Der Schweizer Fussball fällt ins letzte Jahrtausend zurück

Die Meisterteams werden immer dominanter. Die Liga hatte dieses Problem schon einmal – und fand eine radikale Lösung.

Kevin Mbabu und die Young Boys haben in dieser Saison 84,3 Prozent der möglichen Punkte geholt. So dominant war noch kein Meister der Super League.

Kevin Mbabu und die Young Boys haben in dieser Saison 84,3 Prozent der möglichen Punkte geholt. So dominant war noch kein Meister der Super League.

(Bild: Keystone)

Florian Raz@razinger

Ist das jetzt die schöne, neue Fussballwelt? Oder bloss ein Ausreisser? 91 Punkte haben die Young Boys in dieser Saison gewonnen, 99 Tore erzielt und 20 Zähler Vorsprung auf den zweitplatzierten FC Basel herausgespielt. Spannend ist anders. Aber war es früher eigentlich anders? Hat nicht schon der FCB die Liga erdrückt?

Wir haben mal etwas Zahlen gewälzt. Die Antwort lautet: Jein. Die Basler konnten schon dominant sein. Aber die Lücke zwischen den Meisterteams und der restlichen Liga hat sich erst in den letzten vier Saisons markant vergrössert.

Um die Dominanz zu bestimmen, wurde ausgerechnet, wie viele Prozent der möglichen Punkte der Meister gewonnen hat. Das hat den Vorteil, dass ein Vergleich über die verschiedenen Spielmodi möglich ist, die die Schweiz seit 1984 erlebt hat. Und da gibt es einige. Von der 16er-Liga mit zwei Punkten für einen Sieg über einen Modus mit halbierten Punkten in einer Finalrunde bis zur aktuellen Zehnerliga mit drei Punkten pro Sieg.

Und so sieht das dann aus, wenn man jeweils den Schnitt von vier Jahren zusammenfasst:

Deutlich sichtbar ragt die aktuelle Periode heraus. Fast 80 Prozent der möglichen Punkte haben die Meister in dieser Zeit gewonnen. Interessanterweise teilen sich in dieser Phase Basel und YB die Titel, ohne dass sich an der Dominanz der Meister etwas ändern würde.

Kaum Trendwende in Sicht

Auf den ersten Blick überrascht, dass ausgerechnet die Phase von 1984 bis 1987 der heutigen Lage am nächsten kommt. Damals gewannen die Meister im Schnitt knapp 76 Prozent der möglichen Punkte. Die höchste Schweizer Liga hat heute also ein Problem, das sie schon einmal hatte – im letzten Jahrtausend.

Damals spielten 16 Teams in der Nationalliga A. Zu viele für ein Land mit einem kleinen Reservoir an Talenten. Entsprechend gross waren das Gefälle zwischen den Vereinen und die Dominanz der Meister.

Es muss die Liga alarmieren, dass der Meister heute noch dominanter ist, obwohl inzwischen sechs Clubs weniger mitspielen. Die Zahlen lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu: Der Rückstand der restlichen Liga auf YB und Basel ist in den letzten fünf Jahren kontinuierlich angewachsen.

Und wenig bis nichts deutet auf eine Trendwende hin. Zu gross scheint der finanzielle Vorsprung der Berner und Basler, selbst wenn letztere einen Sparkurs fahren wollen. Zu gross ist auch die Fehlerquote, die sich Vereine wie Sion oder Zürich leisten, die die Spitzenteams unter perfekten Umständen herausfordern könnten.

Liga-Reform bereits 2017 abgelehnt

Ende der 1980er griff die Liga zu einer radikalen Lösung. Auf die Saison 1987/88 wurde die Liga auf zwölf Teams verkleinert. Dazu wurden im Winter die Punkte halbiert, und die Teams auf den ersten acht Rängen spielten untereinander in einer «Finalrunde» den Meister aus.

In der Folge brach die Dominanz der Meister tatsächlich markant ein. Und das auch, wenn man die künstliche Spannung herausrechnet, die durch die Punktehalbierung im Winter hergestellt wurde. Die Titelgewinner holten mit dem Finalrunden-Modus nur noch zwischen 64 und 69 Prozent der maximalen Punktzahl. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass ab Frühjahr nur noch die acht Bestplatzierten gegeneinander antraten.

Kann also eine Modus-Änderung die Spannung in der Super League retten? Die Zeichen dafür stehen schlecht. Die Clubs der Swiss Football League haben im Oktober 2017 eine Liga-Reform abgelehnt. Ein neuer Anlauf dürfte es schwierig haben, weil es in der Schweiz kaum genügend Interesse, Geld und Spieler hat für mehr als zwölf Mannschaften in der höchsten Liga. Genau diese Grösse aber verunmöglicht einen sinnvollen Spielplan mit den gewünschten 34 bis 38 Runden.

In England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich zeigt sich übrigens ein fast noch krasseres Bild als in der Schweiz. Das zeigt eine Studie des CIES Football Observatory. Holten die Meister der Top 5 zwischen 1999 und 2004 im Schnitt 70 Prozent der möglichen Punkte, ist dieser Wert auf aktuell 81 Prozent gestiegen. Der Blick nach Europa bringt also auch keine Hoffnung.

DerBund.ch/Newsnet

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