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Die letzte Chance

Nach bald 20 Jahren bei den Young Boys kann Marco Wölfli seinen ersten Titel gewinnen. Man hat das Gefühl, die nächsten Monate werden die Karriere des Goalies für immer definieren.

Wie geht seine Geschichte aus? Torhüter Marco Wölfli steht bei YB plötzlich wieder im Fokus.
Wie geht seine Geschichte aus? Torhüter Marco Wölfli steht bei YB plötzlich wieder im Fokus.
Nicole Philipp

Marco Wölfli ist am Montagmittag umringt von Journalisten. Während die fünf Teamkollegen, die mit ihm für den Medientermin im Stade de Suisse aufgeboten worden sind, bald wieder gehen können, muss Wölfli immer neue Fragen beantworten, fünf, zehn, zwanzig Minuten lang. Nach der Verletzung von Stammgoalie David von Ballmoos, der mit einer Schulterluxation mindestens drei Monate ausfallen dürfte, steht der 35-jährige Grenchner im Fokus.

Er, der den Auszug aus dem Wankdorf ins Neufeldstadion und den Einzug ins Stade de Suisse miterlebt, über 400 Partien für YB absolviert und zwei Cupfinals und zwei Finalissimas verloren hat. Er, der Nationalspieler war, sich schwer verletzte und den lang gehegten Traum, die Teilnahme an der WM 2014 in Brasilien, verpasste. Er, der frühere Captain, der bei YB erst dem aufstrebenden Yvon Mvogo, dann dem aufstrebenden von Ballmoos weichen musste, erhält noch einmal die grosse Bewährungschance als Nummer eins beim Tabellenführer.

Wölflis Geschichte enthält schon jetzt fast alles, was eine gute Story ausmacht: Tiefschläge, Höhepunkte, Dramen, Degradierungen, Comebacks. Man könnte stundenlang mit ihm weiterreden, doch nach dreissig Minuten unterbricht der Medienverantwortliche: Der Goalie muss ins Training. Die alles entscheidende Frage wäre ohnehin offen geblieben: Wie geht seine Geschichte aus?

Man hat das Gefühl, die Antwort wird Wölflis Karriere für immer definieren. Szenario eins: Der 35-Jährige gewinnt im Sommer mit YB den ersten Titel seit 31 Jahren. Es ist die Krönung seiner Karriere. Bei der Feier auf dem rappelvollen Bundesplatz darf Wölfli den Pokal als Erster in die Luft stemmen. Szenario zwei: Die Young Boys gehen sowohl im Cup als auch in der Meisterschaft leer aus.

Wölfli wird seinen Ruf als ewiger Zweiter nicht mehr los. Auch wenn den Goalie keine Schuld treffen sollte, wird der Gedanke nicht zu verdrängen sein, dass es mit von Ballmoos im Tor bestimmt anders gekommen wäre.

Zwischen den beiden Szenarien scheint nicht viel Platz übrig für Interpretationen. Es ist ein Entweder-oder: Held oder Versager.

Lächeln gegen die Skepsis

Wie geht Marco Wölfli damit um? In den ersten Wochen nach von Ballmoos Verletzung wollte er nicht reden. Nach bald 20 Jahren im Geschäft ist er zwar ein Medienprofi, eine gewisse Skepsis gegenüber Journalisten hat sich der Familienvater jedoch stets bewahrt. Nachdem Wölfli diesen Sommer beim Heimspiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Dynamo Kiew zu einem der Matchwinner avanciert war, rief er den wartenden Medienschaffenden zu: «Jetzt wollt ihr wieder etwas von mir.» Er meinte es ernst, irgendwie. Und hatte doch ein Schmunzeln im Gesicht.

Nun redet Wölfli. Die anfängliche Verkrampfung löst sich rasch, die Arme sind nicht mehr verschränkt, die Hände stecken lässig im Hosensack. Er sagt: «Ich freue mich einfach darauf zu spielen.» Oder: «Ich spüre das Vertrauen von Team, Sportchef und Trainer.» Oder: «Ich bin körperlich wie mental bereit.» Oder: «Die Erwartungshaltung bei einem Verein wie YB ist immer gross.»

Fragen danach, ob er sich in seinem Alter die Aufgabe zutraue, Bemerkungen zu den Momenten, in denen das Wort «veryoungboysen» entstanden ist und die er hautnah miterlebte, die unterschwellige Skepsis - das alles lächelt Wölfli freundlich weg. Er sagt dann jeweils, diese Überlegungen seien vor allem etwas für die Medien. Es wirkt wie ein Schutzmechanismus, damit er sein Inneres in der Öffentlichkeit nicht nach aussen kehren muss. Er ist so trotz bald zwei Jahrzehnten im YB-Trikot immer eher unnahbar geblieben.

Wenn man sich bei früheren Trainern und Mitspielern umhört, ist immer der eine Satz zu hören: Man würde dem Marco den Titelgewinn von Herzen gönnen. Fast gleichzeitig werden aber auch Einwände platziert. Einer sagt, das Alter Wölflis sei ein Fragezeichen. Ein anderer meint, der Druck werde immens sein, und er wisse nicht, ob Wölfli dem gewachsen sei. Er hoffe es.

Patrick Bettoni war bei YB der Goalie, der 2005 den Stammplatz an Wölfli verloren hatte. Als Torhütertrainer vom FC Thun ist er ein Szenekenner geblieben. Er hat eine andere Sichtweise: Der 42-Jährige findet, Wölflis Alter sei nicht negativ, sondern positiv zu bewerten, der Erfahrungsschatz werde ihm nun helfen. «Marco hat viele herausfordernde Situationen erlebt.

Er war mit YB schon Tabellenführer, er hat sehr wichtige Partien bestritten. Er weiss seine Lage richtig einzuschätzen.» Bettoni findet auch, Wölfli werde in der öffentlichen Betrachtung manchmal Unrecht getan. Von einer Genügsamkeit, weil er YB treu blieb, statt sich andernorts zu beweisen, will Bettoni nichts wissen. «Ich habe in meiner Karriere einige Spieler erlebt, die rasch zufrieden waren. Marco gehört definitiv nicht dazu. Ich habe ihn als unheimlich ehrgeizig erlebt, er wollte immer weiterkommen. Wäre er nicht so, würde YB ihm nun auch nicht das Vertrauen schenken.» Es ist absurd, die oft vermisste Vereinstreue wird Wölfli zuweilen negativ ausgelegt. Vielleicht weil in seiner Karriere der grosse Erfolg fehlt.

Gedanke ans Karriereende

Marco Wölfli schien sich damit zu arrangieren, er füllte die Rolle als Nummer 2 tadellos aus. Während er zusah, wie junge Teamkollegen aufstiegen und ihre Träume verwirklichten, befasste er sich mit der Zeit nach dem Fussball. Seit zwei Jahren absolviert er ein Studium der Ernährungs- und Bewegungslehre. Alles schien den gewohnten Lauf zu nehmen. Nun erhält Wölfli die Möglichkeit, seine Karriere doch noch zu vollenden, derweil muss David von Ballmoos den heftigsten Rückschlag seiner jungen Laufbahn verkraften. Es ist eine grosse Geschichte voller Emotionen, eine, wie sie nur der Sport schreiben kann.

Wie geht sie aus? Das kitschige Happy End mit Titelgewinn ist möglich. Wie auch, dass die Young Boys mit Wölfli im Tor erneut nur Zweiter werden. So oder so wird sein Leben danach weitergehen.

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