Die bittere Machtlosigkeit der Liga im Fall Xamax

Hintergrund

Obwohl Xamax-Besitzer Bulat Tschagajew die Gepflogenheiten des Schweizer Fussballs mit Füssen tritt, kann die Liga nicht eingreifen. Höchste Zeit für eine Änderung im Regelwerk.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Wie ein Leser von DerBund.ch/Newsnet aus seinen Ferien berichtet, hat es Neuchâtel Xamax mit der Entlassung seiner gesamten Führungsriege sogar in die Presse Malaysias geschafft. Was in der Ferne für Amüsement sorgen mag, findet die Swiss Football League gar nicht lustig. «Was passiert, ist nicht gut für das Image der Liga und des Schweizer Fussballs», sagte Ligachef Edmond Isoz gegenüber «Le Matin».

«Die Situation macht uns in sportlicher Hinsicht Sorgen. Wir haben eine Liga mit zehn Mannschaften, zehn Mannschaften, die in der Lage sein müssen zu spielen. Wenn ein Klub derart grosse Probleme hat, besteht das Risiko, dass auch die neun anderen tangiert werden», so Isoz weiter. «Wir können aber nur in jenen Bereichen eingreifen, in denen wir etwas zu sagen haben: bei den Lizenzen und Finanzen. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Wir verfolgen also die Entwicklung mit einer gewissen Bitterkeit.» FCB-Stürmer Alex Frei hatte im Video-Interview mit DerBund.ch/Newsnet schon vor der Saison erklärt, das Xamax-Modell sei gefährlich für den Schweizer Fussball.

Sogar der Klubarzt ist Tschagajew nicht mehr genehm

Die Swiss Football League, die von Sions Präsident Christian Constantin einiges gewohnt ist, hat in Xamax-Besitzer Bulat Tschagajew einen neuen Oberbösewicht vor die Nase gesetzt bekommen, der Xamax offenbar als eine Art Spielzeug sieht. «Das Xamax-Haus ist schmutzig, man muss es reinigen», soll Tschagajew nach seiner Machtübernahme gesagt haben. Was er unter dem Reinigen versteht, weiss man jetzt: Er enthob nach dem 0:2 in Basel Chefcoach François Ciccolini, Sportchef Sonny Anderson und Goalietrainer Jean-Luc Ettori ihrer Ämter und als pompöses Schlussbouquet des Entlassungs-Feuerwerks auch noch Andrei Rudakow, den Präsidenten von seinen Gnaden. Sogar Klubarzt Roland Grossen, der auch dem Staff des Schweizer Nationalteams angehört, wurde nahegelegt, seinen Posten abzugeben.

In Deutschland wäre ein Szenario wie bei Xamax nicht möglich

Das grosse Problem im Fall Tschagajew ist, dass sich Sonnenkönige wie er im Schweizer Fussball so gut wie gar nicht massregeln lassen. Anders als in der Bundesliga verhindert das Regelwerk nicht, dass ein Investor die Kontrolle über einen Verein übernimmt. In Deutschland greift dagegen die sogenannte 50+1-Regel. Sie besagt, dass sich zwar die Mehrheit des Kapitals im Besitz privater Investoren befinden darf, diese aber nicht die Stimmenmehrheit übernehmen können. Ein Klub erhält in Deutschland nur dann eine Lizenz, wenn er «50 Prozent zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner» innehat.

«Wir haben gedacht, wir hätten im Fussball alles erlebt»

Der geschasste Goalietrainer Jean-Luc Ettori beschreibt Tschagajew gegenüber «Le Matin» als einen äusserst ungeduldigen Mann: «Er begreift nicht, dass die Meisterschaft erst eine Woche alt ist. Er hat wohl gedacht, dass wir Wunder vollbringen können. Wenn die wichtigen Spieler aber erst kurz zuvor zur Mannschaft gestossen sind, kann man nicht viel bewirken.» Ihm und seinen Trainerkollegen sei mit jedem Tag klarer geworden, dass man bei Xamax nicht professionell arbeiten könne. Die Spieler seien sehr enttäuscht über die Entlassung des Trainer-Staffs. «Wir haben gedacht, wir hätten im Fussball alles erlebt. Aber nein, es gibt ja auch noch Neuchâtel», gibt Ettori zu Protokoll.

Die ursprünglich für Montagabend angekündigte Präsentation eines neuen Xamax-Trainers mit einem grossen Namen lässt derweil weiter auf sich warten. Vorerst behebt Christophe Moulin, der bislang als Technischer Direktor fungierte, das Trainervakuum. Er besitzt die verlangte Uefa-Pro-Lizenz und arbeitete vor sieben Jahren als Assistent des damaligen Xamax-Trainers René Lobello. Danach war er im Nachwuchsbereich für den irischen Verband tätig.

Die Leiden des FC Wil in der Ära Belanow

Es nicht das erste Mal, dass es im Schweizer Fussball erhebliche Probleme mit einem Investor aus dem Ausland gibt. Beim FC Wil übernahm 2003 der Ukrainer Igor Belanow die Macht. Zusammen mit dubiosen Geldgebern aus seiner Heimat hielt Europas Fussballer des Jahres 1986 51 Prozent der Anteile am damaligen Super-League-Klub. In der Schlussphase seiner wirren Herrschaft im Frühjahr 2004 warteten die Spieler während Monaten auf ihre Gehälter und Prämien, auch ein Trainer mit gültiger Lizenz fehlte. Wil gewann in der Saison 2003/04 zwar sensationell den Schweizer Cup, stieg aber in die Challenge League ab.

Der positive Gegenentwurf zu Xamax ist der FC Basel. Dessen Präsidentin Gigi Oeri unterstützt den Klub seit vielen Jahren überaus grosszügig. Alleingänge und wirre Aktionen liegen der Mäzenin dagegen fern. Nur bei der Wahl ihrer Kleidung ist Oeri bisweilen auf sympathische Weise etwas exzentrisch. Das operative Geschäft überlässt sie ihrem Vizepräsidenten Bernhard Heusler, der den FCB mustergültig führt.

DerBund.ch/Newsnet

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