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Die Revanche für ein Guetsli

Die Italiener erleben das Duell mit Schweden wie einen Kreuzweg. Warum da auch die EM 2004 eine Rolle spielt.

Italiens Nationaltrainer mit seinem Stürmer Ciro Immobile.
Italiens Nationaltrainer mit seinem Stürmer Ciro Immobile.
Keystone

Eine Tragödie. Eine Apokalypse gar. Das Jüngste Gericht. Manche Kategorien, die gerade bemüht werden, sind dermassen übertrieben und ultimativ, dass sie es eigentlich nicht verdient hätten, wiederholt zu werden. In diesem Fall aber besser schon – für das Gefühl. Italien spielt gegen Schweden um die Teilnahme an der WM in Russland, zunächst heute auswärts in Solna, dann am Montag daheim in Mailand, und es ist, als stehe wieder einmal alles auf dem Spiel. Verliert man, ist es das erste Mal seit 1958, dass man nicht dabei ist. Und damals – oh welch unheilvolle Fügung des Schicksals! – fand das Turnier in Schweden statt.

Die «Gazzetta dello Sport» ist sich der Übertreibung, zu der sie genüsslich beiträgt, natürlich bewusst und zitiert mit fein gehauchter Selbstkritik eine alte Weisheit von Winston Churchill, der einmal sagte: «Italien verliert Kriege, als wären es Fussballspiele – und Fussballspiele, als wären es Kriege.»

Eine Weltmeisterschaft ist für die meisten Italiener eine heidnische, deshalb aber nicht minder heilige Sommermesse mit Riten und Ritualen. Im Erfolgsfall, der sich in der Vergangenheit ja recht oft ergab, steigert man sich dann in eine kollektive Glückseligkeit, sogar in ein rühriges Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich sonst nur selten einzustellen vermag: Das Land ist ja lang ­gezogen, beginnt in den Alpen und hört erst fast in Afrika auf. Das Einende ist da rar. Die Azzurri – sie einen. Verlieren sie aber, sind die Italiener unerbittlich ­kritisch.

Konfuse Ideen

Es gilt also, ein mittleres Unheil abzuwenden. Man wäre nicht überrascht, wenn es nicht gelänge. Italiens Nationalmannschaft dämmert nämlich in einer Form-Baisse, die nicht unwesentlich daher rührt, dass das Team in einem Generationswechsel steckt. Trainer Gian Piero Ventura will es nicht gelingen, seiner Auswahl eine Spielidee zu vermitteln. Und das ist für die Italiener, die der Taktik immer schon eine übergeordnete Rolle zuwiesen, schier unverzeihlich. Es muss nicht schön sein, was man spielt, aber einen klaren Plan sollte man dahinter schon erkennen können. Ventura steht also unter Dauerkritik. In den Zeitungen wird gerne daran erinnert, dass er halt vor seinem Engagement als ­Commissario tecnico nur mittlere oder kleine Vereine gecoacht habe. Einige der alten Granden im Team sollen auch ­deshalb ihre Mühe mit ihm haben.

Ventura versuchte es lange mit einem 4-2-4. Marco Verratti und Daniele De Rossi sollten das Mittelfeld alleine präsidieren. Da die beiden aber nicht sonderlich schnell sind, eröffneten sich den Gegnern im Zentrum regelmässig weite Spielwiesen, Prärien schier. Vorne dagegen standen sich die Stürmer gegenseitig im Weg: In der Spitze sollten Ciro Immobile und Andrea Belotti duettieren, was sie früher unter Ventura bei der AC Torino ganz ansehnlich getan hatten. Im neuen Kontext standen sie sich aber ständig auf den Füssen herum. Auch der Neapolitaner Lorenzo Insigne wurde damit nicht glücklich: Der ist nur dann wirklich gut, wenn er seinen Wirbel vom linken Flügel ins Zentrum tragen kann, doch da standen sich ja schon Immobile und Belotti im Weg.

Gegen Spanien in Madrid ging Italien mit dieser Aufstellung regelrecht unter: 0:3. Das war im September. Seither zweifeln die Azzurri. Selbst Schweden wächst sich da zum Angstgegner aus. Ventura sagt, er habe nie daran gedacht, dass sie scheitern könnten. Er sagte aber auch: «Das ist der wichtigste Moment meiner Geschichte.»

Und für diesen Moment stellt er auf einmal alles um: 3-5-2. Hinten steht die alte Abwehr von Juventus Turin: Buffon im Tor, vor ihm Chiellini, Barzagli und der mittlerweile nach Mailand gezogene Bonucci. Das Zentrum polstert Ventura mit den drei zentralen Mittelfeldspielern De Rossi, Verratti und Parolo sowie den Seitenläufern Darmian und Candreva. Vorne sollten Immobile von Lazio Rom und Simone Zaza von Valencia spielen, die beide erfreulich produktive Phasen erleben. Zaza spielt gar wieder so überzeugend, dass sein dämlicher, tausendfach parodierter Anlauf beim verschossenen Penalty gegen Deutschland an der EM in Frankreich 2016 ­vergessen ist. Fast schon vergeben.

Das Salz im Calcio

Gegen Schweden also – mit einer alten Wut im Bauch, wegen eines «biscotto». So, «Guetsli», nennen die Italiener mehr oder weniger offene Absprachen zweier Teams zur Benachteiligung eines dritten. Die Geschichte liegt 13 Jahre zurück, EM 2004. Italien schied damals schon in der Vorrunde aus, obschon es kein einziges Spiel verloren hatte: Schweden und Dänemark hatten sich in der letzten Begegnung mit genau jenem Resultat getrennt, nämlich einem 2:2, das sie beide qualifizierte und die Italiener eliminierte. So etwas kann natürlich Zufall sein. Sehr wahrscheinlich ist es aber nicht. «Biscotto» übrigens ist ein Begriff aus dem Pferderennsport und dem Wettgeschäft drumherum. Um ein Pferd, das gewinnen sollte, schneller zu machen, verabreichte man ihm kurz vor dem Rennen ein Guetsli mit verbotenen ­Stimulanzien.

Auch Komplott-Theorien gehören zum italienischen Fussball, sie sind oft gar das Salz im Calcio.

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