Ein Kopfball als Genickschlag

YB spielt im Playoff zur Champions League gegen ZSKA Moskau stark – bevor Kasim Nuhu in der Nachspielzeit den eigenen Goalie zum 0:1 düpiert.

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Der Ball wurde länger und länger, er senkte sich mit brutaler Langsamkeit ins Tor, es lief die Nachspielzeit, und als er drin war, war es im Stade de Suisse so still wie schon lange nicht mehr. Urheber der Stille war Kasim Nuhu, er hatte soeben seinen eigenen Torhüter überlistet, nach einem ungefährlichen Ball aus dem Halbfeld, per Bogenkopfball. Ausgerechnet er, Nuhu, der zuvor mit YB in diesem Playoff zur Champions League die Gäste von ZSKA Moskau mehr als nur an den Rand einer Niederlage gebracht hatte, mit ihm als einem der Hauptdarsteller: gewaltig in der Abwehr, energisch im Spiel nach vorne. Statt Jubel aber Schockstarre. 0:1, ein Gegentor zu Hause, eine in der Schlussrechnung eventuell entscheidend belastende Hypothek.

Der grosse Fehler. (Video: SRF).

Dabei lief zuvor vieles für die Young Boys. Falsche Zurückhaltung pflegen die Berner gegen stärker eingestufte Gegner im Europacup generell nicht zu zeigen, und so stiegen sie auch diesmal mit den Erfolgsfaktoren aus dem Erfolg in der Vorrunde gegen Dynamo Kiew ins Spiel: mit viel Aufwand, mit Herz, mit ideenreichem Fussball. Trotz des aktiveren Beginns, YB hätte sich nach einer Viertelstunde über einen Rückstand nicht beschweren können: Die beste Chance der Startphase hatte den Russen gehört. Gab es gegen Kiew noch im gegnerischen Strafraum eine gutmütige Schiedsrichterentscheidung, war es diesmal die eigene Gefahrenzone. Steve von Bergen stellte Moskaus Jungtalent Fedor Chalow. Eine Berührung fand statt, Referee David Borbalan sah aber kein Foul.

Aufreger in der YB-Defensive gab es ansonsten lange Zeit wenig in der Startphase. Vorne, im und am Strafraum der Russen, da spielte die Musik. Die Flügelzange, bei YB in den letzten Wochen in verschiedenster Ausführung am Start, lief diesmal in Originalbesetzung auf: Miralem Sulejmani und Yoric Ravet harmonierten hervorragend. Alleine Sulejmani verpasste mehrmals, zweimal per Kopf, bestimmt nicht die Paradedisziplin des 1,78 Meter grossen Serben.

Unbelohnte Geduldsprobe

In der Vergangenheit hatte YB ja gezeigt: Russische Spitzenteams sind schlagbar – 2012 in der Gruppenphase der Europa League gegen Anschi Machatschkala (3:1) oder ein Jahr zuvor im Sechzehntelfinal-Hinspiel des gleichen Wettbewerbs gegen Zenit St. Petersburg (2:1).

In Durchgang zwei legte YB noch mal an Vehemenz zu, ZSKA zog sich etwas mehr zurück, die Partie entwickelte sich aus Berner Sicht mehr und mehr zur Geduldsprobe. Wie eine Matrjoschka versuchten die Young Boys die Abwehr der Russen zu knacken, eine dieser Russischen Holzpuppen, bei welcher immer wieder ein neuer Kopf, ein neuer Körper zum Vorschein kommt.

Hoffnungen arg gedämpft

Mal startete Assalé, wie in der 64. Minute, als nach einem Sprint des Ivorers die Hand des heranrauschenden Vasin am Körper des YB-Stürmers war und er fiel – zu wenig für einen Penaltypfiff. Mal schoss Bertone, gleich ein, zwei, drei vier Mal versuchte es der Berner aus der Distanz, doch anders als zuletzt fehlte ihm dabei die Genauigkeit. Und hätte Moskau-Hüter Akinfejew eine seinem Alter angemessene Reaktion gezeigt und den Scharfschuss von Hoarau nicht mirakulös abgefälscht, so hätten die 20 003 Zuschauer ihren Torschrei mal vollständig über die Lippen bringen dürfen. Aber eben, Nuhus letzte Aktion killte Stimmung und Abend für die Young Boys. Die Hoffnungen fürs Rückspiel sind durch den Lapsus des Ghanaers arg gedämpft worden. Für YB ist am Wochenende gegen Zürich Rehabilitation angesagt. Mit einem guten Gefühl und etwas Mut im Gepäck ist die bittere Hinspielniederlage vielleicht noch zu korrigieren. Vorausgesetzt, man zielt in der Nachspielzeit nicht aufs eigene Tor.

Der Bund

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