Die Erholung beginnt am Buffet

Heute bestreitet YB bei Feyenoord das sechste Spiel in 20 Tagen. Konditionstrainer Martin Fryand gewährt Einblicke in die Regeneration zwischen den Partien in Genf und Rotterdam.

Die treibende Kraft: Konditionstrainer Martin Fryand (rote Jacke) ist seit 2008 für die Fitness der YB-Akteure zuständig.

Die treibende Kraft: Konditionstrainer Martin Fryand (rote Jacke) ist seit 2008 für die Fitness der YB-Akteure zuständig.

(Bild: Keystone)

Dominic Wuillemin

Das Buffet steht bereit: Pasta, Poulet, dazu diverse Regenerations-Shakes – es gilt, den Speicher mit Kohlenhydraten und Vitaminen aufzufüllen. Es ist Sonntagabend nach 18 Uhr im Stade de Genève. Die Young Boys haben soeben bei Servette 0:3 verloren; es ist ihre erste Niederlage in der Meisterschaft und eine mit Folgen: Gianluca Gaudino humpelt durch die Katakomben, den linken Knöchel einbandagiert. Der Mittelfeldspieler wird nach dem Foul eines Gegners wohl bis Ende Jahr ausfallen. Die schon angespannte Personal-Lage ist noch einmal verschärft worden. Weniger verfügbare Spieler bedeuten weniger Flexibilität bei der Aufstellung. Ergibt ein Plus an Belastung für den gesunden Rest.

Manchmal absolviert Konditionstrainer Martin Fryand nach Partien mit den Ersatzspielern eine kurze Einheit, damit auch ihre Körper eine gewisse Beanspruchung erfahren. In Genf verzichtet er darauf – am Montagmorgen steht schon das nächste Training an. Es geht Schlag auf Schlag, am Donnerstag wird YB in Rotterdam das sechste Spiel in 20 Tagen bestreiten.

Die Regeneration hat am Buffet begonnen, sie geht während der zweistündigen Busfahrt nach Bern weiter. Manche Spieler lassen sich von den zwei Physiotherapeuten, die jeweils bei Auswärtspartien dabei sind, behandeln. Regenerationsgeräte werden eingesetzt, die etwa mit Wärme- oder Kälteimpulsen zur Erholung beitragen. «Die Spieler wissen genau, welche Massnahmen sie benötigen», sagt Fryand.

Der 47-Jährige ist seit 2008 bei YB für die Fitness der Profi-Equipe zuständig. Für ihn ist klar: Bei so vielen Partien können Details entscheiden. «Macht einer nichts, merkt er vielleicht zuerst keinen Unterschied.» Beim fünften, sechsten, siebten Match innert kurzer Zeit zahle sich aber der Mehraufwand ganz bestimmt aus. Fryand ist überzeugt: «Die Summe an Details ergibt den Fortschritt.»

Ein Duracell-Hase namens Ngamaleu

Um 21 Uhr treffen die Young Boys beim Stade de Suisse ein, sie haben Feierabend. Ihm falle es schwer, nach Partien abzuschalten, sagt Fryand. Die Emotionen sind präsent, die Gedanken kreisen. Der frühere YB-Profi überlegt sich an diesem Abend etwa, ob vielleicht ein anderes Aufwärmen hilfreich gewesen wäre? Von aussen sehe das immer gleich aus, sagt Fryand. Es variiere aber. Sind die Bedingungen wie in Genf schwierig – tiefer, schlechter Rasen, nasskaltes Wetter, das Stadion kaum gefüllt –, nimmt er mehr Einfluss, ist lauter, fordernder.

Am Montagmorgen ist das Training auf 11 Uhr angesetzt, die Ersatzspieler sind dabei, Belastungsausgleich nennt sich das, sowie jene Profis, die vor einer baldigen Rückkehr ins Team stehen wie Christopher Martins und Guillaume Hoarau. Es wird verlangt, dass die Spieler spätestens eine Stunde vor Trainingsbeginn in der Garderobe sind, gefrühstückt wird zu Hause. Manche absolvieren ein Aktivierungsprogramm, angeleitet von Fryand. Die Stammkräfte regenerieren, lassen sich massieren. Wer erholt sich am schnellsten? Fryand denkt an Nicolas Ngamaleu, der weite Distanzen zurücklege und viele Sprints absolviere und dennoch rasch wieder belastbar sei.

Mentaltrainer hier, Personalcoach da

Am Nachmittag hat das Team frei. Wobei der Begriff relativ ist: Fast jeder Spieler trainiert zusätzlich, macht Übungen für Rumpf- und Oberkörper. Einige leisten sich einen Mental- oder Fitnesstrainer. YB verlangt in solchen Fällen, dass die Einheiten mit dem Trainerteam abgesprochen sind, eine schädliche Belastung ausgeschlossen werden kann. Auch an freien Wochenenden, etwa während Länderspielpausen, wird von den Profisverlangt, dass sie sich bewegen. Sie müssen, etwa auf Städtetrips, eine Uhr dabei haben, mit der geprüft werden kann, ob sie den vorgeschriebenen Dauerlauf absolviert haben. Wobei die Spieler enorm pflichtbewusst seien, sagt Fryand. «Sie wissen genau, was es bedeutet, Profi zu sein. Sie wollen sich verbessern.» Auch Nachwuchskräfte würden heutzutage schon Zusatzschichten leisten. Allerdings könne auch zu viel gemacht werden, sagt Fryand, Abschalten erachtet er als essenziell. «Auf diese Weise entsteht wieder Lust aufs nächste Training, aufs nächste Spiel.»

Am Dienstagvormittag ist Training. Während der Einheiten tragen die Spieler einen GPS-Tracker. Das führt zu einer Flut an Daten, die Übersicht zu wahren, ist nicht einfach. Vor einigen Jahren habe man die Belastung vorab an den zurückgelegten Kilometern gemessen, heute stehe eher die Anzahl an schnellen Läufen im Fokus, sagt Fryand. Oft würden die Zahlen aber nur den eigenen Eindruck bestärken. «Die Trainer haben ein geschultes Auge. Sie sehen, wenn ein Spieler die geforderte Belastung nicht erreicht.» Da gelte es zu pushen, aber auch mal Nachsicht zu zeigen. «Es sind keine Maschinen. Vielleicht hat einer einen schlechten Tag oder private Probleme.» Die Beziehung zu den Spielern sei anders als früher. «Als Konditionstrainer ist man nun viel stärker involviert, ist vor, während und nach dem Training gefordert.» Fryand sieht sich eher als Begleiter denn als Coach.

Nützliche Gastfreundschaft des Stadtrivalen

Mittwoch ist Reisetag. Um 18 Uhr findet das Abschlusstraining in Feyenoords Stadion De Kuip statt. Im Fokus steht, die Spannung aufzubauen, sich an die Verhältnisse zu gewöhnen. Dass die Partie heute erst um 21 Uhr beginnt, ist eine Herausforderung. Herumhängen im Hotel mache träge, sagt Fryand. Das gilt es zu vermeiden.

Deshalb absolviert YB am Matchtag jeweils ein Aktivierungstraining, mit Gymnastikübungen und lockeren Balleinheiten. In Rotterdam wird auf einem Platz in der Nähe des Teamhotels trainiert, beim Spiel gegen den FC Porto durfte YB im September den Platz von Boavista Porto benützen. Rivalitäten können für den Gast von Nutzen sein.

Zurück im Hotel, kann sich das Team aufs Zimmer zurückziehen, erneut wird darauf geachtet, dass die Phase des Nichtstuns nicht zu lange dauert. Vielleicht wird noch ein taktisches Element mit der Offensive besprochen, die Defensive eingestellt. Zudem wird die letzte Teamsitzung im Hotel abgehalten. Dann geht es ins Stadion. Fryand sagt, Partien auf europäischer Bühne seien etwas Spezielles. «Die Vorfreude ist gross, ebenso die Anspannung bei den Spielern.»

Die Atmosphäre wird eine andere sein als am Sonntag in Genf. Für den Konditionstrainer bedeutet das, dass er sich beim Einlaufen eher zurücknimmt, beruhigt. Antreiben wird diesmal nicht vonnöten sein.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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