Die Nacht der Abrechnung

Die einen wurden gedemütigt, die anderen verraten: Beim Cup-Hinspiel zwischen Barcelona und Real Madrid sind einige Rechnungen zu begleichen.

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Da war sie wieder, die Hand von Gerard Piqué, Real Madrids Hassfigur. Die Hand der Demütigung. Oder kurz: «La manita», das Händchen. In Spanien ein Zeichen für fünf erzielte Treffer in einem Spiel – jeder Finger steht für ein Tor. Passiert am 28. Oktober 2018, dem Tiefpunkt von Real Madrids schauriger ersten Saisonhälfte. Das 1:5 beim FC Barcelona war sogleich das Ende des erst im Sommer verpflichteten Trainers Julen Lopetegui. Was noch mehr schmerzte: Bei den Katalanen sass Lionel Messi verletzungsbedingt auf der Tribüne – es hätte also noch schlimmer kommen können.

Doch nicht nur Barças Superstar musste bei diesem Spiel zuschauen. Auch Vinicius Junior stand nicht im Aufgebot seines Teams. Und auf diesem jungen Brasilianer lasten vor dem heutigen Cup-Hinspiel (21 Uhr) bei Barça alle Madrider Hoffnungen. Denn der 18-Jährige steht für den Aufschwung, den Real mit dem neuen Trainer Santiago Solari zuletzt erleben durfte. Und für den letzten grossen Sieg gegen den Erzrivalen. Aber der Reihe nach.

Bis Ende Oktober durfte Vinicius ganze zwölf Ligaminuten für Reals erste Mannschaft spielen. Sonst sass er entweder auf der Bank, der Tribüne, oder musste für die zweite Mannschaft in Spaniens rau geführten dritter Liga die Knochen hinhalten. Dann kam die Schmach im Clásico. Und dann Valladolid ins Estadio Santiago Bernabéu. Auch dort musste der im Sommer gekommene Jungspund zuerst zuschauen, ehe er in der 73. Minute beim Stand von 0:0 eingewechselt wurde. Das Publikum war nervös. Sollte es tatsächlich das sechste Ligaspiel in Serie ohne Sieg geben? Nun, der linke Aussenstürmer brauchte zehn Minuten, um für die Erlösung zu sorgen. Dabei hätte sein Schuss das Ziel deutlich verfehlt, doch Gegenspieler Kiko Olivas lenkte ins eigene Tor. Real gewann 2:0, und Vinicius war auf einen Schlag Reals neuer Publikumsliebling.

Fleischgewordene Rache für Neymar

Seit einem Monat spielt Brasiliens U-20-Nationalspieler in jedem Spiel von Beginn an. Die Fans verzaubert er mit Tempodribblings und seinem Zug nach vorne. Reals Hausorgan «Marca» schrieb von einem «teuflischen Rhythmuswechsel», den Vinicius so aussergewöhnlich mache. Dazu kommt die Quote von zwei Toren und sieben Vorlagen in sechs Cupspielen – dem Wettbewerb, bei dem er von Anfang an am meisten zum Zug kam. Er verkörpert die Zukunftshoffnungen des Vereins. Nach dem schmerzhaften Abgang von Cristiano Ronaldo gibt es wieder einen, auf den sich die immer weniger erscheinenden Zuschauer im Bernabéu freuen können. Und er ist quasi die fleischgewordene Rache an Barça für Neymar.

Denn ähnlich traumatisierend wie Barcelonas sieben Meistertitel in den vergangenen zehn Jahren (Real feierte in dieser Zeit zwei) war die Schmach auf dem Transfermarkt, als Brasiliens Topstar sich 2013 für einen Wechsel nach Katalonien statt in Spaniens Hauptstadt entscheid. Obwohl Neymar als 14-Jähriger schon in Madrid zum Probetraining war. Für Real-Präsident Florentino Pérez war klar: Dafür soll der Erzrivale büssen.

Die Retourkutsche kam vier Jahre später. Wie die spanische Zeitung «Mundo Deportivo» erzählt, war sich Barcelona mit Vinicius bereits einig. Es sei der 5. April 2017 gewesen, als Vinicius mit Familie und Berater im Camp Nou zu Gast war. Barça besiegte Sevilla 3:0, der damals 16-jährige Jungprofi von Flamengo war entzückt. So entzückt, dass eine Woche später per Handschlag besiegelt worden sei, worauf Barcelonas sportliche Leitung seit drei Jahren hinarbeitete: Vinicius’ Verpflichtung. André Cury, Barcelonas Mann in Brasilien, habe ausgehandelt, dass der Verein 30 Millionen Euro an Transfererlös bezahlt – weitere drei Millionen an Kommissionen für Berater und Familie wären dazugekommen. Vollzogen werden sollte der Umzug im Sommer 2018, nach Vinicius’ Erreichen der Volljährigkeit. Schliesslich verbieten es Fifa-Statuten, Nicht-EU-Bürger vor dem 18. Geburtstag zu holen.

War es Verrat?

Was Cury allerdings übersehen hatte: In besagter Woche zwischen Camp-Nou-Besuch und Handschlag reisten die Berater kurz nach Madrid. Nicht ohne Hintergedanken. Denn auch Pérez hatte plötzlich Lust auf den wirbligen Rechtsfuss. So schickte der Vinicius-Clan nach der Heimkehr in Rio de Janeiro statt der versprochenen Vertragsunterschrift eine Information nach Barcelona: Real bietet ein bisschen mehr. Nämlich 45 Millionen Euro für Flamengo, acht Millionen Beraterkommission und weitere acht Millionen Unterschriftsprämie für die Familie. Für Barças Cury ein Verrat, weshalb er aus dem Poker ausstieg. Zumindest berichtet das so «Mundo Deportivo».

So machte Real Madrid am 24. Mai 2017 die Verpflichtung von Vinicius Junior offiziell. Etwas mehr als ein Jahr später küsste er das Logo der Königlichen, und heute bekommt er wohl die Chance, sich endgültig in die Herzen seiner Fans zu schiessen. Dafür muss er allerdings einen Rat von Vereinslegende Jorge Valdano beherzigen. Der Argentinier bezeichnete Vinicius als ähnlich guten Spieler wie Barças Dembélé: «Nur überhasteter, das sieht man vor allem in seinen Torschüssen. Er hat noch nicht gemerkt, dass man auch in vollem Tempo präzis sein kann.» Die leicht kritischen Worte für den neuen Wunderknaben sind in Madrid nicht bei allen gut angekommen.

So geht es nicht nur um eine gute Ausgangslage fürs Rückspiel in Madrid (27. Februar) oder darum, ob Messi wegen einer Oberschenkelblessur dieses Mal wirklich mittun kann. Das Cupspiel im Camp Nou ist vor allem eines: Die Nacht der Abrechnung.

DerBund.ch/Newsnet

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