«Deutsche gehen überzeugter an die Aufgabe ran»

St.-Gallen-Trainer Joe Zinnbauer hat letzte Saison als HSV-Trainer kurzzeitig im grellen Rampenlicht der Bundesliga gestanden.

Joe Zinnbauer glaubt, dass die Super League unterschätzt wird.

Joe Zinnbauer glaubt, dass die Super League unterschätzt wird.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Joe Zinnbauer, wie gut haben Sie die Super League gekannt, bevor der FC St.?Gallen auf Sie zukam?
Ich habe beim FC Basel hospitiert, als Thorsten Fink dort als Trainer tätig war. Da habe ich schon mal ein paar Dinge mitbekommen. Danach habe ich immer ein bisschen auf den FCB geschielt, wenn er in der Champions League aktiv war. Zudem waren beim HSV mit Peter Knäbel und Patrick Rahmen zwei Personen, die sich tagtäglich mit dem Schweizer Fussball beschäftigten. Und nicht zu vergessen: Mit Djourou und Behrami hatte ich zwei Nationalspieler im Kader. Ihren Werdegang habe ich ­natürlich auch studiert. Sie sehen, ich bin des ­öfteren mit dem Schweizer Fussball in Berührung gekommen in den letzten Jahren.

Haben Sie bei HSV-Sportdirektor Peter Knäbel Erkundigungen ­eingeholt über den FC St.Gallen?
Offiziell konnte er mir keine Empfehlungen geben, da er mein direkter Vorgesetzter war. Informell hat er mir nur ­Positives über den Verein, den Präsidenten und den Sportchef erzählt.

Welche Rolle haben Sportchef ­Christian Stübi und Präsident Dölf Früh gespielt bei Ihrer Zusage?
Eine entscheidende. Stübi, der den Kontakt hergestellt hat, ist nicht nur fachlich hoch kompetent, sondern auch menschlich ein sehr angenehmer Typ. Das gleiche gilt für Dölf Früh. Wie er den Verein führt, ist vorbildlich. Man merkt sofort, dass er ein Unternehmer ist. Ein erfolgreicher, wohlverstanden.

Sie waren selber auch etliche Jahre Unternehmer.
Deshalb kann ich mir erlauben, Frühs Führungsstil zu beurteilen. Er ist eine warmherzige Person und kann Leute für eine Aufgabe motivieren. Und er versteht etwas vom Geschäft.

Sie sind bald mal 90 Tage Trainer in der Super League. Was ist Ihnen aufgefallen?
Ich finde es eine sehr gute Liga, die im Allgemeinen unterschätzt wird, weil sie manchmal ein bisschen provinziell wirkt, wenn man nur Fernsehbilder sieht. Über die Stärke von Basel müssen wir uns nicht lange unterhalten, und auch YB und jetzt Sion haben auf europäischem Niveau gute Resultate vorzuweisen. Das bildet meiner Meinung nach ein Stück weit die Qualität der Super League ab. Wie auch die vielen Schweizer Spieler in der Bundesliga, die zeigen, dass in der Schweiz gute Arbeit geleistet wird im Nachwuchsbereich.

Wie gross sind die Mentalitäts­unterschiede zwischen Deutschen und Schweizer Fussballern?
Deutsche gehen stolzer und überzeugter an die Aufgabe ran. Bei uns heisst es: «Kommt, wir gehen raus und gewinnen das Spiel.» Die Schweizer hingegen, so zumindest mein Eindruck, sagen in der gleichen Situation eher: «Lasst uns ­ordentlich verlieren!» Übers Verlieren redet man in Deutschland nicht vor ­einem Ernstkampf.

Auch nicht, wenn man gegen die übermächtigen Bayern spielt?
Na gut. Da bist du mit einem Punkt ­zufrieden (lacht). Was nicht heisst, dass du Angst hast und nicht richtig brennst bei einem Match gegen sie. Du willst ­gegen Bayern unbedingt bestehen, das ist die grosse Motivation.

Warum ist die Winner-Mentalität in Deutschland viel ausgeprägter als in der Schweiz?
Weil in Deutschland jedes Training als Wettkampf angesehen wird. Wir haben die Einstellung, jedes Trainingsspiel zu gewinnen. So sind wir erzogen worden. «Wir wollen uns mit den Besten der Welt messen», diesen Satz hörst du immer wieder. Zu meiner Aktivzeit war dieses Denken noch ausgeprägter als heute.

Um die Jahrtausendwende machte der deutsche Fussball eine grosse Krise durch. Als Folge davon wurde die Nachwuchsausbildung umgekrempelt und wurden vermehrt ausländische Trainer engagiert. Unter ihnen der Schweizer Lucien Favre, der sich in Deutschland einen vorzüglichen Namen geschaffen hat.
Das kommt nicht von ungefähr. Seine Analysen, seine Akribie in der täglichen Arbeit, das hat sich herumge­sprochen in der Szene. Als ich beim Karlsruher SC Assistenztrainer war, hatte ich während eines Trainingslagers in der Türkei die Gelegenheit, einige Trainingseinheiten von Favre zu beobachten. Seine Analyse­fähigkeit ist beeindruckend. Letzte ­Saison als HSV-Coach bin ich ihm dann zweimal im Wettkampf begegnet. Wir haben einmal verloren und einmal unentschieden gespielt.

Stichwort HSV. Der Traditionsclub wurde in den letzten Jahren extrem durchgeschüttelt. Sie tanzten 24 Spieltage lang mitten auf diesem Vulkan mit. Was nahmen Sie aus diesem Intermezzo mit?
Es hat mir enorm viel gebracht, weil es in dieser Zeit fast keinen schwierigeren Club gab als den HSV. Ich habe in den wenigen Monaten als Cheftrainer so viele Dinge ­erlebt, wofür du normalerweise einige Jahre brauchst. Es war einerseits motivierend, anderseits aber auch frustrierend und sehr anstrengend. Trotzdem möchte ich betonen, dass mir die Arbeit bis zum letzten Tag Spass gemacht.

Was haben Sie für eine Mannschaft angetroffen, als Sie Mitte September in St. Gallen begonnen haben?
Eine intakte, die konditionell in einer sehr guten Verfassung war. Insofern habe ich von Jeff Saibenes Vorarbeit profitiert. Wenn jetzt geschrieben wird, Zinnbauer habe die beste Abwehr der Schweiz ­formiert, dann stimmt das nur bedingt. Saibene hat das Team zusammengestellt und bis Ende August trainiert.

Sie wollen in St. Gallen ein Team formen, welches viel Ballbesitz hat und offensiven Fussball spielt. Wo steht das Team nach rund drei Monaten Entwicklungsprozess?
Ehrlich gesagt sind wir noch lange nicht da, wo wir hinwollen. Doch es bringt nichts, wenn ich versuche, Ideen durchzudrücken, die das Team im ­Moment noch gar nicht umsetzen kann. Das schafft nur Verunsicherung. Meine ­Aufgabe als Trainer ist es, die richtige Mischung an Bekanntem und Neuem zu finden. Und das haben wir ganz ordentlich hingekriegt. Die guten Resultate sind Beweis dafür. Was mich sehr positiv stimmt: Ich habe eine Mannschaft, die hungrig ist nach Wissen, die alles, was sie hört, sogleich umsetzen will.

Ich denke, Sie wissen schon, welche Spieler Ihre Spielphilosophie ­verstanden haben und welche nicht.
Wir haben ein paar unzufriedene Spieler, weil sie nicht oder nur wenig zum Spielen kommen. Ein Yannis Tafer zum Beispiel hat mehrmals nur Teileinsätze gekriegt, bevor er letzten Sonntag gegen Basel wieder in die Startaufstellung aufgerückt ist. Da werden wir im Winter schauen müssen. Wie auch bei anderen Unzufriedenen.

Wird es viele personelle ­Veränderungen geben im Winter?
Für mich zählen im Moment nur die ­beiden verbleibenden Spiele gegen YB und Vaduz, die wir gewinnen wollen. Danach werden wir eine ­Auslegeordnung machen und uns allenfalls nach Verstärkungen umsehen. Im Januar sind ja bekanntlich immer etliche Spieler auf dem Markt.

Riesige Investitionen sind nicht möglich, da die Klubleitung das Budget von aktuell 7,5 Millionen nicht erhöhen will. Mit welchen Argumenten wollen Sie Führungsspieler überzeugen, nach St. Gallen zu kommen?
Wir kriegen mit Sicherheit keine Top­führungsspieler hierher. Doch wer sagt, dass wir nicht eigene Spieler haben, die in eine Leaderrolle hineinwachsen können? Alain Wiss, Mario Mutsch und ­Danijel Aleksic haben diesbezüglich gute Ansätze gezeigt. Von Roy Gelmi und Martin Angha, beide immerhin U-21-Nationalspieler, erwarte ich auch, dass sie diesen Schritt machen.

Markus Babbel in Luzern, Sami Hyypiä beim FCZ, Adi Hütter bei YB, Sie bei St. Gallen: Die vielen ausländischen Trainer in der Super League rufen Kritiker hervor.
Das ist ein Thema, welches immer ­wieder von den Schweizer Medien aufgegriffen wird. Im Alltag merke ich nicht das geringste davon. Ausländische Trainer bringen neue Philosophien ins Land, das ist ein Mehrwert für jede Liga, denke ich mal.

YB-Trainer Adi Hütter orientiert sich am extremen Pressingspiel, welches Roger Schmidt mit ­Leverkusen betreibt. Das ist ­spektakulär, aber birgt auch ­erhebliche defensive Risiken.
Das hohe Pressing ist auch meine Vor­stellung von Spiel. Ich habe es beim HSV und beim KSC angewandt – nur hier in St. Gallen noch nicht, weil wir keine Zeit hatten, das System einzuüben. Du brauchst schnelle, laufstarke und intelligente Spieler, die ein gutes Timing haben.

Hütter, der bei YB fast zeitgleich begonnen hat, ist das Wagnis ­eingegangen.
Stimmt. Das spricht für ihn. Er lässt ein hervorragendes Pressing spielen. Das wird eine ganz schwierige Aufgabe heute Abend in Bern, zumal der Match auf Kunstrasen ausgetragen wird. Das ist immer eine Umstellung.

Hand aufs Herz: Gibt es nicht ­Momente, wo Sie den Rummel der Bundesliga vermissen?
Nein. Wir haben hier zusammen mit der Nachwuchsabteilung ein Projekt angestossen, welches äusserst reizvoll ist.

Inwiefern?
Wir sind daran, neue Einrichtungen zu schaffen für den Trainingsalltag,

Was zum Beispiel?
Wir haben einen Analyseraum geschaffen, der meinen Ansprüchen entspricht. Wir machen regelmässig Bewegungsschulung, wir essen gemeinsam Frühstück und Mittagessen, wir führen Positions- und Einzeltrainings durch ausserhalb der regulären Übungseinheiten.

Was machen Sie über die Festtage?
Ich gehe ein paar Tage Ski fahren. Der Präsident hat mich eingeladen in die Schweizer Alpen.

Der Bund

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