«In Klopp we trust» – ein Mann, eine Mission

Der erste Titel für Klopp oder der dritte für Zidane? Die Fakten zum Champions-League-Knüller FC Liverpool gegen Real Madrid.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt im Westen Englands ist in diesen Tagen noch fussballverrückter, als sie es ohnehin schon ist. Sie ist noch ein wenig roter als sonst. Überall hängen Fahnen aus den Fenstern, überall hat es Verkaufsstände mit Fanartikeln, deren Geschäft blüht. Wer kann, der zieht los und tut alles, damit er bis heute Abend irgendwie nach Kiew gekommen ist. Wer geht, der sagt: Es gibt keine Alternative, er muss dahin. Selbst wenn er in Kiew kein Hotel mehr bekommt, sondern nach Charkow ausweichen muss, das 400 Kilometer entfernt ist.

Liverpool ist im Ausnahmezustand, die Stadt, der Verein. Der LFC spielt heute in der ukrainischen Hauptstadt im Final der Champions League gegen Real Madrid. In seiner Geschichte gibt es keine grösseren Momente und Spiele als in einem europäischen Wettbewerb. Davon lebt Liverpool, seit die Generation der Keegan, Dalglish, Hansen, Souness und Rush zwischen 1977 und 1984 viermal den Meistercup an die Mersey holte. Und erst recht seit diesem verrückten Abend von 2005 in Istanbul, als man gegen Milan zur Pause 0:3 zurücklag und den Final im Elfmeterschiessen doch noch gewann.


Bill Shankly war der erste grosse Trainer des Clubs, von 1959 bis 1974. Auf einer Statue, aufgestellt hinter dem Kop, der Fantribüne, steht: «Er machte die Menschen glücklich.» Bob Paisley, Joe Fagan und Rafael Benitez sind seine Nachfolger, welche die grossen Titel nach Liverpool holten.

Und jetzt kommt er vielleicht dazu, er, der an einem grauen Tag im Oktober 2015 sagte: «Ich bin ein ganz normaler Kerl, komme aus dem Schwarzwald. Meine Mutter sitzt vielleicht gerade vor dem Fernseher, guckt diese Pressekonferenz und versteht kein Wort – aber sie ist sehr stolz. Ich bin ein ganz normaler Kerl.» Es war der Tag, als sich Jürgen Klopp in Anfield vorstellte. Er sagte damals auch: «Ich bin der Normale.» Es war seine Anspielung auf José Mourinho, der sich bei seinem Wechsel zu Chelsea als der Besondere bezeichnet hatte.

Wie die Faust aufs Auge

Aus dem Bub ist ein Mann von 1,94 Metern und ein grosser Trainer geworden. Das kleine Mainz 05 prägte er so sehr, dass das bis heute nachwirkt. In Dortmund fühlen sich die sieben Klopp-Jahre gerade jetzt, nach einer ziemlich trostlosen Saison, wunderbar an. Und nach Liverpool passt er wie die Faust aufs Auge: mit seiner einnehmenden Art und seinem spektakulären Fussball. Er wird als Shankly der Neuzeit verehrt. «In Klopp we trust», sagen sie in Liverpool, Klopp vertrauen wir. Er ist der Mann auf der Mission, zur Legende zu werden.


Liverpool und Real im Vergleich

Im Frühjahr 2016, nach nur ein paar Monaten im Amt, hatte er schon seine ersten Finals mit Liverpool erreicht. Er verlor sie beide, im Ligacup gegen Manchester City und in der Europa League gegen den FC Sevilla. Und weil es ihm dabei nicht anders erging als zuvor schon mit Dortmund, mit dem er gleich in drei Endspielen, davon einmal in der Champions League gegen Bayern München, unterlegen war, hängt ihm eine Frage nach: Ist er wirklich ein Mann für diese besonderen Momente?

Für Klopps Ehrenrettung spricht, dass die Gegner halt meistens besser besetzt waren. Auch heute in Kiew ist nicht Klopps Mannschaft der Favorit. Das ist dieses Real, das voraussichtlich gleich mit acht Spielern aufläuft, die schon bei den Triumphen von 2014, 2016 und 2017 dabei waren. Real sei eine Mannschaft von höchster Qualität, ja, Real sei Favorit, ja, Real sei erfahren, sagt Klopp. Aber er sagt auch: «Wir sind Liverpool. Das ist etwas, das man nicht vergessen darf.»

Sie sind Klopps Liverpool, geprägt von einem Trainer, der mit seinem verrückten Fussball an diesen Ort passt, der verrückten Fussball liebt. Klopp selbst würde nicht verrückt sagen, sondern lebendig. Als er noch in Dortmund war, erklärte er im «Tages-Anzeiger»: «Wir müssen konzentriert sein, logisch, aber auch dem Spiel freien Lauf lassen. Das können wir alle sehr gut, weil wir auch wissen, dass Verbissenheit die Erfolgschancen nicht erhöht.» Drei Monate später war er mit der Borussia Meister.

«Salah, la la la la la la la»

Und jetzt? Jetzt ist Liverpool nach Kiew gestürmt. Dass Glück dabei mithalf, das ist halt so. Die Schiedsrichter schafften es, Manchester City im Viertel- und die AS Roma im Halbfinal zu benachteiligen. Aber vielleicht musste das so sein, weil Liverpool aufregenden Fussball bot und in 14 Spielen inklusive Qualifikationsrunde 46 Tore erzielte. Darunter waren das 7:0 gegen Maribor, das 7:0 gegen Spartak Moskau, das 5:0 in Porto, das 3:0 gegen Manchester City oder das 5:2 gegen Roma. Gegen City brauchte Liverpool 19 Minuten für seine Tore, gegen Roma waren es 33. Das waren Phasen von Klopp-Fussball in Perfektion.

Das ist Liverpool. Vergesst das nicht. Denn Liverpool hat Mohamed Salah, «Mo Salah, Mo Salah, rennt den Flügel runter, Salah, la la la la la la la, der ägyptische König», singt der Kop. Im Englischen reimen sich Flügel («wing») und König («king») wenigstens. Das macht es literarisch zwar nicht wertvoller, aber die paar Zeilen stehen für die Ehrerbietung, die diesem Spieler mit der Nummer 11 entgegengebracht wird.

Bevor Salah nach Liverpool wechselte, war er beim FC Basel das Talent gewesen, das viele Torchancen vergab. Er war der Spieler, der bei Chelsea nie richtig ankam und den Umweg über Rom brauchte, um vor einem Jahr von Klopp entdeckt zu werden. Die 44 Millionen Franken, die für Salah nach Rom überwiesen wurden, waren noch kein Versprechen für das, was folgen sollte. Sie waren marktüblich für die punkto Ablösesummen verdorbene Premier League.

Im ersten Spiel gegen Watford erzielte Salah seinen ersten Treffer. Es war der Anfang einer Geschichte aus Tausendundeine Nacht. Der bald 26-Jährige aus Kairo stürmte und dribbelte sich zur Entdeckung der Saison.

In 51 Spielen traf er insgesamt 44-mal. Das macht ihn zum Anwärter auf den Titel des weltbesten Fussballers. «Mo hat eine fantastische Saison gespielt», sagt Klopp, «aber selbst er würde anerkennen, dass Ronaldo seine Leistung seit Jahren auf diesem Level abgerufen hat. Seine Zahlen sind verrückt, er hat ungefähr 47 000 Tore geschossen.» Ganz so viele sind es nicht gleich, aber auch Cristiano Ronaldo kommt diese Saison wieder auf 44 Tore, wobei er dafür nur 43 Spiele benötigte.

Die verwundbaren Seiten

Salah ist in Liverpools Offensive nicht allein. Er hat mit Roberto Firmino und Sadio Mané zwei Partner, die ebenfalls wissen, wie man trifft. Das Trio kommt zusammen auf 90 Tore.

Liverpools Verwundbarkeit liegt in der Defensive, auch wenn Klopp im Winter für fast 100 Millionen Franken Virgil van Dijk verpflichten durfte. Die vier Gegentore im Rückspiel in Rom sind der Beleg dafür, wie schwer sich Liverpool tut, ein Spiel zu kontrollieren. Real schwächelt in dieser Bezug genauso, im heimischen Stadion verspielte es gegen Juventus und Bayern München beinahe noch den Vorsprung, den es sich auswärts erarbeitet hatte. Der «Guardian» schreibt vor dem Final von Kiew: «Beide haben das Zeug dazu, sechs Tore zu schiessen. Vielleicht tun es sogar beide.»

Die Frage ist nun: Der erste Titel für Klopp oder der dritte in Folge für Zinédine Zidane? Der erste für Salah oder der fünfte für Ronaldo? Der Titel für den Liverpool FC, der mit der Überzeugung antritt, es sei sein Jahr? Oder für Real, das eine alte Mannschaft hat, aber auch eine, die weiss, wie man gewinnt?

Klopp sagt: «Am Ende wird es ein Test sein, wer den grösseren Willen hat. Wir sind heiss. In einem Final ist, danke Gott, alles möglich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 18:06 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Problem für Klopp zur Unzeit

Video Liverpool verliert für die entscheidende Saisonphase sein Superhirn. Damit steigt der Druck auf Jürgen Klopp. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Bittersüsse Premiere

Mamablog «Beide Elternteile sollten 80 Prozent arbeiten»

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...