Ein Drama der allerdramatischsten Sorte

Das Scheitern der Squadra azzurra kommt einer epochalen Demütigung gleich. Zeit für Metaphern – und die Suche nach Schuldigen.

Italien ist längst nicht die einzige gestandene Fussballnation, die ein grosses Turnier verpasst. (Video: Nicolas Fäs)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwischen den italienischen Wörtern «clamoroso» und «sorprendente», so viel Sprachkunde muss schon sein, gibt es einen feinen Unterschied. Sie meinen eigentlich dasselbe: überraschend, sensationell. Im «clamoroso» schwingt noch der Lärm mit, der die Überraschung begleitet, wenn sie plötzlich über einen kommt, wie ein Schock. Etwa so: «O mamma mia!» Oder: «O Dio mio!» Das «sorprendente» ist leiser, es trägt in sich die Gewissheit, dass bei aller Unwahrscheinlichkeit nichts unmöglich ist, nicht einmal Weltmeisterschaften ohne Italien. Das Scheitern der Squadra azzurra, das wie ein Drama der allerdramatischsten Sorte begangen wird, wie eine epochale Demütigung, ein «Fine» in sich, wie die «Gazzetta dello Sport» auf ihrer ersten Seite titelt, wie das Ende eines stolzen Selbstverständnisses mit dem weinenden Gigi Buffon als tragischem Helden – nun, dieses Scheitern war nicht einmal «sorprendente». Und vielleicht macht es das erst «clamoroso».

Enttäuscht: Der Torhüter der Nationalmannschaft Gianluigi Buffon leidet nach dem Spiel. (Video: Nicolas Fäs)

Die trübe Vorahnung war so erdrückend gewesen, dass sie sogar auf RAI Uno, dem stets patriotisch beseelten Staatssender, sofort in den ernüchterten Analysemodus schalteten, kaum war der Schlusspfiff erfolgt. Manche legten Wert darauf, dem Publikum bei der Gelegenheit mitzuteilen, dass sie es immer schon gewusst hätten, dass das alles ja Gründe habe. Post-Propheten sozusagen, solche, die danach sagen, sie seien schon vorher viel schlauer gewesen.

Trainer Ventura nur dritte oder vierte Wahl

Man erinnert sich nun daran, dass der Abstieg spätestens vor drei Jahren begann, mit der Nominierung von Carlo Tavecchio, dem Präsidenten des italienischen Fussballverbands. Der war davor für die Amateurabteilung zuständig gewesen – ein kleiner, runder Mann mit Hang zu kernigen Sätzen, der den Komikern viel Stoff bot, freiwillig und unfreiwillig. Kaum im Amt, leistete sich Tavecchio einen rassistischen Aussetzer, der wohl in jedem anderen Land für eine schnelle Absetzung gereicht hätte. Er konnte sich nur deshalb halten, weil es ihm gelungen war, Antonio Conte für das Amt des Commissario Tecnico zu gewinnen. Für viel Geld zwar, doch Conte gehört nun mal zu den besten Trainern der Welt: Er kann auch aus einer mittelmässig begabten Mannschaft eine ganze Menge herausholen mit seiner bissigen Führung – notfalls prügelt er die Leistungen aus den Spielern heraus. Metaphorisch, freilich.

Umfrage

Leiden Sie mit den Italienern mit?





Als Conte nach kurzer Zeit zurücktrat, war die Auswahl für die Nachfolge plötzlich sehr viel weniger prominent. Gian Piero Ventura war dritte, vielleicht auch nur vierte Wahl, sein Profil spiegelte gewissermassen jenes von Tavecchio. Ventura, 69, hatte bis zu seiner Berufung erst siebenmal Italien verlassen. Und das hatte nicht unwesentlich damit zu tun, dass er immer nur Teams trainiert hatte, die an keinen internationalen Wettbewerben teilnahmen. Konnte das gutgehen? Ventura fiel die Aufgabe zu, ein alterndes Ensemble noch einmal zu animieren und gleichzeitig neue, jüngere Spieler nachzuziehen. Gelingen sollte ihm dies obendrein in einer Qualifikationsgruppe, in der sich auch Spanien befand. Früher hätte man die Herausforderung angenommen. Nun wähnte man sich schon verloren, bevor es überhaupt losging.

Ohne Italien kein wunderbares Theater

Verhandelt werden nun alle Mängel und Missstände im Calcio, die mehr oder weniger offensichtlichen. Am lautesten fällt die Kritik aus, dass in den italienischen Ligen mittlerweile viel zu viele Nichtitaliener mittun – und zwar auf allen Positionen. Nicht selten sind es Herrschaften, deren Namen man nie gehört hatte, bevor sie nach Italien wechselten. Selbst im Nachwuchs. Es geht da mehr um eine sportpolitische Gesamtstrategie als um Politik. Die Rechte versucht trotzdem, die Angelegenheit für sich zu nutzen – mit fremdenfeindlichem Unterton. Im Jammer sind die Geier nie weit.

Man darf sich fragen, für wen das Fehlen der Azzurri in Russland trauriger ist – für die Italiener selbst oder für den Rest der Welt. Denn ja, man muss ihr Spiel nicht mögen, um sie dennoch zu mögen. Für Pathos und Passion, für das ganze, wunderbare Theater.

Die Italiener wachsen an der Widrigkeit. Sie wachsen zusammen, wie man es auch aus diesen rührigen, simpel gestrickten Sportfilmen kennt, die einen am Ende immer zum Heulen bringen. «Fare sistema» sagt man dem im selten systematischen Italien. Die Italiener sind dann besonders motiviert, wenn niemand mehr an sie glaubt, wenn man sie belächelt, verhöhnt, mit Klischees überzieht. Das gilt nicht nur für den Fussball. Aber der Calcio ist nun mal die beste Metapher für das Land, wie Pier Paolo Pasolini schrieb, einer der grossen Intellektuellen des Landes. Oft war es so, dass die Azzurri wie geschlagene Underdogs zu Endrunden reisten, beladen mit Skandalen, zerrissen durch Intrigen und pseudoexistenzielle Fragen. 1982 etwa. Oder 2006. Dann wurden sie Weltmeister.

Der Fussball vereint

Diesmal also schafften sie es nicht einmal bis ins Turnier. Zum ersten Mal seit 60 Jahren, seit einer Ewigkeit. Und natürlich leidet daran niemand mehr als die Italiener selbst. Sie werden die WM wie einen Phantomschmerz erleben, als habe man ihnen ein kollektives, durchaus sinnstiftendes Ritual entrissen. Vor dem entscheidenden Spiel hatte die Zeitung «Corriere della Sera» geschrieben: «Nehmt uns bitte diesen einen Monat von 48 nicht weg, in dem wir uns richtig italienisch fühlen.» Im Norden so sehr wie im Süden. Es ist, als fiele die Messe aus.

Seit sie beim italienischen Fernsehen die Zuschauerzahlen messen, waren von den 50 Sendungen mit der höchsten Quote 49 Übertragungen von Fussballspielen, und 45 davon waren Spiele der Nationalmannschaft. Nichts eint dieses Land, das fast alles entzweit, mehr als der Calcio. Wenigstens während eines Monats alle vier Jahre. Oder alle acht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 13:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Italien weint blaue Tränen»

Video Es ist die Überraschung dieser WM-Qualifikation: Italien bleibt zuhause, Schweden reist nach Russland. Die Medienreaktionen. Mehr...

Italien verpasst WM – Buffon tritt zurück

Die WM 2018 in Russland findet ohne Italien statt. Goalie Gianluigi Buffon bestätigt seinen Rücktritt aus dem italienischen Nationalteam. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...