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Die grosse Sehnsucht

Vor 120 Jahren gründeten Berner Schüler die Young Boys. Mit englischem Boost fand der Fussball zu uns – und dank Schweizer Schwung seinen Weg nach ganz Europa.

Held mit Publikum: Eugen «Geni» Meier zeigt 1960 im Wankdorfstadion stolz den Meisterpokal. Foto: STR/Keystone
Held mit Publikum: Eugen «Geni» Meier zeigt 1960 im Wankdorfstadion stolz den Meisterpokal. Foto: STR/Keystone

Zur Empfängnis kam es an Weihnachten – die Geburt folgte im Frühling. Ein Fussball, so heisst es, sei unter dem Christbaum der Familie Schwab gelegen, im Winter 1897 im Kirchenfeld. Und weil die beiden Brüder Oskar und Max, zu der Zeit noch Gymnasiasten, bald nicht mehr viel anderes taten, als Fussball zu spielen, gründeten sie am 14. März 1898 die Young Boys. Erst hiess der Verein FC, später BSC, und am Mittwoch ist das 120 Jahre her.

Zwischen den ersten Trainings auf dem Sportplatz Schwellenmätteli und dem Heimspiel gegen GC morgen im modernen Stade de Suisse liegt nicht nur mehr als ein Jahrhundert Schweizer Sportgeschichte, sondern auch die Entwicklung des Fussballs vom belächelten Studentenhobby zum grössten und wichtigsten Sport der Welt. Und in dieser Entwicklung agierte die Schweiz mit ihren zahlreichen Vereinsgründungen um die Jahrhundert­wende als kontinentale Vorreiterin. Bereits 1879 entstand mit dem FC St. Gallen der älteste historisch verbürgte und noch existierende Club in Kontinentaleuropa. Und 1886 beschloss der englische Biologiestudent Tom Griffith in Zürich die Gründung der Grasshoppers. Der Legende nach kurz, nachdem er unter dem Mikroskop eine Heuschrecke beobachtet hatte – wahrscheinlich aber eher, weil er in diversen Rugbyclubs mit dem Zusatz «Grass­hopper» in seiner Heimat Inspiration gefunden hatte.

«English» war «en vogue»

Überhaupt, die Briten. Ende des 18. Jahrhunderts gab es kaum etwas, worin sie nicht Weltspitze waren. Die industrielle Produktion, die militärische Aufrüstung, das Rennen um die Berggipfel. 1857 wurde mit dem British Al­pine Club der erste Bergsteigerverband der Welt gegründet, acht Jahre später bestieg Sir Edward Whymper erstmals das Matterhorn. Die Seilschaften zwischen den englischen Abenteurern und den einheimischen Bergführern machten die Schweiz als Herz des Alpenmassivs zu einem äusserst beliebten Ausflugsziel auf der britischen Insel. Und wer kam, blieb in der Regel auch ein Weilchen. Privatschulen vom Genfer- bis zum Bodensee genossen regen Zulauf bei den reichen Industriellen. Der «english way of life» war plötzlich auch in der Schweiz ziemlich angesagt und mit ihm die britischen Sportarten: Rugby, Cricket und der neuartige Fussball. Es ist kein Zufall, zählen viele Schweizer Fussballclubs zu den ältesten auf dem europäischen Festland und tragen englische Namen: Die Old Boys aus Basel waren Inspiration für die Young Boys der Schwab-Brüder, in Zürich gab es die Blue Stars oder die Fire Flies, und noch heute kicken dort die Young Fellows. Und wer sich so seine Gedanken macht über all die Goals, die Corner, den verweigerten Penalty, sich dazu vielleicht gar die Offside-Frage stellt, der erkennt: England war überall im Schweizer Fussball.

Die Young Boys blühten in diesen von Pioniergeist und Aufbruchstimmung geprägten Kinderjahren regelrecht auf. Einmal vom grossen FC Bern abgenabelt, unter dessen Organisation sie zu Beginn noch als Schülerteam angetreten waren, gewannen sie 1903 zum ersten Mal die Meisterschaft. Der erste Titelhattrick folgte zwischen 1909 und 1911, und bald darauf schon zog YB, bis anhin auf dem Spitalackerplatz und der Kasernenwiese kickend, ins neue Wankdorfstadion ein.

Von der Schweiz in die Welt

Der Fussball war noch immer ein wunderlicher Sport, damals in der Vorkriegszeit. Und doch zog er die Menschen an, mit der Schweiz als Vorreiterin der Exportwelle. «Fussballvereine waren immer auch ein Ort, an dem sich Geschäftspartner unterschiedlicher Nationalität trafen», schreiben Fabian Brändle und Christian Koller in ihrem Buch «Goal! Eine Kultur- und Sozial­geschichte des modernen Fussballs». Bedeutende Figuren des Sports wie Walther Bensemann (Gründer des Fachmagazins «Kicker») und Vittorio Pozzo (Weltmeistertrainer Italiens 1934 und 1938) lernten das Spiel beim Studieren in der Schweiz kennen.

Der Fussball fand seinen Weg in die weite Welt. Empfänglich für Neues waren zu dieser Zeit vor allem Hafenstädte. Le Havre, Genua, Bilbao – die englischen Seeleute spielten dort bei ihren Landgängen nach Herzenslust Fussball, wie die heutigen Traditionsvereine zeigen. Das Binnenland Schweiz bildete da einen Sonderfall – und vererbte die Lust am neuen Spiel ebenfalls weiter. Der Winterthurer Hans Gamper gründete 1899 den FC Barcelona, mit den Vereinsfarben Rot und Blau, die an seinen Ex-Klub Excelsior Zürich er­innern sollten – und nicht, wie oft behauptet, an die Farben des FC Basel. Der Getreidehändler Gustav Kuhn half mit, den FC Bari zu gründen, der Zahnarzt Louis Rauch war der erste Präsident des FC Bologna, und die Mehrheit der Gründungsmitglieder von Inter Mailand waren Schweizer.

YB entwickelte sich weiter prächtig. In den 50er-Jahren wurde das Wankdorfstadion für die anstehende WM in der Schweiz auf 64 000 Plätze ausgebaut. Und 1951 kam ein gewisser Albert Sing zu den Young Boys – was der Deutsche mit den Bernern erreichte, ist historisch: vier Titel in Serie, zwei Cupsiege, 1959 der Halbfinal im Meistercup gegen das grosse Stade Reims. Es war die Zeit von «Bomben-Meier», dem grossen Geni, als bester YB-Schütze im Europapokal bis heute nur übertroffen von Guillaume Hoarau.

Die Stunde der Romantiker

Titelmässig begann für YB in der Folge eine ähnliche Durststrecke, wie sie die Anhänger aktuell erdulden: Pokalsiege kamen noch zwei dazu (1977 und 1987), die nächste Meisterschaft ist bis heute die letzte, jene von 1986 unter dem Polen Alexander Mandziara. Darauf folgten schwierige Jahre. In den brüchigen Gemäuern des Wankdorfstadions über­dauerten die Fans zwei Abstiege in die NLB, Ende der 90er-Jahre stand der Verein vor dem finanziellen Ruin. Nach der Sprengung des alten und dem Baubeginn des neuen Wankdorfstadions fanden die Young Boys 2001 Zuflucht in der Exilheimat Neufeld. Dort, auf der knarrenden Holztribüne, schlug die Stunde der Romantiker. Mit Stéphane Chapuisat schwang auch wieder internationale Klasse mit, und nach dem Einzug ins ­Stade de Suisse 2005 zählte YB fortan zur Schweizer Spitze.

Von den britische Bergsteigern, die am Anfang dieser Entwicklung standen, ist nicht viel übrig. Der Name, ja. Und vielleicht die Sehnsucht, dereinst wieder ganz oben auf dem Gipfel zu landen.

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