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Einraum-Wohnung

Fussballgott Grädel fühlt mit einem gefallenen Kickergott mit. Um dessen Zeit im Gefängnis angenehm zu gestalten, versorgt er ihn mit Fussballbibeln, mit Lesestoff.

Grädel war übers Wochenende mit seiner Frau auf einer kurzen Reise. Auf dem Heimweg packte den Buchstaben-Junkie die Sucht. Grädel kaufte trotz des Versprechens gegenüber seiner Liebsten, die Zeit ausschliesslich ihr zu widmen, eine Zeitung. Seine Frau schimpfte ihn, liess ihn aber dann in seiner Suchtzone. Grädel las für einmal die Zeitung nicht wirklich, er schaute sich vielmehr ein Bild an. Er machte das für zwanzig Minuten und versuchte dann, diese Übung seiner Frau als Meditations-Variante zu verkaufen.

Die Zelle des Gefängnisses JVA Landsberg: 4 auf 2 Meter, ein kleines Fenster mit diesen Gitterstäben, fast quadratisch wie die ungefähr 200 weissen Bodenplatten, ein kleines Tablar in der Wand befestigt, oberhalb noch zwei kleine Tablare aus hellbraunem Holz wie der Schrank. Und der Sitz des Stuhls aus einem verwaisten Singsaal vor einem Tisch, auch er hellbraun, ein Klappbett mit Duvet mit blauen Streifen im Weiss und die braun-rote Türe mit dem massiven Schloss als einzig erkennbare handwerkliche (Metallbau-)Qualitätsarbeit.

Je länger Grädel ins Bild hinein schaute, desto intensiver fiel der Blick von dieser kargen Wohnlandschaft in sein Inneres zurück. Es machte ihn ganz ruhig: Was taucht auf, wenn aussen nichts ist?

Der Ausstatter des Gefängnisses scheint aufgrund zweier Gründe angestellt worden zu sein: Kenntnis aller Brockenhäuser im Raum München und null Flair für Ästhetik.

Nur verschwommen rund ums Bild sah Grädel einige fette Buchstaben, wurde aber gewahr, dass es dort eine Bibliothek gibt. Eigene Bücher dürfen die Gefangenen nicht mitbringen. Das würde Grädel umbringen. Zu Hause angekommen, verabschiedete sich Grädel in sein Arbeitszimmer, fasste sich ein Herz, sein Herz, und rief den Bibliothekar der JVA Landsberg an. Dieser von der Stimme her eher alte Mann gewährte Grädel überraschenderweise zwei Anträge: Er akzeptierte, «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny aus Menschenrechts-Gründen aus dem Regal zu nehmen (so viel Zynismus geht nicht), und willigte ein, fünf Bücher nach Grädels Wahl ins Repertoire aufzunehmen. Grädel wird die fünf Titel gut aussuchen. Ganz wohlig legte er sich spät nachts neben seine Frau ins Bett und sah Uli vor seinem inneren Auge in der Bibliothek Ausschau nach guten Büchern halten und fündig werden. Die Wahl der Bücher wird Grädel nicht verraten. Er versteht sich nicht als vierte Gewalt im Staate.

Grädel hat in diesen Tagen mit YB schon wieder verloren, dafür aber neue Erkenntnisse über das ökonomische Verhalten des Menschen gewonnen. Und darüber, wie einem manche Dinge fehlen können, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.

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