Die Sensation aus dem Fürstentum

Die AS Monaco gehört zu Europas besten acht – wider alle Prognosen und nach einem Spiel ohne Spiel.

Herr der Lage: Monacos kroatischer Goalie Danijel Subasic. Foto: Reuters

Herr der Lage: Monacos kroatischer Goalie Danijel Subasic. Foto: Reuters

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Wahre Helden des Fussballs wachsen eher in kunstlosen Rasenschlachten als in der Beschaulichkeit eines gepflegten Spiels. Selbst in Monaco ist das so, diesem Reservat für Reiche und Schöne, für Glitzer und Glanz. Für einmal, und das kommt wirklich selten vor, war das kleine Stade Louis II fast voll: 17 263 Zuschauer. Als hätte man bei der AS Monaco vorausgeahnt, dass das trotz der günstigen Ausgangslage kein lockeres Schaulaufen würde, dass man wohl trotz des 3:1-Auswärtssiegs gegen Arsenal im Hinspiel leiden müsse. Auch Fürst ­Albert war da: Winterjacke, Krawatte, Schal, alles assortiert. Man kennt ihn ja als grossen Sportfreund. Diesmal sollte seine Präsenz aber wohl vor allem der Mutmache dienen, der moralischen Stärkung der doppelten, dreifachen ­Abwehrreihe einer Association Sportive mit schier existenzellen Verlustängsten.

Arsenal stürmte unentwegt, wie das zu erwarten gewesen war. Das Team des Elsässers Arsène Wenger, der früher selber lange Trainer im Fürstentum gewesen war, besass während beträchtlicher 71 Prozent der Spielzeit den Ball, liess zuweilen seine technische Überlegenheit durchscheinen, schoss aus allen Lagen aufs monegassische Tor, drängte und drückte und führte nach Toren von Olivier Giroud (36.) und Aaron Ramsey (79.) tatsächlich 2:0. Elf Minuten vor Schluss, plus weitere fünf Minuten Nachspielzeit. Da lag noch alles drin, ein Tor sowieso. Vor allem aber begann nun die dramatische Phase fürs heroische Genre, das mit Fussball im engeren Sinn eigentlich nur wenig gemein hat.

Kurven im Himmel

Man sah nun also gestandene Profifussballer von Monaco hysterisch und ungelenk den Ball wegschlagen, dass er kurvige Parabeln in den Himmel über der Côte d’Azur zeichnete. Andere kämpften sich an die gegnerische Eckfahne vor und liessen sich dort so lange von den Gegnern bedrängen, bis sie ihr theatralisches Hinfallen irgendwie rechtfertigen konnten. Und der Torhüter, noch so ein Klassiker des Genres, legte sich das Spielgerät für den weiten Abschlag jetzt so behutsam zurecht, als wäre es nicht aus tretbarem Leder gefertigt, sondern aus Porzellan. Der kroatische Nationalgoalie Danijel Subasic verdient aber auch ­lobende Erwähnung: Er war ­Monacos Bester, ein Retter mit Reflex, der Held aller Helden. Ohne «Subas» Paraden wäre die Dramatik zum Drama ­geworden.

Nun aber steht Monaco wieder einmal und recht sensationell im Viertel­final der Champions League. Mit einer Qualifikation von Paris Saint-Germain hatte der französische Fussball gerechnet. Mit Monaco hingegen rechnete niemand, nicht einmal Monaco selbst.

Im vergangenen Sommer machte es nämlich den Anschein, als schraube der russische Besitzer des Vereins, der Oli­garch und Multimilliardär Dmitri Jewgenjewitsch Rybolowlew, seine eigenen hehren Ambitionen herunter. Er liess die beiden kolumbianischen Superstars, die er nur ein Jahr zuvor für viel Geld verpflichtet hatte, schon wieder ziehen: Radamel Falcao wechselte als Leihgabe nach Manchester zu United, James ­Rodríguez wurde gar definitiv an Real Madrid abgetreten. Es ging damals das Gerücht um, Rybolowlew müsse sparen, weil ihn die Scheidung von seiner Frau viel Geld koste.

Jardims Genugtuung

Plötzlich bestand die Mannschaft aus vielen jungen und talentierten Spielern, denen es aber noch an internationaler Routine gebrach, und aus alten Glorien des Sports, die den Höhepunkt ihrer Karriere schon hinter sich wähnten – ­Dimitar Berbatow zum Beispiel, der frühere Leverkusener. Der bulgarische Stürmer kam im letzten Sommer aus London, von Fulham, wirkte am Anfang langsam und wenig inspiriert, trug dann aber mit seinen Toren und seiner Erfahrung bald zur Stabilisierung des Teams bei. Monaco kämpfte sich mit funktionalem, kräftigem und selten ästhetischem Fussball aus dem Mittelfeld der Ligue 1 zusehends nach oben. Man steht nun im vierten Rang, gar nicht weit weg von ­Paris, Marseille und Lyon. Und man gehört zur europäischen Topelite.

Leonardo Jardim, Monacos portugiesischer Coach, feiert gerade Revanche gegen seine Skeptiker. Es gab viele. Auch er mutete wie eine Verlegenheitsbesetzung an, wie eine Rabattlösung. Das war vor der heldenhaften Abwehrschlacht.

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