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Von der Vorfreude auf Neymar bis zu Deutschlands «Todesgruppe»

Worauf sich die Schweiz in Russland freuen kann und weitere Fakten zur Fussball-WM.

«Ein spektakuläres Los»: TA-Sportchef Ueli Kägi spricht über die Schweizer Chancen an der WM. (Video: Fabian Sanginés)

«Glückslos!», rief Kommentator Sascha Ruefer am Freitag ins SRF-Mikrofon. «Wir hatten nicht so Glück bei der Auslosung», sagt danach Valon Behrami. Und jetzt? Was ist angebracht, wenn es um die Gruppe E mit der Schweiz, Brasilien, Serbien und Costa Rica geht? Euphorie oder nicht doch eher Realismus?

Petkovics Pragmatismus

Euphorisch ist, wer die Stärke der Schweiz über- und die Qualität von Serbien und Costa Rica unterschätzt. Realistisch ist, wer es sieht wie Behrami oder wie Gelson Fernandes, auch er ein alter Kämpfer der Schweiz: «Das ist eine sehr, sehr schwierige Gruppe.» Natürlich haben die Schweizer Spieler schöne Pläne. Sie reden ja schon lange genug davon, endlich den nächsten Schritt zu machen und sich für einen Viertelfinal zu qualifizieren. Aber ob es diesmal gelingt, nach den Achtelfinals von 2006, 2014 und 2016?

«Wir gehen dahin, um die Gruppe zu überstehen», sagt Nationalcoach Vladimir Petkovic. Das tönt nach einem vernünftigen Plan. Pech ist nur, dass in der K.-o.-­Phase Deutschland warten würde, es sei denn, die Schweiz würde Gruppensieger oder Deutschland selbst nur Gruppenzweiter. Vielleicht hilft da Petkovics Pragmatismus: «Wir nehmen Spiel für Spiel.»

100 Franken Prämie für einen Coup

Null Mal hat die Schweiz bisher gegen Serbien gespielt. Gegen Costa Rica gewann und verlor sie je einmal, 2006 und 2010. Und die Bilanz gegen Brasilien verblüfft: acht Spiele, zwei Siege, nur drei Niederlagen. Die Reise gegen den fünffachen Weltmeister begann am 28. Juni 1950. Als Vorschau auf das erste Spiel der Schweizer gegen Brasilien mussten im «Tages-Anzeiger» 22 Zeilen genügen: 22 Zeilen für ein Gruppenspiel an der WM im Land des Gastgebers.

Immerhin erfuhr der Leser, dass die Schweizer «nach ­gutem Flug» am Spielort São Paulo eingetroffen seien. Anderntags hiess der ­Titel: «Schweiz - Brasilien 2:2 (1:2)!» Und darunter stand: «Eine Energieleistung sondergleichen der Eidgenossen/Fatton erzielte zweimal den Ausgleich.» Fatton und Kollegen erhielten für ihren Erfolg knapp 100 Franken Prämie. Die beiden 1:0-Siege gelangen der Schweiz 1989 und 2013 in Basel. Einmal traf Kubilay Türkyilmaz, dann half Dani Alves mit einem Eigentor aus, als Neymar nur ein müder Held war.

Neymar und die Frage des Gewichts

Man ist sich gerade nicht sicher, ob die schmalen Schultern dieses Mannes das Gewicht tragen können. Das Gewicht von 200 Millionen Menschen, ihren Wünschen und Träumen. Ein Gewicht auch, das beim Gewinnen luftig-leicht wirkt, aber beim Verlieren selbst einen Tanker an den Grund des Ozeans drücken kann. Der Mann mit den schmalen Schultern ist Neymar, ein Sonnengemüt, ein wunderbarer Fussballer, die Hoffnung aller Brasilianer, Sohn eines Vaters, der den Namen «el cobrador», der Kassierer, trägt.

Der 25-Jährige ist in Brasilien das Symbol des Guten, weil er beim 1:7 gegen Deutschland wegen eines Angriffs des kolumbianischen Haudegens Zuniga auf seinen Lendenwirbel gefehlt hatte. Weil er die Sehnsucht des «jogo bonito» auslöst, des schönen Spiels. Weil er seine Kollegen besser macht. Und: Er ist mittlerweile nicht mehr allein. Mit Coutinho und Firmino von Liverpool und Gabriel Jesus von Manchester City hat er Kollegen, die die Sache mit der Schönspielerei auch können. Aber eben, halten die Schultern? Olympia in Rio hat ein erstes Indiz geliefert: Doch, sie sind belastbar. Brasilien holte mit Neymar Gold.

Ein Hoch auf die schöne Reise

Die Auslosung ist für die Schweizer die fantastische Chance, einmal das andere Russland zu sehen. Fernab der Metropolen Moskau und St. Petersburg. Erster Halt ist Rostow, Stadt der vielen Namen. Sie ist das Tor zum Kaukasus, des militärischen Ruhms, aber auch der fünf Meere. Heisst: Der Tourist findet hier hübsche Militärdenkmäler und prächtige Möglichkeiten, sich von einem Seebären in einer Hafenkneipe die Welt erklären zu lassen.

2300 russische Strassenkilometer weiter liegt Kaliningrad, verkehrstechnisch etwas kompliziert gelegen, es ist eine Exklave, umgeben von Polen und Litauen. Die Stadt war einst deutsch und hiess Königsberg, seit 1945 bekommt Kaliningrad einen russischen Anstrich, unter anderem wegen Stalins Argument, Russland besitze keine eisfreien Häfen. So bietet die Stadt die einmalige Gelegenheit, sich die russische Flotte etwas genauer anzusehen. Und schliesslich Nischni Nowgorod, Hochburg des russischen Flusstourismus und Treffpunkt der Architekturaffinen. Bauwerke aller Stilepochen warten nur darauf, angeschaut zu werden. Eine tolle Reise also abseits ausgetrampelter Touristenpfade, und das Grandiose daran ist: Sie könnte weitergehen, siehe auch Kapitel Samara.

Die Schweiz schaut nach Samara

Zuerst wollten die Schweizer Verantwortlichen nach Sotschi, doch dann schnappte ihnen ein anderer Verband das Hotel weg. Darauf favorisierten sie ein Haus in St. Petersburg – bis sie feststellten, dass die Bilder in der Dokumentation viel besser aussehen als beim Augenschein vor Ort. Nun steht für die Schweiz ein Quartier bei Samara hoch im Kurs.

Samara? Genau. Die mit 1,15 Millionen Einwohnern sechstgrösste Stadt Russlands liegt knapp 1000 Kilometer südöstlich von Moskau und ist auch WM-Spielort. Aber nicht für die Schweiz, solange wir nicht gehörig frech denken. Der Sieger aus der Gruppe E würde seinen Achtelfinal in der Stadt an der Wolga spielen. Und der Gruppenzweite käme ebenfalls nach Samara. Allerdings erst im Viertelfinal und wenn Deutschland aus dem Weg geräumt ist.

Kollers Warnen vor Tadic und den Hünen

Marcel Koller ist gerade damit beschäftigt, seine Wohnung in Wien aufzulösen und in die Schweiz zurückzukehren. Sechs Jahre als Nationaltrainer von Österreich hat er hinter sich, «schöne Jahre», sagt er. Sie gingen zu Ende, weil er in der Qualifikation für die WM nur Gruppenvierter wurde. Immerhin kann er der Schweiz als Informant dienen, weil Österreich mit den Serben in einer Gruppe war. Was er von ihnen zu sagen hat, tönt eindrücklich: robust, im Durchschnitt 1,85 m gross, defensiv aufgerüstet, offensiv unberechenbar.

Dusan Tadic heisst der Spieler, der es ihm besonders angetan hat. Defensiv macht er zwar nicht so viel, dafür sind Leute wie Nastasic von Schalke, Kolarov von Roma und Matic von Manchester United zuständig. Aber Koller sagt: «Tadic war der stärkste Spieler aller Mannschaften in unserer Gruppe.» Koller hat mitbekommen, dass sich in der Schweiz viele damit schwertun, Serbien richtig einzuschätzen. Er fühlt sich in dieser Beziehung an Österreich erinnert: «Zuerst schwatzen und sich erst dann informieren.» Er weiss, die Innenverteidigung Serbiens ist verwundbar, wenn sie unter Druck gesetzt wird. Trotzdem ist für ihn klar: «Serbien ist die stärkste Mannschaft aus Topf 4.» Und: «Serbien ist kein Zuckerschlecken.»

Witali Mutko als Witali Wutko

Als die WM-Auslosung vorbei ist, erfasst den früheren Nationalspieler Ciriaco Sforza das grosse Staunen: «Das kann doch nicht sein.» Russland in einer Gruppe mit Saudiarabien, Ägypten und Uruguay, aufgrund der Fifa-Weltrangliste die klar schlechteste von allen. Vielleicht musste es einfach so kommen, um den Gastgeber vor der Blamage eines Aus nach der Gruppenphase zu ersparen. Ein Schelm ist, wer nun denkt, dass das nach einer Probeziehung vor der Livezeremonie kein Zufall sein konnte.

Da war Russland mit Japan, Ägypten und Uruguay zusammengebracht worden. Russlands Fussball ist seit Jahren in miserabler Verfassung. «Wenn wir jetzt schon mit Doping schon so spielen, wie spielen wir dann ohne?», fragt Witali Mutko. Ernst gemeint ist die Frage nicht. Mutko, die rechte Hand von Russlands Präsident Wladimir Putin, Sportminister und Chef des russischen Fussballverbands, versucht einen Scherz, als könnte er so vom Thema ablenken, das den russischen Sport schwer belastet: diese ungebremsten Dopingvorwürfe gegen seine Athleten, auch gegen die Fussballer.

Kurz vor der Auslosung hielt Mutko an einer Pressekonferenz einen wütenden Monolog: «Russland betreibt kein Doping. Wir brauchen das nicht. Es gab nie eine Manipulation und wird nie eine Manipulation geben.» An Mutkos Seite sass ungerührt Fifa-Präsident Gianni Infantino. Die Ohren auf Durchzug gestellt.

Deutschland sucht die «Todesgruppe»

Ja, so sind sie eben, unsere deutschen Nachbarn. Immer schön selbstbewusst, wenn es um Fussball geht. Dürfen sie ja auch sein nach vier Weltmeistertiteln, dem letzten 2014 in Brasilien. «Der WM-Spielplan – so kommen wir ins Finale», titelt die «Bild». «Eine Todesgruppe sieht anders aus», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Und die «Süddeutsche» stellt zufrieden fest, dass die Mannschaft wie beim erfolgreichen Confederations-Cup diesen Sommer wieder in Sotschi und Kasan spielt. Sie findet das darum besonders gut, weil Kaffeeliebhaber Joachim Löw schon wisse, wo es da guten Espresso gebe. Ach ja, der Bundestrainer hatte auch noch etwas zu sagen zur Auslosung mit den Gegnern Mexiko, Schweden und Südkorea: «Erschrocken bin ich sicher nicht.»

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