Die Lizenz zum Rücktritt

Was für ein Chaos in der Challenge League! Jetzt sind der FC Wil und sein Präsident moralisch verpflichtet.

Der Aufwand war enorm, doch vorerst ist der Club gerettet: Wil-Präsident Roger Bigger. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Der Aufwand war enorm, doch vorerst ist der Club gerettet: Wil-Präsident Roger Bigger. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Allzu lustig kommen Mitteilungen aus dem Haus der Swiss Football League selten daher. Auch diesmal ist es eine eher nüchterne Angelegenheit. Das Schreiben der Lizenzkommission besagt, dass 17 von 20 Clubs der SFL ohne Auflagen 2017/18 am Profifussball teilnehmen dürfen. Dass der FCZ oder Xamax in die Super League aufsteigen dürfen und Rapperswil-Jona, Kriens oder Nyon in die Challenge League.

Und die unschöne Note: dass Wohlen, Chiasso und Le Mont die Lizenz in erster Instanz verweigert wird. Als Reaktion auf diesen negativen Bescheid hat der Quartierclub aus Lausanne die Liga sogleich über seinen freiwilligen Abstieg informiert. Gut möglich, dass Wohlen und Chiasso folgen.

Ein Luftschloss gebaut

Damit wird die Sache ironisch. Denn vom Verzicht Le Monts profitiert aus­gerechnet der FC Wil. Zur Erinnerung: Das ist jener Club, dessen Budget von einem türkischen Investor derart ­aufgeblasen wurde, dass jeder das Luftschloss erkennen musste, das ab Sommer 2015 aufstieg. Für Löhne von monatlich bis zu 40'000 Franken heuerten Spieler in Wil an, angelockt von der Mär, dass sie bald in der Champions League spielen würden. Im Januar 2017 blieben die Löhne erstmals aus, im Februar war der Geldgeber weg.

Wil wurden von der Disziplinarkommission anfangs sechs Punkte abgezogen, diese Strafe wurde inzwischen auf drei Punkte reduziert. Das Resultat: Weil etliche Spieler die Lohneinbussen nicht hinnehmen wollten, die nach dem plötzlichen Ausstieg des Investors nötig geworden waren, ist die aus­gedünnte Mannschaft auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht.

Der Aufwand, den die Führung um Präsident Roger Bigger zur Rettung betrieb, war beträchtlich. Mehrfach war zu vernehmen, dass der Konkurs kaum noch abzuwenden sei. Jetzt reicht es doch, zumindest ist die SFL zufrieden: Lizenz für 2017/18 ohne Auflage. So nehmen die Wiler zwar die Rolle des Chaosclubs ein, anders als Bellinzona (2013), Servette (2015) und Biel (2016) steigen sie aber nicht ab.

Fussball wird unerschwinglich

Das sorgt für Ärger. Le-Mont-Präsident Serge Duperret klagt in «Le Matin» über die Ungleichbehandlung: «Wir ­stehen bei den Löhnen mit keinem Franken in Rückstand und machen alles richtig. Und Wil streicht die Saläre zusammen und erhält die Lizenz.» Der Furor ist nachvollziehbar, trotzdem kennt die SFL kein Reglement, das besagen würde, dass Löhne nicht reduziert werden dürfen. Was es gibt, ist eine Strafe für zu spätes Zahlen dieser Löhne, diese wurde angewandt.

Letztlich hat der FC Wil vor allem eines: Glück gehabt. Glück, dass Profifussball für Clubs wie Wohlen, Chiasso oder Le Mont immer unerschwinglicher wird, weil die Liga immer höhere Anforderungen stellt. Le Mont spielt weit weg von seiner Lausanner Heimat im Örtchen Baulmes und zieht kaum Zuschauer an, Wohlen müsste längst sein Stadion nachrüsten. Aber dafür fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an politischem Rückhalt.

Was heisst das für Wil? Nach der Rettung und dem Ligaerhalt am grünen Tisch besteht eine moralische Verpflichtung gegenüber der Liga. Konkret: für Präsident Bigger, immerhin Finanzchef der SFL. Der ist nach anfänglichem Zögern zwar in Ausstand getreten, die einzig richtige Konsequenz ist jetzt jedoch: Will Bigger noch etwas Glaubwürdigkeit über die Ziellinie retten, darf er in dieses Amt nicht zurückkehren und sich im Herbst auch der Wiederwahl ins Komitee nicht mehr stellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:44 Uhr

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