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Ein Date mit dem Spielervermittler

Der Agent ist im Fussball ein wichtiger Player, sein Ruf aber schlecht. In Turin hat sich die Branche getroffen. Wie ticken diese Männer? Eine Reportage.

Interessen ausloten, Reviere abstecken, Geschäfte aufgleisen – in Turin gab es organisiertes Speeddating für Clubs und Agenten. Foto: Wyscout Forum
Interessen ausloten, Reviere abstecken, Geschäfte aufgleisen – in Turin gab es organisiertes Speeddating für Clubs und Agenten. Foto: Wyscout Forum

Ein grossgewachsener Mann kämpft sich durch die Menge. Er streckt den Arm zum Himmel, in der Hand ein Bündel 50-Euro-Noten, er schreit über die Köpfe hinweg: «Vier Bier bitte!» Vor ihm sitzt Huseyin Bikim an der Bar, ein Spieleragent auch er. Seit 20 Minuten versucht er zu bestellen – vergeblich. Er dreht seinen Kopf zur Seite und sagt: «Heute war ein echt schlimmer Tag, vielleicht habe ich mich zu stark unter Druck gesetzt.»

Im gleichen Moment sendet Milos Malenovic, einer der umtriebigsten Spielervermittler der Schweiz, eine SMS: «Bin bei einem Dinner – Geschäftsessen.» Er schaffe es nicht mehr in diese Turiner Bar, die an diesem Abend Treffpunkt von Spielerberatern aus aller Welt ist.

Turin ist vergangene Woche der Ort für eine Konferenz von Fussballclubs und Spielervermittlern aus aller Welt. ­Wyscout, eine Fussballdatenplattform (siehe Box), hat dazu ins Stadion von ­Juventus geladen. Ein Treffen, das am Abend beim Bier zu Ende geht.

Der vertrauliche Bereich

Clubs und Berater haben im Stadion je einen eigenen Raum erhalten. Die Vereinsvertreter sitzen an ihren Tischen und empfangen die Agenten. 30 Minuten lang, dann ist der nächste dran. Speeddating à la Fussball. Der Saal ist ein halbes Spielfeld gross und tabu für Journalisten. «Vertraulicher Bereich», sagte die Mediendame, Türsteher bewachen den Eingang. Je älter der Tag, desto nachlässiger werden die Kontrollen, ­irgendwann versiegen sie.

Als Malenovic den Saal der Berater ­betritt, hat er ein Gespräch mit Juventus-Leuten hinter sich. «Nicht im grossen Saal, da ist es zu hektisch, zu ­wenig diskret.» Er schreitet durch den Raum, sofort kommen Leute auf ihn zu, auf das Hallo folgt ein Handschlag, er knallt, dann Umarmung und Tätscheln am Hinterkopf. Ein kurzes Gespräch, Blick auf das Handy, nächste Begrüssung. Handschlag, Knall, Umarmung, Tätscheln. Im Herzen sind Agenten Fussballer.

Die Verhaltensmuster wären etwas für Ethnologen, in ihren Forschungs­tagebüchern würden Sätze stehen wie: «Der Stamm der Berater zeichnet sich aus durch selbstbewusstes Auftreten, kombiniert mit extrovertiertem Äusseren.» So finden sich im Saal die wildesten Interpretationsformen von Stil. Mann mit Krawatte, Mann mit kurzen Hosen, Mann mit Bart und Gelfrisur, Mann mit offensiver Hemdknöpfung, Mann mit und Mann ohne Socken. Kaum Frauen. Und die ­wenigen sind entweder Hostessen oder wurden mit Ball, Pfeife, langen Socken und einem grellen T-Shirt ausgerüstet, sie laufen herum und drücken den Beratern Zettel in die Hände – 30 Prozent Rabatt auf das Angebot von Wyscout.

Milos Malenovic ist rasiert, trägt Veston und Jeans. Er hat schnelle Jahre hinter sich. Der 31-Jährige war ein Fussballtalent; Verletzungen liessen ihn aber nie so gross werden, wie es seine Fantasie wollte. Malenovic ist intelligent, rhetorisch beschlagen, er spricht sieben Sprachen und hat lange Akkordeon gespielt, so gut, dass er als Bub zu den grössten Talenten der Welt zählte. Innerhalb weniger Jahre ist er zu einem führenden Spielervermittler in der Schweiz auf­gestiegen. Es gab eine Zeit, da galt GC als FC Malenovic, derart viele haben sich ihm angeschlossen – Malenovic hat den Ruf, für seine Klienten mit aller Dringlichkeit gute Verträge auszuhandeln. Er hat zudem ein Flair, seine Spieler an exotische Orte zu vermitteln.

Steven Zuber ist Gesprächsstoff

Wenn er nun die jungen Männer sieht, die verloren im Saal stehen und ihre Handys kontrollieren, dann weiss er, wie sie sich fühlen: «Am Anfang ist es hart, du hast kaum Kontakte, musst im Kleinen zeigen, dass du gut bist, dann öffnen sich Türen.» Kontakte sind in ­diesem Geschäft alles. «Hier kann ich 20 Leute treffen. Normal muss ich dafür in 20 verschiedene Städte reisen.» So sieht Malenovic das Forum mehr als Netzwerk­erei denn als Verhandlungsort. Tatsächlich ist es die Bühne für den Auftritt des einen Typus der Branche: des Mischlers, der überall seine Kontakte hat. Der andere, der Diskrete und im Hintergrund Tätige, ist hier weniger anzutreffen. Und die Elite um einen Raiola oder Mendes schon gar nicht.

Huseyin Bikim fängt klein an. Er hat nur mit zwei Clubs gesprochen: «Viel zu ­wenig!» 790 Euro kostet die Tagung für jeden Agenten. Bikim ist 41, studierter Ökonom und in der Türkei aufgewachsen. Er lebte in London und Barcelona, führte dort ein Restaurant, bevor er vor zwei Jahren mit seiner Frau, einer Ärztin, und den drei Kindern nach Bilbao zog. Er verkaufte das Restaurant und wurde Vermittler. Es ist ein typischer Werdegang – viele sind Quereinsteiger.

Er selbst habe bei Transfers noch kein Geld verdient, sagt Bikim, er wolle sich einen Ruf als verantwortungs­bewusster Agent aufbauen, dem Spieler wie Eltern vertrauen können – das brauche Zeit. Damit er doch zu Geld kommt, arbeitet er als Broker. Als solcher sucht er im Auftrag von Clubs Abnehmer für ausrangierte Spieler. Auch Malenovic macht das. Das stärkt die Kontakte.

203 Vermittler sind da, und 105 Vereine

Hinter Bikim sitzen in der Bar die Chefscouts von Manchester United und Liverpool. Alle im Raum wissen das, alle schauen hinter ihren Biergläsern hinüber zu den Engländern. Wer mit diesen Männern redet und Verträge macht, hat es geschafft. Die Engländer bleiben an diesem Abend alleine. Paul Goldrick arbeitet als Liverpool-Scout, sein Händedruck ist fest wie die Überzeugung, dass Gespräche mit Journalisten keine gute Sache sind. Ein paar Stunden zuvor hat er lange mit Malenovic diskutiert. Nicht der Schweizer hat sich an seinen Tisch gesetzt, nein, der Engländer hat Malenovic aufgesucht und über dessen Klienten Steven Zuber geredet. Darauf angesprochen, lacht Malenovic – und schweigt.

In der Bar stört sich derweil Bikim, dass es in Turin zu wenige Clubs und zu viele Berater habe. 203 Vermittler sind da, und 105 Vereine. «Wir stehen einander auf den Füssen.» Es ist eine Folge der Deregulierung der Fifa. Seit 2015 müssen Spielervermittler keine Prüfung mehr ablegen, plötzlich kann jeder Agent werden.

Drei Schweizer Clubs dabei

Und tatsächlich: Die hier Angereisten sind mehrheitlich jung. Ein 26-jähriger Zypriot arbeitet in London als Anwalt und will nun ins Fussballgeschäft einsteigen. Erfahrung hat er keine, Spieler unter Vertrag auch nicht. Er erwähnt mit einer Nebenbemerkung, er finde den chinesischen Markt interessant. Ein 27-jähriger Nigerianer fragt, wie viel denn die Spieler in der Schweiz verdienen. Er will mit den anwesenden Super-League-Clubs (GC, Sion, Lausanne) in Kontakt kommen, das hat er bei der ­Anmeldung angekreuzt. Vergebens, die Clubs haben seine Anfrage abgewiesen. Je länger der Anlass dauert, desto mehr franst er aus. Wird ein Stuhl frei, drängen sich plötzlich drei Interessenten darum – der Zeitplan wird ignoriert. Auch häufig gesehen: Ein Agent steht mit dem Rücken zum Tisch, drückt scheinbar an seinem Handy, insgeheim aber horcht er, was gesprochen wird.

«Es ist ein dreckiges Geschäft», sagt ­Bikim, will aber nicht so recht erzählen, was daran dreckig ist, auch Malenovic später nicht. Sie wollen anderen nicht auf die Füsse treten. Dabei sind die Problemzonen der Branche bekannt. Da ist einmal das viele Geld, dazu vertreten Agenten nicht nur die Interessen der Spieler, sondern auch ihre eigenen. So verschieben sich rasch Prinzipien, moralische und gesetzliche Regeln werden geritzt. In diesen Momenten werden Berater als Zuhälter des Fussballs bezeichnet. Kommt dazu, dass viele von ihnen sich bekämpfen und sich Spieler ausspannen.

Die berüchtigten Briefkästen

Auch die Agentur Doyen soll zwei ihrer Vermittler nach Turin geschickt ­haben, sie sind an diesem Tag unauffindbar. Es ist ein Konstrukt, das aus vielen verschachtelten Offshorefirmen besteht und seine Briefkästen auf Malta oder auf den Britischen Jungferninseln hat. Sein Zweck: die Verschleierung von Geschäften. Es geht darum, Anteile an Spielern zu besitzen und diese gewinnbringend zu verkaufen, im Jargon Third Party ­Ownership genannt und seit 2015 ver­boten. Es wird trotzdem gemacht, Bikim und Malenovic nicken.

«Wir haben einen schlechten Ruf», sagt Bikim. «Aber nicht alle sind so, die Eltern der Kinder sollen das wissen.» Malenovic ist derweil mit seinem Auto längst davongebraust. Nächster Halt Mailand. Gespräche warten.

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