«Du denkst: Die holen keinen Punkt. Und dann gewinnen sie doch»

YB-Trainer Adi Hütter stinkt der Rückstand auf Leader FCB vor dem heutigen Spitzenkampf gewaltig. Aber er kommt ihm bekannt vor.

Einst war er ständig oben, jetzt lernt er als Verfolger die andere Seite kennen: Adi Hütter, 46, seit Juli 2015 YB-Trainer.

Einst war er ständig oben, jetzt lernt er als Verfolger die andere Seite kennen: Adi Hütter, 46, seit Juli 2015 YB-Trainer. Bild: Keystone

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Adi Hütter, kann man YB mit gutem Gewissen noch als Jäger Basels bezeichnen?
Wir sind zwar auf Tabellenplatz 2, doch ob man mit 15 Punkten Rückstand noch Jäger ist? Der Abstand ist sehr, sehr gross. Uns haben Verletzungen von Schlüsselspielern immer wieder wehgetan. Guillaume Hoarau ist fast den ganzen Herbst ausgefallen und fehlte uns sehr. Ohne ihn haben wir in fünf Wochen fünfmal unentschieden gespielt.

Sie machen die Differenz einzig an Hoarau fest?
Er ist einer, der den Unterschied ausmachen kann, wenn wir zurückliegen oder es unentschieden steht. Er schiesst das 1:0 oder das 2:1 und macht aus einem Punkt drei. Immer wieder.

Heisst: Hätte er durchgespielt, wären Sie näher an Basel dran?
Hoarau ist für YB ein Goldstück. Ein Topstar, der mich mit seiner Bescheidenheit beeindruckt. Toreschiessen ist sein Job, doch er ist viel mehr als nur ein Torjäger. Er richtet die Teamkollegen auf. Wenn er da ist, sind die anderen 20 Prozent besser. Ich bin überzeugt, dass wir ohne seine Verletzung sieben, acht Punkte mehr gewonnen hätten. Wenn ich mir das fussballerische Auftreten der beiden Mannschaften anschaue, sehe ich keinen grossen Unterschied.

Die Punktedifferenz sagt aber eben anderes.
Was die Direktbegegnungen angeht, waren wir nie klar unterlegen. Und über 90 Minuten nie die schlechtere Mannschaft. In den Direktduellen sind wir auf Augenhöhe. Nur wird die Meisterschaft in 36 Runden entschieden.

«Guillaume Hoarau ist ein Goldstück. Wenn er da ist, macht er die Kollegen 20 Prozent besser.»

Was ist YB also, wenn nicht Jäger?
Wir wollen einfach unsere Ziele erreichen. International sind wir gescheitert, doch in der Qualifikation zur Gruppenphase haben wir immerhin Schachtar Donezk eliminiert. Das war ein Coup. Im Schweizer Cup sind wir dabei. Und in der Meisterschaft, ja (zögert und lächelt), klar würden wir gerne irgendwann vor Basel stehen, der Abstand stinkt auch mir. Aber es ist halt der Wahnsinn, wie sie immer Spiele dabei haben, die sie drehen. Bei denen du denkst: Die holen keinen Punkt – und dann gewinnen sie trotzdem.

Der FCB weiss, wie man gewinnt – Spiele und Titel.
Das ist natürlich eine Qualität, ein gewisser Mythos, sie haben die Mentalität und das Vertrauen in sich selbst. So summiert sich das. 14 Siege in 16 Spielen sprechen Bände. Man muss die Stärke eines Gegners auch anerkennen können. Doch Basel macht manchmal aus wenig viel.

Und entzieht der Super League so die Spannung.
Wir spielen nicht für den Rest der Schweiz und können den Spannungsgrad der Liga nur in den Direktbegegnungen beeinflussen. Aber ja: Wir würden gerne ein Zeichen setzen und die erste Mannschaft sein, die Basel schlägt.

Bevor Sie zu YB kamen: Wussten Sie, wie zementiert die Verhältnisse an der Schweizer Spitze sind?
Natürlich war mir das bewusst. Es erinnert mich an meine Zeit in Salzburg: Kaum hatte die Saison begonnen, hatten wir zehn Punkte Vorsprung. Da wäre keiner der Gegner auf die Idee gekommen, zu sagen, wir wollen Meister werden. Wir spielten in einer eigenen Liga.

Jetzt lernen Sie die andere Seite kennen.
Ja, aber: Ich habe vor gut einem Jahr hier begonnen, meine Zeit ist noch lange nicht vorbei. Ich möchte, dass wir das eines Tages spannender gestalten. Wir müssen uns sorgfältig Gedanken machen, was wir für die Zukunft tun wollen.

Sie müssen nun aber einen Sparkurs mittragen. Wie gerne tut man das als Trainer?
Ich habe schon Vereine trainiert, die in der österreichischen Bundesliga ein Budget von 3,5 Millionen Euro hatten. Trotzdem schafften wir es vor Austria Wien oder Sturm Graz in die Europa League. Sparkurs bedeutet noch lange nicht, dass man schlechter wird. Wichtig zu wissen ist, dass es Spieler gibt, die weniger kosten und trotzdem gut sind. Junge, hungrige, giftige Spieler.

Aus dem eigenen Nachwuchs?
Zum Beispiel. Es kann sein, dass gegen Basel der 19-jährige Michel Aebischer im Mittelfeld beginnt. Es gibt aber auch in der Super League interessante Spieler. Fassnacht von Thun zum Beispiel oder Akolo (vom FC Sion). Oder vielleicht finden wir ein Talent im Ausland, das nicht so viel kostet, sich aber gewinnbringend verkaufen lässt.

«Man kann mich bewerten und beurteilen. Mir aber sagen, was ich zu tun habe – das geht nicht.-»

Also ist es nur einerseits Zwang, auf die Jugend zu setzen, anderseits auch eine schöne Herausforderung?
Beim FC Liefering hatte ich in der zweiten Liga einst eine Mannschaft mit ausschliesslich 17- und 18-Jährigen, von denen immer wieder ein paar den Sprung zu Red Bull Salzburg schafften. Dort wiederum bildete ich Naby Keïta oder Marcel Sabitzer aus, die jetzt in Leipzig spielen. Oder Kampl (Leverkusen) oder Sadio Mané, der dann zu Southampton ging (und jetzt in Liverpool spielt). Ich habe immer Talente gesucht, geholt und entwickelt. Spieler, die sonst kein Mensch kannte. Seit ich bei YB bin, macht Denis Zakaria fast jeden Match. Hadergjonai (der jetzt in Ingolstadt spielt), Mvogo, Bertone – natürlich forciere ich die. Ich arbeite sehr gerne mit jungen, hungrigen Spielern.

Wenn aber jemand älter und nicht mehr hungrig ist, dann können Sie schonungslos sein.
Wenn ein Spieler nicht mehr hungrig ist, hat er bei mir keine Chance. Dann ist er auch nicht geeignet für den Job.

Darum Ihre klare Haltung im Fall Vilotic?
Zu diesem Thema äussere ich mich nicht mehr.

Warum kehrten Sie dem Projekt Red Bull dann doch den Rücken, wenn es dort darum geht, Rohdiamanten zu finden und zu entwickeln?
Das Problem in Salzburg war, dass man jedes halbe Jahr neu beginnen musste, weil die besten Spieler nach Leipzig transferiert wurden. Das grosse Ziel war die Champions League – aber nach jeder Saison waren die Besten weg.

Selbst die Zuschauer in Salzburg goutieren diesen Durchlauferhitzer nicht mehr länger. Trotz sportlichem Erfolg beträgt der Schnitt nur 8000, die Hälfte von früher.
Für mich war das absehbar. Ich habe kürzlich ein Spiel am TV geschaut – fast keine Zuschauer. Viele fanden meinen Entscheid mutig, Salzburg zu verlassen, doch im Endeffekt habe ich es richtig gemacht. Das Problem ist, dass es bei diesem Konzept kaum noch Identifikationsfiguren geben kann.

Trotzdem bleibt Ihr Respekt vor Ralf Rangnick, dem Sportdirektor der Red-Bull-Clubs?
Natürlich. Wir haben uns im Guten getrennt. Wie er dieses Projekt angegangen ist und was er auf die Beine gestellt hat, ist grossartig. Ich freue mich, dass er aufgestiegen ist und jetzt für Furore sorgt. Er ist seiner Zeit voraus, hat ein irrsinniges Fachwissen, ist ein Workaholic, und ich bin überzeugt, dass er ein nächstes Projekt schon im Kopf hat. (lächelt) Manchmal geht es ihm zu langsam.

Ohne Rangnick kein BundesligaÜberflieger RB Leipzig.
Wo Ralf ist, herrscht eine Philosophie, eine klare Linie. Das ist nicht immer einfach, er ist Sportdirektor und irgendwie doch immer noch Trainer.

«Wenn ein Spieler nicht mehr hungrig ist, hat er bei mir keine Chance.»

Demnach gab es viele Anweisungen?
Nein, weil ich das nie zugelassen hätte. Ich kann recht stur sein. Wir haben uns oft ausgetauscht, und ich habe bei ihm auch Rat gesucht, ich mag den konstruktiven Austausch. Aber ich habe mir nie sagen lassen, wie ich etwas zu tun habe. Man kann mich bewerten und beurteilen, mir aber sagen, was ich zu tun und zu lassen habe – das geht nicht.

Was haben Sie aus der Rangnick-Schule mitgenommen?
Ich sehe mich nicht als Rangnick-Schüler, aber er hat mir in meiner Sichtweise von Fussball die Augen geöffnet. Ich war immer ein Ballbesitztrainer, anderseits habe ich das Gegenpressing schon früher spielen lassen. Du musst als Trainer eigene Ideen und einen klaren Plan haben, wie du Fussball spielen willst.

Sieht der Fussball von YB so aus, wie Sie ihn sich vorstellen?
Wer als Trainer findet, er sei mit sich zufrieden, bleibt stehen. Stillstand ist Rückschritt. Du musst versuchen, immer wieder Neues einzubringen. Doch, ich finde, dass wir einen attraktiven Fussball spielen und begeistern können. Nicht in jedem Spiel, das ist klar, das ging auch mit Salzburg nicht.

Vor allem gilt das für YB nicht in jedem Stadion: Im Stade de Suisse begeistert das Team mit 18 Toren in den letzten 4 Spielen, auswärts hat es erst zweimal gewonnen.
Wir tun uns auswärts schwerer, richtig, aber: Die meisten Clubs der Liga bestreiten von 36 Spielen 32 auf Naturrasen – nur in Bern und Thun müssen sie auf Kunstrasen. Wir spielen in der Saison 20-mal auf Kunstrasen und 16-mal auf Naturgras – der ständige Wechsel ist ein Problem. Sicher haben wir bei Heimspielen einen Vorteil, aufs Jahr gesehen ist Kunstrasen aber ein Nachteil.

Sie hätten auch im Stade de Suisse lieber Naturrasen?
Manchmal muss man die Gegebenheiten eben nehmen, wie sie sind. Aber: ja.

Trainieren Sie überhaupt noch auf Naturrasen?
Nein, in der Regel nur noch im Stadion. Als wir die Trainings noch angepasst haben, waren mehr Spieler verletzt, es ist einfach eine andere Belastung. Gerade jetzt im Herbst mit den tieferen Plätzen. Seit wird darauf verzichten, hatten wir noch zwei muskuläre Verletzungen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.12.2016, 10:11 Uhr

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