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Entnervt von den Schmähungen

Gerard Piqué vom FC Barcelona vollzieht seinen lange angekündigten Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Auch deswegen, weil er sich oft inmitten von Debatten zwischen Katalanen und Spaniern wiederfand.

Gerard Piqué hört auf - für Spanien will er nicht mehr spielen.
Gerard Piqué hört auf - für Spanien will er nicht mehr spielen.
Matthias Schrader, Keystone

Auch in Spanien stehen die Zeichen auf Saisonstart, die Primera Division startet am kommenden Wochenende in ihre 89. Spielzeit. Zunächst aber ist noch einmal die Nationalmannschaft, die bei der WM in Russland so enttäuscht hatte, in aller Munde. Denn Gerard Piqué, Innenverteidiger des FC Barcelona, hat seinen bereits 2016 angekündigten Rücktritt aus dem Team Spaniens endgültig umgesetzt. «Es war eine schöne Zeit, in der ich zwei Europa- und eine Weltmeisterschaft gewonnen habe. Aber ich will mich nun auf Barça konzentrieren», sagte Piqué, 31.

Die schöne Zeit mit 102 Länderspielen und drei Titeln (2008, 2010, 2012) war aber auch von extremen Spannungen geprägt. Obwohl er integraler Bestandteil der ruhmreichsten Epoche des spanischen Fussballs war und als einer der besten Innenverteidiger der Welt galt, sah sich Piqué immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Die Fans der Nationalelf pfiffen ihn oft massiv aus.

Als Ausgangspunkt galten Schmähungen, die Piqué einst bei einer Meisterfeier Barcelonas gegen den Erzrivalen seines Klubs, Real Madrid, ausgestossen hatte. Zum Crescendo wurden sie, nachdem sich Piqué öffentlich politisch positionierte - für ein Referendum über die Unabhängigkeit der autonomen Region Katalonien von Spanien. Piqué bekannte sich zwar nie zum Separatismus. Doch das blosse Eintreten für eine Abstimmung über eine Abspaltung Kataloniens war in den Augen spanischer Nationalisten reine Blasphemie.

Rücktritt vom Rücktritt

Auslöser für die Rücktrittsankündigung von 2016 war eine skurrile Debatte, die vornehmlich in den sozialen Netzwerken, aber auch in diversen Medien stattfand. Bei einem Länderspiel hatte Piqué die Ärmel seines Langarmtrikots abgeschnitten; prompt zirkulierte das Gerücht, an den Bündchen seien die Nationalfarben gewesen, Piqué habe sie aus Illoyalität abgetrennt. Das Trikot war aber gar nicht mit der spanischen Fahne drapiert. Piqué war dennoch entnervt genug, um den jetzt vollzogenen Abschied anzukündigen.

Als er wenige Tage nach dem (illegalen) Referendum der Katalanen vom 1. Oktober 2017 bei einem Training des Nationalteams in Madrid von Rechtsradikalen beschimpft wurde, teilte er mit, er erwäge einen Rücktritt vom angekündigten Rücktritt - als Antwort an all jene, die meinen, «Pfiffe und Beleidigungen» seien das Mittel, ein wachsendes politisches Problem zu lösen. Und jetzt versuchte auch der neue Nationaltrainer Luis Enrique, 48, Piqué noch einmal umzustimmen. Ohne Erfolg. «Er hat mich vor einer Woche angerufen, doch ich habe meine Entscheidung getroffen, und sie ist wohlüberlegt», sagte Piqué, der von 2014 bis 2017 unter dem Trainer Luis Enrique beim FC Barcelona gespielt hatte.

Mit der Bestätigung seines Abschieds stellt Piqué seinen früheren Trainer vor eine weitere Herausforderung. In Andrés Iniesta, der nun in Japan bei Vissel Kobe an der Seite des früheren deutschen Nationalspielers Lukas Podolski glänzt, war schon der Regisseur der Nationalelf zurückgetreten. Nun muss Luis Enrique das Herz der Verteidigung neu ordnen, einen Partner für Sergio Ramos von Real Madrid suchen.

Könnte Bartra sein Nachfolger werden?

Als Kandidaten gilt auch der frühere Dortmunder Marc Bartra, 27, der mittlerweile bei Betis Sevilla spielt, aber auch der im französischen Baskenland geborene Aymeric Laporte (Manchester City). Laporte, 24, hat einen spanischen Pass und könnte für Spanien auflaufen, da er zwar in Frankreichs Jugendteams, nie aber in der A-Nationalelf gespielt hat. Angeblich ist Laporte verärgert, dass Trainer Didier Deschamps ihn nicht für die WM 2018 berücksichtigte, bei der Frankreich triumphierte.

Ob sich mit Piqués Adiós das Klima beruhigt, das rund um die spanische Nationalelf herrscht, ist völlig offen. Luis Enrique übernahm das Amt, nachdem Julen Lopetegui wenige Stunden vor WM-Start vom Verband entlassen wurde. Wie kurzfristig bekannt wurde, hatte Lopetegui als Nachfolger von Zinédine Zidane bereits bei Real Madrid zugesagt. Der kurzfristig vom Sportdirektor zum Trainer umfunktionierte Fernando Hierro konnte als WM-Notlösung nicht überzeugen.

Zwischen Verband und Real herrscht seither ein eisiges Verhältnis, was auch auf die Medien abstrahlt. Ende Juli musste sich Luis Enrique in seiner ersten Pressekonferenz politisch rechtfertigen, weil auch ihm unterstellt wurde, dass er sich für ein Katalonien-Referendum ausgesprochen hatte. Er dementierte: «Das entspricht nicht der Wahrheit.»

Dass Luis Enriques Loyalität in Frage gestellt wurde, kam überraschend. Immerhin hatte er auf lukrative Angebote verzichtet, um Spaniens Nationalelf zu übernehmen. Neue Erfolge anstreben will der frühere Nationalspieler mit den Mitteln, die Spanien gross gemacht haben: einem Fussball, der auf schneller Ballzirkulation beruht.

«Zu meiner Zeit sprach man noch von der Furia, und wenn wir dann aus der Kabine kamen und zum Beispiel bei der WM 1994 die Deutschen sahen, wie gross die waren, sagten wir: Verdammt! Mit Furie wird das nichts.» Heute steht der Ball bei den Spaniern im Mittelpunkt. So soll das auch in Zukunft sein. Allerdings ohne Piqué, den Verteidiger, der das Spiel so grandios eröffnen und vor sich hertreiben konnte.

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