Des einen Leid, des anderen Freud

Gregory Wüthrich war die Nummer 3 in der YB-Innenverteidigung – bis sich Steve von Bergen verletzte. Der Stadtberner beweist seither, dass er eine valable Alternative zum Captain ist.

Der junge Gregory Wüthrich hat seine Chance in der YB-Innenverteidigung bisher genutzt.

Der junge Gregory Wüthrich hat seine Chance in der YB-Innenverteidigung bisher genutzt.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Gregory Wüthrich und Jérôme Boateng haben ein paar zufällige Gemeinsam­keiten. Beide sind 1,92 Meter gross und fast 90 Kilogramm schwer. Beide haben einen Ghanaer als Vater. Beide sind sie in der Hauptstadt ihres jeweiligen Landes aufgewachsen. Dass der deutsche Nationalspieler Wüthrichs fussballerisches Vorbild ist, hat nichts mit der Hautfarbe und den afrikanischen Wurzeln zu tun, sondern mit Boatengs fussballerischen Qualitäten. Er sei robust und enorm schnell, begehe kaum Fouls und habe eine überragende Balltechnik. Die Präzision der 50 und mehr Meter langen Diagonalflanken auf die Flügel, die zu Boatangs Markenzeichen geworden sind, findet der junge Berner «schlicht sensationell». Es gebe im ­Moment keinen anderen Abwehrspieler, der das Angriffsspiel eines Teams derart präge wie der 27-jährige Weltmeister. Weil er bei Wüthrichs Lieblingsclub ­Bayern München unter Vertrag steht, ist die Freude doppelt gross. Die Verbundenheit zu den Bayern hat mit der Grossmutter mütterlicherseits zu tun, die in Rosenheim lebt und Klein-Gregory schon früh Utensilien des FC Bayern zukommen liess. «Ich konnte gar nicht anders, als Bayern-Fan zu werden», scherzt der Verteidiger, bei dem sich schon sehr früh alles um den Fussball gedreht hat.

Bundesliga als Fernziel

Gregory Wüthrich ist eines der grössten Verteidigertalente der Schweiz. Im ­Winter 2013/14 schaffte er bei den Bernern den Sprung von der U-21 in die erste Mannschaft. Keine sechs Monate später stattete ihn YB mit dem ersten Profivertrag aus, der bis 2017 datiert ist. Wenn die Entwicklung im gleichen Tempo voranschreitet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Modellathlet den Schritt ins Ausland machen kann. Und da ihm die Bundesliga am nächsten liegt, könnte es sein, dass er irgendwann mit Boateng oder einem anderen Bayern-Akteur das erste Leibchen tauscht.

Von der Zukunftsmusik zurück zur Gegenwart. Die heisst Super League, 13. Spieltag, FC Basel - Young Boys, Sonntag 16 Uhr. Für die Berner ist es eine kapitale Partie. Verlieren sie, liegen sie bereits zwölf Punkte hinter dem Serienmeister der letzten Jahre zurück. Wüthrich ist realistisch: «Das wäre ein Rückstand, der sich kaum mehr aufholen liesse.» Um dieses Szenario zu verhindern, liess Coach Adi Hütter die ganze Woche im Wettkampfmodus trainieren. Laut Wüthrich waren Intensität und Konzentration sehr hoch. «Wir wissen, wie viel auf dem Spiel steht.»

Kein Fussballer ist glücklich, wenn er während längerer Zeit nur auf der Ersatzbank einen Stammplatz hat. Früher oder später macht sich Frust breit. Gregory Wüthrich erlebte diese Gefühle von Mitte Juli bis Ende September, als er nur ein einziges Mal in ein Super-League-Spiel eingreifen durfte. Die beiden Plätze in der Innenverteidigung gehörten Captain Steve von Bergen und Milan Vilotic. Obwohl er sich im Sommer auf ein Anstehen hinter den beiden Routiniers eingestellt hatte, haderte er zuweilen mit sich und dem Schicksal. Und was er auch bald realisierte: Wie undankbar es ist, die Nummer 3 in der Hierarchie zu sein.

Zurück auf einem Sonnenplatz

In diesen Tagen präsentiert sich Wüthrichs Fussballwelt in den schönsten ­Farben. Seit sich Steve von Bergen im Derby in Thun eine gravierende Oberschenkelverletzung zugezogen hat, bildet der U-21-Internationale mit Vilotic das Abwehrzentrum. Er tat es im Heimspiel gegen GC mit einer Souveränität und Abgeklärtheit, als verteidigte er schon ein halbes Dutzend Jahre oder mehr in der obersten Liga. Seine Gegenspieler sahen gegen den talentierten Stadtberner nicht manchen Ball. Und zum Torschuss kamen sie schon gar nicht. Dabei gehört Wüthrich mit etwas mehr als 30 Super-League-Spielen immer noch zur Gruppe der Unerfahrenen. Man dürfe diesen ­Umstand nicht überbewerten, sagt der 21-Jährige. «Ich habe gewusst, dass ich ­irgendwann wieder ­gebraucht werde. Als es so weit war, habe ich gar keine Zeit ­gehabt, mir noch viele Gedanken zu ­machen. Ich bin reingegangen und habe meinen Job erledigt.»

Weniger gut war Wüthrichs Leistung in Vaduz, wo er schon früh verwarnt wurde und in der Foulstatistik ganz weit vorne lag. «Ich bin zwei-, dreimal zu ­ungestüm in Zweikämpfe gestiegen. In diesen Situationen muss ich mich cleverer verhalten.» Von Vorteil ist, wenn es der Abwehrspieler schon am Sonntag tut, denn die Basler verfügen mit Delgado und Zuffi über zwei ausgesprochene Freistossspezialisten.

Der Bund

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