Die Legende im Nacken

Marco Wölfli ist der gefeierte Meistergoalie, David von Ballmoos steht künftig wieder im YB-Tor. Es ist eine Konstellation mit Tücken.

Konkurrenten, die sich schätzen: David von Ballmoos (links) freute sich glaubhaft über Marc Wölflis (rechts) Höhenflug. Dieser wiederum unterstützt den jungen Emmentaler seit Jahren.

Konkurrenten, die sich schätzen: David von Ballmoos (links) freute sich glaubhaft über Marc Wölflis (rechts) Höhenflug. Dieser wiederum unterstützt den jungen Emmentaler seit Jahren.

(Bild: Keystone Alessandro della Valle)

Dominic Wuillemin

Es ist ein herrlicher Sommerabend, als David von Ballmoos beim Burkhalter-Cup im Juni gegen Xamax erstmals wieder im Tor der Young Boys steht. Es gibt Würste und Bier und drängendere Themen als das Comeback des Goalies: der neue Trainer Gerardo Seoane etwa, die neuen Spieler, die WM. Eine Stunde später beginnt das zweite Gruppenspiel der Schweiz gegen Serbien, das mit der Doppeladleraffäre die Berichterstattung tagelang dominieren wird.

Von Ballmoos’ Rückkehr bleibt eine Randnotiz. Für den YB-Goalie jedoch ist es nicht einfach ein Testspiel. Für ihn ist es die ultimative Hauptprobe nach fünfmonatiger Verletzungspause. Der 23-Jährige hat sich in den Wochen davor im Training mit Goaliecoach Stefan Knutti Extrembelastungen ausgesetzt, ist mit voller Kraft gehechtet, hat sich durchgestreckt, hundert-, zweihundertmal. Er vertraut wieder auf die Schulter, seine Problemzone, in die er schon lange viel Zeit investiert, die ihn innert vier Jahren dennoch zweimal im Stich gelassen hat.

Der Wettkampf aber lässt sich nicht simulieren. Auf dem Spitalacker steht ihm erstmals wieder ein Gegner gegenüber, der auf ihn zurennen wird, dessen Bewegungen sich höchstens antizipieren lassen. Ein Zögern, ein Zurückziehen, ein Fehler, und Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit werden aufkommen.

Doch von Ballmoos erledigt seinen Job, wie man das von ihm gewohnt ist: schnörkellos, solid, stilsicher. Er spielt zu null. «Ich war froh, wurde im Vorfeld nicht über mein Comeback gesprochen. So konnte ich ungestört mein Ding durchziehen», sagt er.

Der lange Schatten Wölflis

Dass von Ballmoos’ Rückkehr keine leichte werden würde, ist schon an diesem Abend ganz am Anfang der Vorbereitung zu spüren. Neben der kleinen Tri­büne auf dem Spitalacker thront der goldene Meisterpokal auf schwarzem Podest. Vor ihm hat sich eine Schlange gebildet, die Zuschauer wollen sich mit der Trophäe ablichten lassen.

Jene, die nicht von Ballmoos, sondern Marco Wölfli gewonnen hat. So jedenfalls ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Von Ballmoos’ fast makellose Vorrunde mit einigen Glanzauftritten wie jenem gegen Basel wird überstrahlt von Wölflis meisterlicher Rückrunde.

Wenn von Ballmoos sagt, er habe nicht das Gefühl, dass er irgendjemandem etwas beweisen müsse, dass er nicht bei null anfange, weil er in der Hinrunde gezeigt habe, für den Goaliejob bei YB zu genügen, stimmt das zwar. Und doch wird ihm das hier und da als Arroganz ausgelegt.

Das hat vor allem mit der Geschichte Wölflis zu tun, die so schön bewegend ist, dass sie niemanden kaltlässt. Noch heute, fast drei Monate nach dem Spiel gegen Luzern und dem gehaltenen Elfmeter, bedanken sich Wildfremde beim 35-Jährigen. Seine Heimatstadt Grenchen hat ihn soeben zum Ehrenbürger ernannt. Und in Fankreisen wird diskutiert, ihm dereinst ein Denkmal hinzustellen. Die Figur Wölfli wirft einen langen Schatten, von Ballmoos wird nicht so rasch aus ihm treten können.

Wie schwierig das sein kann, hat der Münsinger Roman Bürki in Dortmund erfahren. Die Rollenverteilung beim BVB war zwar von Beginn an klar definiert, doch gerade in der Anfangszeit forderten Fans und Medien bei ­jedem Patzer Bürkis die Rückkehr von Meistergoalie Roman Weidenfeller.

Das belebende Torhüterduell

Wie YB mit der tückischen Tor­hüterkonstellation umzugehen plant, wird schon auf dem Spitalacker ersichtlich. Seoane verteilt die Einsatzzeiten gleichmässig, Wölfli spielt gegen Breitenrain, von Ballmoos gegen Xamax. Das zieht sich durch die Vorbereitung hindurch. Und wird dem Trainer die Goaliefrage gestellt, verweist er auf den Saisonstart gegen GC.

Es scheint, als wolle Seoane ganz bewusst keine Klarheit schaffen. Konkurrenzkampf kann belebend sein, kann Reibung erzeugen, Energie geben. Und Energie können die Gelb-Schwarzen nach der sehr emotionalen Meistersaison mit all den Feierlichkeiten gebrauchen.

Das kalkulierbare Risiko

Die Vorgehensweise der Young Boys könnte anderswo für Pro­bleme sorgen, in Bern ist das Risiko kalkulierbar klein. Weil sich Wölfli und von Ballmoos respektieren und schätzen.

Der Routinier hatte sich schon um seinen jungen Konkurrenten gekümmert, als dieser mit 16 bei den Profis mittrainieren durfte. Er förderte ihn auch vorletzten Winter, als sich abzeichnete, dass von Ballmoos den wechselwilligen Yvon Mvogo ersetzten und damit zum direkten Konkurrenten aufsteigen würde. Als Wölfli damals in den Winterferien erfuhr, dass der an Winterthur verliehene von Ballmoos auch in Dubai weilt, lud er ihn und dessen Freundin zu einem gemeinsamen Nachtessen ein.

Und von Ballmoos verhehlte diesen Frühling zwar nie seinen Frust über die Schulterverletzung, er erkannte aber, dass die Blessur seinem Widersacher eine nicht mehr für möglich gehaltene Chance bot, die Karriere zu vollenden. Und er freute sich glaubhaft, als sie Wölfli auf kitschigste Art und Weise nutzte.

Der Vertrag als Zeichen

Mit der Vertragsverlängerung mit von Ballmoos im Juni bis 2022 sendete der Club ein starkes Zeichen, wer wieder die Nummer 1 sein werde. Wölfli wird sich im Sommer nicht allzu grosse Hoffnungen gemacht haben, auch wenn die Torhüterfrage offiziell immer noch nicht geklärt ist. Schliesslich kennt er die Philosophie des Clubs, auf junge aufstrebende ­Akteure zu setzen. «Natürlich möchte ich nach der grossartigen letzten Saison im Tor stehen», sagt Wölfli am Samstagvormittag nach dem Match gegen Münsingen.

Sein Nachsatz verrät, dass er sich mit seiner neuen alten Rolle abgefunden hat. Er meint: «Das Wichtigste ist, dass wir eine gute Vorbereitung gehabt haben.» Dass von Ballmoos dann am Nachmittag gegen Premier-League-Club Wolverhampton zum Einsatz kommt, ist der finale Beleg für die Hackordnung.

Und so wird David von Ballmoos am Sonntag gegen GC sein erstes Pflichtspiel für YB seit Mitte Dezember bestreiten, nicht auf der Nebenbühne Spitalacker, sondern im gut gefüllten Stade de Suisse. Ein Fehler, und die Rufe nach Marco Wölfli werden lauter. Damit wird er vorerst leben müssen.

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