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Der Spielerumarmer wird zum Zyniker

Nach der Niederlage gegen Tottenham Hotspur schimpft Liverpool-Trainer Jürgen Klopp über sein Team. Was hat ihn so verändert?

Der Druck auf Jürgen Klopp wird immer grösser. Er verliert langsam seine Geduld.
Der Druck auf Jürgen Klopp wird immer grösser. Er verliert langsam seine Geduld.
FACUNDO ARRIZABALAGA, Keystone

Rums. Das war sogar für Jürgen Klopps Verhältnisse überdeutlich. «Alles war schlecht. Schlecht, schlecht, schlecht», schimpfte der Trainer des FC Liverpool nach dem 1:4 gegen Tottenham Hotspur. Und er legte noch nach: «Mit mir wäre das nicht passiert», ereiferte er sich. «Wenn ich in meinen Turnschuhen da draussen gewesen wäre, hätten sie nicht getroffen.»

Alle Gegentreffer seien einfach zu verteidigen gewesen, der Wille der Spurs grösser als der der eigenen Spieler. Es waren harsche Worte – und für den Trainer Klopp ziemlich ungewöhnliche. Der ehemalige Dortmund-Coach ist eigentlich als Spielerumarmer bekannt, als einer, der seine Schützlinge vehement verteidigt. Doch nun warf er in London seiner Mannschaft fehlende Einstellung vor.

Fünf Tore, die Spuren hinterlassen haben

Liverpool steckt in der Krise. Und damit auch Jürgen Klopp, der bei seiner Ankunft im Sommer 2015 von der englischen Öffentlichkeit gefeiert wurde. Das Team steht in der Premier League nur auf Platz neun, hinter Teams wie Watford, Newcastle oder Burnley. Der Rückstand auf Tabellenführer Manchester City beträgt zwölf Punkte, 13 haben die Reds überhaupt erst geholt. Nach neun Spieltagen haben sie 16 Gegentore kassiert – schlechter war Liverpool zuletzt 1964, als die Statistik 20 Gegentreffer auflistete. Fest steht schon jetzt: Der FC Liverpool, vor 27 Jahren zuletzt englischer Meister, wird auch in dieser Saison aller Voraussicht nach nicht mehr in den Titelkampf eingreifen können.

Als Klopp seinen Job in Liverpool antrat, sagte er, er wolle mit ehrlicher Arbeit den grossen FC Liverpool wieder ganz nach oben bringen. In Anlehnung an seinen extravaganten Trainerkollegen José Mourinho, genannt «The Special One», gab Klopp sich den Spitznamen «The Normal One». Die Realität zwei Jahre später ist eine andere.

Vor wenigen Wochen zu Saisonbeginn staunte die Öffentlichkeit noch über den Liverpooler Rasanzfussball, über das Offensivtrio um Sadio Mané, Roberto Firmino und Mohamed Salah. Doch Anfang September, beim 0:5 gegen Pep Guardiolas Manchester City, erfolgte der Bruch. Man hat das Gefühl, als hätten die Tore der «Citizens» in den Köpfen der Liverpooler bis heute schwere Spuren hinterlassen.

Trotz zahlreicher Chancen und spielerischer Dominanz trifft Liverpool gegen Teams aus dem Tabellenmittelfeld das Tor oft nicht. Auffallend ist die Häufigkeit der Fehler, die vor allem gegen die Topteams unterlaufen. Liverpool betreibt sein Gegenpressing nicht mehr so konsequent wie im vergangenen Jahr, attackiert nicht mehr mit der gleichen Intensität und ist dadurch immer häufiger zu traditionellem Verteidigen verdammt. Doch die Liverpooler Innenverteidiger Joel Matip, Ragnar Klavan und Dejan Lovren sind nicht gut genug, um auf höchstem Niveau Gegenstösse abzufangen. Einer der Vorwürfe lautet: Klopp habe es im Sommer verpasst, vor allem defensiv angemessen einzukaufen. Leipzigs Naby Keita kommt erst nächstes Jahr, der Transfer von Southamptons Virgil van Dijk scheiterte.

Wenn er lächelt, dann zynisch

In den vergangenen Tagen kramten britische Zeitungen die Punkteschnitte anderer Liverpool-Trainer heraus. Vorgänger Brendan Rodgers wurde im Oktober 2015 nach acht Spielen entlassen. Klopp hat nur ein Unentschieden mehr geholt als der Nordire.

Klopp steht nun nicht mehr an der Seitenlinie und grinst. Gegen die Spurs lächelte er nur manchmal, meist zynisch. Zum Beispiel, als Lovren vor dem zweiten Gegentreffer gegen die Spurs ein Fehler unterlief. Immer wieder schüttelte der Trainer während der 90 Minuten den Kopf. Er wirkte betroffen.

Klopp hadert und wirkt ratlos

Der gut gelaunte Klopp wird zunehmend zu einem hadernden und fast ratlos wirkenden Coach, der sich nun nicht anders zu helfen weiss, als seine Spieler heftig anzugehen. Diese Seite an ihm ist allenfalls in seinem letzten Jahr in Dortmund zu beobachten gewesen. Angesprochen auf seinen Verbleib in Liverpool reagiert Klopp mitunter selbstgefällig: «Liverpool würde wohl kaum jemand finden, der einen besseren Job macht als ich», behauptete er erst kürzlich.

Am Samstag spielt Liverpool nun beim FC Huddersfield. Trainer ist dort ausgerechnet David Wagner, der legt nicht nur eine Erfolgsserie hin und hat eben Manchester United geschlagen, sondern er ist auch Klopps bester Freund und Trauzeuge. Klopp ist Patenonkel von Wagners Tochter. Wird der Huddersfield-Coach nun auch Klopp ärgern? Der könnte das gerade nicht gut verkraften.

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