Die Nummer 99 trifft viele Töne

Guillaume Hoarau ist für YB ein Glücksfall. In mehr als zwei Drittel aller Spiele hat er ein Tor erzielt.

«Last-Minute-Transfer» aber Volltreffer: Guillaume Hoarau.

«Last-Minute-Transfer» aber Volltreffer: Guillaume Hoarau.

(Bild: Keystone Lukas Lehmann)

Ruedi Kunz

Sie bezaubern die Fussballwelt stets von neuem: Lionel Messi und Cristiano?Ronaldo. Gegenseitig treiben sich Barcelonas Nummer 10 und Reals Nummer 7 zu immer neuen Rekorden. Letzte Saison zum Beispiel gelangen dem Portugiesen in 35 Meisterschaftspartien sagenhafte 48 Tore, der Argentinier stand ihm nur ganz wenig nach (38 Spiele/43 Tore). In der laufenden Spielzeit der spanischen Primera División setzen sie das Wetteifern unvermindert fort. Die aktuellen Werte lauten – Messi: 24 Spiele, 22 Tore; Ronaldo: 29 Spiele, 27 Tore – das Duo ist also ganz nahe am phänomenalen Tordurchschnitt von 1,0.

Nur einen Zehntelpunkt unter der magischen Grenze liegt im Moment Guillaume Hoarau. Die beeindruckende Quote gilt es insofern zu relativieren, als der Franzose weit weniger Partien (10) bestritten hat und er in einer deutlich schwächeren Liga beschäftigt ist. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der YB-Spieler einer der besten Stürmer der Super League ist. Seit er im Spätsommer 2014 die hiesige Fussballbühne betreten hat, versetzt er den Gegnern ­regelmässig Nadelstiche – sofern er sich nicht, wie Anfang Saison, halb verletzt auf dem Platz herumschleppt.

In der ersten Spielzeit in Bern, die er mit fast zwei Monaten Verspätung in Angriff nahm, gelangen ihm 17 Meisterschaftstore, welche ihm in der Torjägerwertung der Super League den 2. Rang eintrugen. In dieser Saison, in der er wegen einer Operation im Adduktorenbereich lange Zeit ausfiel, ist er dank dem Rückrundeneffort auch schon wieder bei neun Treffern angelangt.

Ein gesundes Ego

Was macht den 1,92-Meter-Mann, der weder Sprinter noch aggressiver Zweikämpfer ist, so gefährlich? Ein wichtiger Punkt ist sein sehr gutes Kopfballspiel, das den Gegenspielern immer wieder Kopfzerbrechen bereitet. Ein zweiter?ist seine Effizienz im Abschluss. Wenn Hoarau eine Chance kriegt, nimmt er sie häufig wahr. Das wiederum stärkt sein Selbstvertrauen, an dem es ihm ohnehin nicht mangelt.

Entwickelt hat er es in seinen fünf Jahren bei Paris St-Germain. Dort fehlte es schon vor der Ankunft Zlatan Ibrahimovics nicht an Typen mit einem gesunden Ego. Bei PSG habe er gelernt, «den ständigen Druck nicht als Belastung zu empfinden, sondern als Motivation», sagt Hoarau. Hilfreich im überhitzten Umfeld sei «die innere Ruhe»?gewesen, die ein Charakterzug von ihm ist. Womit wir bei einem anderen nicht zu unterschätzenden Faktor sind. Ein Stürmer, der auch in der grössten Hektik die Ruhe bewahrt, ist der viel grössere Gefahrenherd als ein leicht zu nervender Störenfried.

Wer den 32-Jährigen zum klassischen Strafraumstürmer reduziert, tut ihm Unrecht. Sein Bestreben ist es, sich überall in der Angriffszone am Kombinationsspiel zu beteiligen. Wenn er eng gedeckt wird, lässt er den Ball gerne abtropfen oder lenkt ihn zur Seite. Dabei kommt ihm seine gute Technik zugute. Und seine Polyvalenz. Hoarau spielte in jungen Jahren auch ganz ordentlich Basketball und fungierte bis 13 als Abwehrspieler («links aussen und im Zentrum»). Danach kam er eine längere Periode im Mittelfeld zum Einsatz, ehe er mit 17 in die Sturmspitze beordert wurde.

Nicht zu unterschätzen ist ein weiteres Gut: seine Erfahrung. Wer sich seit mehr als einem Dutzend Jahren auf höchstem Level bewegt, der hat unzählige Spielsituationen verinnerlicht und erfasst deshalb eine Situation rascher als ein Profi ohne Routine.

Was sagen ehemalige YB-Offensivkräfte zum aktuellen Topstürmer ihres Ex-Vereins? Thomas Häberli, in Basel als Talentspäher angestellt, gefällt Hoaraus «Ruhe beim finalen Akt und die Lockerheit, die er ausstrahlt.» Was ihm ebenfalls auffällt: «Guy weiss, dass er stark ist, und das lässt er die Gegner spüren.»

Keine Zukunft als «Pressinghai»

Lars Lunde, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt, urteilt kritischer. «Er bewegt sich zu wenig.» Auch hege er Zweifel, dass Hoarau für ein konsequentes Pressingspiel, wie es Adi Hütter vorschwebe, tauge. Was der 51-jährige Skandinavier dem Franzosen zugutehält: «Er braucht für seine Tore wenig Chancen.» In einem Punkt irrt sich Lunde: Messungen ergaben, dass Hoarau pro Match neun bis zehn Kilometer zurücklegt.

Die Behauptung, er sei nicht geeignet für ein intensives Pressing, kontert Hoarau mit einem süffisanten Lächeln. «Das sagt ihr Journalisten. Ich sehe das ganz anders.» Pressing funktioniere nur im Kollektiv. «Und ich leiste meinen Beitrag – ohne wenn und aber.» «Für Guy ist es eine neue Erfahrung, doch er macht das gut», bestätigt sein Trainer. Was er bestimmt nicht tun werde: Hoarau zu einem «Pressinghai» umbauen. Damit hätte er ohnehin keinen Erfolg.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt