeht, zahlt und dann mit einem Produkt unter dem Arm wieder verschwindet.

Es ist im Fussball selten, dass man ohne Sponsoren auskommt. Wie hoch ist eigentlich das Budget von Xamax? Das ist noch nicht fix, denn wir wollen noch weitere Spieler verpflichten. Und dann hängt das Budget auch von der jeweiligen Zielsetzung ab.

Können Sie wenigstens einen Richtwert geben? Es ist nicht falsch, von einem Budget von rund 30 Millionen Franken auszugehen. Das ist der Betrag, den ich für die 1.Mannschaft benötige. Für den Rest habe ich andere Projekte. Zum Beispiel will ich eine Akademie für Junioren aus der ganzen Schweiz aufbauen. Die Schweiz hat herausragende Einzelsportler, im Tennis, in der Leichtathletik oder im Skisport. Aber sie hat Mühe in den Teamsportarten. In diesem Bereich arbeitet jeder ein wenig für sich. Ich will diesbezüglich die Mentalität verbessern.

Sie haben hohe Ziele, nehmen viel Geld in die Hand. Sind Sie bei Misserfolg auch schnell wieder weg? Ich werde Xamax nicht verlassen wegen ein paar verlorener Spiele. Ich will aus Xamax einen guten Schweizer Verein machen und, wenn es möglich ist, auch einen guten Verein in Europa. Nur zwei Dinge können mich zum Rückzug bewegen: wenn die Neuenburger mir sagen, dass sie mich nicht mehr brauchen, oder wenn absolut nichts so funktioniert, wie ich es mir vorstelle. Ich versichere Ihnen, dass ich das, was ich gekauft habe, also Xamax, enorm respektiere.

Berner Zeitung

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