Der Schaukelstuhl

Fussballgott «Grädel» kann auch alternative Geschichtsschreibung: Die Schweiz fährt gar nicht an die WM.

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Es dauerte ungefähr 33 Minuten, bis Michael O'Neill die zündende Idee hatte. Was niemand weiss: Der Trainer der Nordiren zieht sich vor wichtigen Spielen stets in seinen dunklen Keller zurück. Dort steht ein alter Schaukelstuhl, in den sich O'Neill hineinfallen lässt und wartet, bis er die gewinnbringende Taktik klar vor seinen Augen sieht. Er bezeichnet es als eine Art Wachtraum-Recherche. O'Neill staunt jeweils oft selbst, welche Pläne auftauchen. Aber er weiss: Es ist unklug, die Botschaft zu ignorieren.

Der Plan vor seinen Augen: Im Hinspiel unter Wert spielen, verlieren, aber nicht zu hoch. Eine Art Nicht-Leistung abliefern, den Gegner in der berüchtigten Sicherheit wiegen lassen. Und dann im Rückspiel die Dinge auf den Kopf stellen.

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Und es kam diese Szene in der Nachspielzeit im verregneten Basel, die O'Neill voll Vertrauen wahrnahm. Sein Verteidiger Jonny Evans stieg höher als alle Schweizer und traf per Kopf zum 0:1. Der Schweizer Verteidiger Ricardo Rodriguez konnte den Ball erst hinter der Linie abwehren. Schade. Was dann in der Verlängerung folgte, wollen wir nicht nochmals beschreiben. Es wäre eine Retraumatisierung. Eine Formel soll genügen: der kollektive Schweizer Zusammenbruch, ein zweites Torfür die Nordiren (aus einem Getümmel im Strafraum heraus). Die WM-Qualifikation für Nordirland.

Und. . . . gellende Pfiffe für das Schweizer Nationalteam. Pfiffe gab es schon für den Stürmer Haris Seferovic bei seiner Auswechslung, jetzt Pfiffe für alle. Laut. Im TV immer wiederdas Miesepeter-Gesicht von Xherdan Shaqiri in Grossformat, den Trainer Vladimir Petkovic ausgewechselt hatte. «Unverständlicherweise, und viel zu früh», wie die Experten nun in den Interviews nach Spielschluss erklären.

«Der Blick» wünschte Vladimir am nächsten Tag «für ewig in die Taiga», Seferovic Freundin schrieb aufInstagram, dass sie mit ihrem Schatz nie mehr Schweizer Boden betreten werde. Am selben Abend tritt Captain Stephan Lichtsteiner aus dem Nationalteam zurück. Wie konnte so etwas geschehen? Eine Debatte im Land.

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Aber man muss objektiv bleiben. Es hätte anders laufen können. Die Schweizer hatten eine Vielzahl von Chancen, weit mehr als die Nordiren. Es hätte nicht so kommen müssen.

Inzwischen ist O'Neill wiederin seiner Heimat, in seinem Haus,in seinem Keller und überlegt im Schaukelstuhl, wie er mit seinemTeam die WM in Russland erfolgreich bestreiten könnte. Petkovic liegt auch irgendwo weit weg in einem Liegestuhl und denkt . . . gar nichts mehr. Er hört Pfiffe in seinem Ohr nachhallen. (Der Bund)

Erstellt: 16.11.2017, 07:42 Uhr

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