Die Liga träumte vom Ferrari – und fährt VW

Die Reform im Schweizer Fussball ist kein grosser Wurf. Vieles bleibt beim Alten – vielleicht gar alles.

Tritt ohne Gegenkandidaten zur Wiederwahl an: Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League (l.), hier mit dem Basler Shkelzen Gashi, Top Scorer der Saison 2014/2015. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Tritt ohne Gegenkandidaten zur Wiederwahl an: Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League (l.), hier mit dem Basler Shkelzen Gashi, Top Scorer der Saison 2014/2015. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi
Christian Zürcher@suertscher

Sie prüfte die Aufstockung der Zehnerliga. Sie dachte an Formate mit Final- und Abstiegsrunde. Sie diskutierte wilde Formeln mit Playoff oder Meistertitel-Finalissima. Ein halbes Jahr lang hat die Swiss Football League (SFL) mithilfe der auf Modusfragen spezialisierten holländischen Firma Hypercube Experten befragt, Journalisten eingeladen und Analysen gemacht.

Die Liga träumte also vom Ferrari, vom Neuen und Verrückten. Nun ist aber klar, dass sie fast nichts ändert und weiterhin den alten VW fährt. «Vielleicht ist der VW für die Schweiz einfach die beste Lösung, die Realität», sagt Claudius Schäfer, CEO der Liga. Möglich ist nur noch eine kleine Anpassung.

Die Liga mit den 20 Clubs aus den zwei höchsten Spielklassen stimmt bei ihrer Generalversammlung am 10. November über die Rückkehr der Barrage ab. Damit es wieder zu den Auf-/Abstiegsspielen zwischen dem Zweitletzten der Super League und dem Zweiten der Challenge League kommt, braucht es eine Zweidrittel-Mehrheit.

Nichts passt richtig

Die Aufstockung zur Zwölferliga galt lange als wahrscheinliche Änderung: In der Schweiz gibt es gemäss Hypercube 24 Clubs, die sich Spitzenfussball leisten können. Mit Servette, Xamax und Schaffhausen stehen in der Challenge League auch gerade Teams an der Spitze, die mit ihren Stadien und ihren Ansprüchen in der Super League bestehen können.

In der ersten Evaluationsphase zeigten die Clubs fast schon euphorisches Interesse an einer Zwölferliga. Dass es mit ihr jetzt trotzdem nichts wird, hat vor allem mit dem Modus zu tun. Es passte nichts richtig.

Eine Meisterschaft mit 4 Durchgängen zu 11 Spielen pro Team und insgesamt 44 ist unrealistisch (bislang sind es 36). Bei nur drei Durchgängen mit 11 Spielen stellte sich wegen ungleicher Verteilung von Heim- und Auswärtsspielen die Fairness-Frage. Praktisch unmöglich ist es, bis zur Winterpause 22 Runden auszutragen, um die Liga danach in die ohnehin umstrittene Final- und Abstiegsrunde zu spalten.

Hypercube hat berechnet, dass für Mannschaften in der Abstiegsrunde die Zuschauereinnahmen um bis zu 20 Prozent sinken. Künstliche Eingriffe wie Punkteteilung und Playoffs lehnten viele Clubs ebenfalls aus Fairness­gründen ab. Eine meisterschafts­entscheidende Finalissima weckte zudem Sicherheitsbedenken.

Neben der Modusfrage hat für manchen Club eine Rolle gespielt, dass der finanzielle Anteil an den TV-Rechten bei 12 statt 10 Vereinen kleiner wird. Die Clubs der Challenge League befürchteten zudem einen Attraktivitätsverlust, weil ihre Zugpferde plötzlich eine Liga höher spielen würden. Und die TV-Partner waren von Beginn an skeptisch, die Zehnerliga passt ihnen. Und so entschied am Schluss eine deutliche Mehrheit, dass es am besten ist, wie es ist.

Barrage: Schlechte Chancen

Es liesse sich argumentieren, das Denken der Vereine sei von fehlendem Mut geprägt. Wahrscheinlich ist es vor allem eines: vernünftig. Und wahrscheinlich bleibt von der einst gross angedachten Ligareform gar nichts mehr übrig, nicht einmal die Barrage.

Es mag sich eine wesentliche Mehrheit der Fussballfans ein Comeback der spannungsgeladenen Barrage wünschen. Dass es dafür aber bei der Generalversammlung die nötige Mehrheit von mindestens 14 Stimmen gibt, ist eher unwahrscheinlich. Der grösste Teil der Challenge-League-Clubs wird dafür sein – vielleicht sind es sogar alle. Der grösste Teil der Super-League-Vertreter wird aber aus Angst vor einer Relegation dagegen sein. Das Beispiel des FC Zürich zeigt, dass abgesehen von Basel und YB ein Abstiegsszenario wohl für jeden Club realistisch ist. Es braucht nur einmal eine schlechte Saison.

Gibts für Bigger eine Abfuhr?

Die Generalversammlung wird in neun Tagen auch das sogenannte Komitee neu besetzen, das neunköpfige Führungsgremium der Liga. Heinrich Schifferle wird erneut zum Präsidenten gewählt, Gegenkandidaten gibt es keine. Spannender ist, was unter Schifferle passiert.

Das liegt nicht in erster Linie an den Rücktritten von Jean Claude Donzé, Dölf Früh und Bernhard Heusler. Das hängt vor allem mit Roger Bigger zusammen, der sich wie Ancillo Canepa, Jean-François Collet, Peter Stadelmann und Claudio Sulser zur Wiederwahl stellt. Der bisherige Finanzchef der Liga hat den FC Wil mit dem Verkauf an türkische Investoren zuerst an den Rand des Abgrunds getrieben, danach allerdings mit einer Last-Minute-Rettungsaktion auch vor dem Konkurs gerettet.

Mehrere Clubvertreter reden hinter vorgehaltener Hand schlecht über Bigger und sind der Meinung, dass die Liga mit ihm im Komitee ein grösseres Glaubwürdigkeitsproblem hat. Seine erneute Wahl wäre eine Überraschung.

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