Die gespaltene Fussballstadt

Leader Basel dominiert den FCZ und hat mit GC den engsten Verfolger. Ein Blick auf die Tabelle.

GC trotzt mit Euphorie den Gefahren und beim FCZ ist Canepa oben, während das Team ganz unten ist.

GC trotzt mit Euphorie den Gefahren und beim FCZ ist Canepa oben, während das Team ganz unten ist. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

GC

GC hat den treffsichersten Sturm und eine verwundbare Abwehr, GC hat schon fast so viele Punkte wie Spieler im Kader, GC ist nach dem 3:2 gegen YB souveräner Zweiter und hat im Moment nur eine Sorge: dass in zehn Tagen alle gesund zurückkommen von den Reisen zu ihren diversen Auswahlmannschaften.

«16 Punkte? Nicht schlecht», sagt Pierluigi Tami und lächelt verschmitzt. Bevor die Saison ­begann, hatte er das nicht erwartet. Da hatte er noch andere Über­legungen angestellt, vor ­allem die, wie seine Mannschaft ­spielen soll und kann. Nach den ersten sechs Wochen weiss er, sie kann ganz viel, und sie kann ganz gut unterhalten. 5:3, 2:3, 3:2, 6:1, 3:3, 2:0 und ein weiteres 3:2 – das tönt nach dem, was es ist, tönt nach der Lust Tamis, seine Spieler in ihrem Freiheitsdrang nicht unnötig zu bremsen, sondern sie darin zu bestärken.

Gegen YB zeigen sich Vor- und Nachteile ganz gut. Die Grass­hoppers spielen nicht gleich überragend, aber gut und sicher ­genug, um einen seelenlosen Gegner jederzeit unter Kontrolle zu halten. Sie gehen durch Ravet in Führung, verpassen durch Dabbur und Ravet das zweite Tor, das dann Tarashaj in der 40. Minute gelingt, und als Caio nach einer knappen Stunde auf 3:0 erhöht, scheint die Schlussphase als Spazier­gang programmiert.

Es ist dann eine Szene, die genügt, sie aus der Bahn zu werfen. Nach dem Kopfball von Vilotic zum 3:1 nach 68 Minuten verlieren sie mit dem Selbstvertrauen die Sicherheit und damit die Ruhe, sie lassen es zu, sich von YB zurückdrängen zu lassen, und betteln um den nächsten Gegentreffer, als hätten sie Nervenkitzel lieber. Sie lassen Kubo nach ­einem abgewehrten Corner allein und schenken ihm so den ­Anschlusstreffer. Tamis Analyse ist auch da einfach: «Unnötig.»

Schnell erwachsen werden

Die Zürcher können kontern und sind auch da nicht abgeklärt. Gjorgjev beginnen allein vor Mvogo die Beine zu zittern, Dabbur sucht in der fünften Nachspiel­minute lieber das vierte Tor, als entscheidende Zeit zu schinden. Als das Spiel gewonnen ist, sagt Tami, der sanfte Lehrmeister: «Solche Erfahrungen müssen wir machen.» Vor allem sagt er auch: «Unsere Jungen müssen sehr, sehr schnell erwachsen werden.»

18 Feldspieler und 3 Torhüter umfasst sein Kader, das reicht ­zumindest von der Anzahl her, solange es keine Ausfälle gibt. Aber was, wenn auf einmal Kim Källström ausfällt oder Munas Dabbur seine Sehnsucht auf einen Wechsel in eine höhere Liga wieder entdeckt, wenn der Patron nicht da ist oder der beste Stürmer nicht mehr? Daran denke er lieber nicht, sagt Tami. Jetzt ist das Lächeln nicht mehr verschmitzt, sondern leicht gequält.

Tami lebt mit den wirtschaft­lichen Zwängen und Limiten bei GC. Er weiss, der eingeschlagene Weg ist gefährlich. Dafür reicht ein Blick auf die Ersatzbank. Auch gegen YB sitzen da nur Grünschnäbel mit Jahrgang 1995, 1996 oder 1997. Darum wird der 20-jährige Tarashaj für den 18-jährigen Gjorgjev ausgewechselt.

Neun Spieler fehlen Tami in den nächsten eineinhalb Wochen im Training. Das gefällt ihm nicht. Er hätte so gerne an «ein paar ­Dingen» gearbeitet. Zum Beispiel daran, wie man trotz aller manchmal überschäumenden Euphorie das eigene Tor konsequenter verteidigen kann. (Thomas Schifferle)

FCZ

Und dann gab es noch die ­Meinung von Alain Nef. Der Captain des FC Zürich war reichlich geladen, als er nach dem 1:3 beim FC Basel in der Interviewzone haltmachte. Dass Schiedsrichter Nikolaj Hänni sein Gerangel mit Marc Janko als elfmeterwürdig taxiert hatte, war für den Verteidiger schlicht eine «Frechheit».

Da er schon beim Spielleiter war, machte Nef aus seinem Herzen keine Mördergrube, als er seine Sicht des Spielunterbruchs schilderte, den FCZ-Anhänger mit Wurfgegenständen vor der Pause provoziert hatten. «Sorry, das ist Basel - Zürich, da weisst du doch, dass etwas fliegen wird. Da gleich zu unterbrechen …», brummte Nef. Und auf dem Weg in die Garde­robe entfuhr ihm dann noch ein «Selbstdarsteller!» in Richtung eines Adressaten, den sich jeder selber ausmalen konnte.

Nun mag Hännis Körpersprache die Gemüter der Schweizer Fussballprofis seit längerem scheiden. Fakt bleibt, dass aus dem FCZ-Sektor Schnapsfläschchen und Feuerzeuge in Richtung des Baslers ­Matías Delgado geflogen waren und dass der Schiedsrichter den Vorgaben der Swiss Football League folgte. Es ist nun das zweite Mal in Folge, dass eine Partie FCB - FCZ wegen der Zürcher Kurve unterbrochen wurde.

Canepa jubelt in den Fans

Eigentlich seien die Zürcher Fans deswegen mit dem klaren Vor­haben angereist, keine Randale anzuzetteln, schilderte ­Ancillo Canepa nach dem Schlusspfiff. Dass diese versuchte Werbung in eigener ­Sache missraten ist, darf den ­harten Kern der Südkurve durchaus beschäftigen. Auch wenn der FCZ-Präsident befand, da seien ­einige wenige, «völlig besoffen», am Werk gewesen: «Ich hoffe, sie werden zur Rechenschaft gezogen. Der FCZ jedenfalls hat in letzter Zeit sehr viele Stadion­verbote ausgesprochen.»

Canepa selbst hatte sich zu ­Beginn des Unterbruchs hinauf begeben unter die Zürcher Fans, wo er das zwischenzeitliche 1:1 durch Ivan Kecojevic ausgiebig bejubelte. Es war eine auffällig andere Reaktion als beim Spielunterbruch am 12. April, als ­Canepa nach Fackelwürfen und Knallpetarden gar nicht erst versucht hatte, auf die Anhänger einzuwirken, und danach gefragt hatte: «Was soll ich dort?» Ob es an Canepas (wieder-)entdecktem Draht zur Kurve lag? Zumindest blieb es gestern nach dem Spielunterbruch ruhig im FCZ-Sektor.

Auf Hyypiä wartet Arbeit

Die zweite Halbzeit verbrachte Canepa dann allerdings an der Seite des neuen FCZ-Trainers Sami Hyypiä. Der Finne wird heute um zehn Uhr sein erstes Training in Zürich leiten. Zehn Tage nach seiner Vorstellung als Nachfolger des Anfang August freigestellten Urs Meier. Und mit Blick auf die sportliche Situation des FCZ sicher nicht zu früh.

Hyypiä wird gesehen haben, dass eine Menge Arbeit auf ihn wartet. Auch wenn er im Team «viel Potenzial» entdeckt haben wollte. An ihm wird es sein, dieses auch zur Entfaltung zu bringen. In Basel waren die Zürcher nur eine Halbzeit lang in der Lage, dem Druck zu widerstehen. Auf drei Abschlüsse kamen die Zürcher in der gesamten Spielzeit – einer davon führte zum 1:1.

5 Punkte hat der FCZ nach ­sieben Runden, 16 liegt das Team hinter Leader Basel. Champions-League-Gewinner Hyypiä tritt seine Arbeit tatsächlich beim Tabellen­letzten an. (Florian Raz)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2015, 04:56 Uhr

Artikel zum Thema

Basel gewinnt den Klassiker gegen Zürich

Basel dominiert den FCZ und siegt zuhause 3:1. Wegen einigen Zürcher Fans stand das Spiel kurz vor dem Abbruch. Mehr...

Grasshoppers bleiben erste Verfolger des FC Basel

Nach turbulenter Schlussphase rettet GC den Vorsprung über die Zeit und gewinnt gegen tapfer kämpfende Berner 3:2. Mehr...

Die nächste Niederlage

Nicht unverdient verliert ein harmloses YB das Verfolgerduell gegen GC mit 2:3. Nach einem 0:3-Rückstand können Vilotic (68.) und Kubo (80.) nur noch verkürzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Mit Vitamin D Leistung und Ausdauer fördern

Geldblog Altersleistungen sind oft nur eine Illusion

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...